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Friday, August 19th 2005, 11:04am

Überblick Europa 2005 / Frauen

schweiz:

Quoted


Erfahrung, Innovation und Konkurrenz

Drei der vier möglichen nationalen Titel im Frauenhandball sicherten sich St. Galler Vereine. St. Otmar und der LC Brühl machen die Ostschweizer Metropole zur schweizerischen Frauenhandball-Hochburg.

Schweizermeister der Nationalliga A ist St. Otmar St. Gallen. Schweizermeister der U19-Inter-Juniorinnen ist der LC Brühl St. Gallen. Schweizermeister der U17-Inter-Juniorinnen ist St. Otmar St. Gallen. Einzig der Titel der U15-Juniorinnen ist nicht in St. Gallen, sondern beim ZMC Amicitia in Zürich. Doch in allen drei Nachwuchskategorien stellt St. Gallen noch den Meisterschaftsdritten mit St. Otmar bei den U19- und U15-Juniorinnen, und dem LC Brühl bei den U17-Juniorinnen. Die Überlegenheit der St. Gallerinnen ist überwältigend und lässt nach Gründen suchen.

Erfahrungs-Plus

Eine, die den Frauenhandball aus allen Perspektiven seit einem runden Vierteljahrhundert kennt, ist Vroni Keller. Die 41-jährige Ex-Internationale und aktuelle NLA-Trainerin des LC Brühl kommt bei ihrer Ursachenforschung als erstes auf die Erfahrung zu sprechen. «Erfahrung und Tradition sind für die grossen Erfolge entscheidend. Wir haben in St. Gallen im Frauenhandball 15 bis 20 Jahre mehr Erfahrung als die Konkurrenz. Diese Erfahrung fusst beim LC Brühl auf der Tatsache, dass wir einen selbständigen Frauen-Verein bilden und uns nicht innerhalb eines Vereins mit Männern zu behaupten haben. Die gesamte Konzentration gilt uns Frauen. Dies hat auch St. Otmar in jüngster Zeit stark gemacht.» Dem widerspricht St. Otmars Nachwuchschef Daniel Pfister in keiner Weise. «Seit neun Jahren bilden wir einen eigenständigen und von den Männern völlig losgelösten Verein. Diese Entscheidungsfreiheit und vor allem finanzielle Unabhängigkeit ist extrem wichtig. Es herrscht kein stetiger Kampf um Hallen, Trainer, Material und Finanzen zwischen Männern und Frauen. Die gesamte Kraft und Konzentration ist auf ein Ziel gebündelt; in allen Bereichen für den Frauenhandball erfolgreich zu arbeiten.»

Stetige Unzufriedenheit

Die Annahme, dass es in St. Gallen reichlicher talentierte Handballerinnen gäbe als andernorts, ist sicherlich falsch. Wichtiger ist da schon die Erkenntnis, dass mehr in die Nachwuchsarbeit investiert wird. «Bei uns sind sämtliche Nachwuchsteams von mindestens zwei Verantwortlichen betreut», verrät Daniel Pfister. Ein Gleiches gilt auch für den LC Brühl, für den Vroni Keller anfügt: «Es arbeiten sehr viele engagierte Leute für den Frauen-Handball und sie erzeugen eine sehr hohe Qualität in ihrer Arbeit. Dazu kommt, dass wir immer unzufrieden sind.» Damit meint sie, dass man auf Erreichtem nie ausgeruht hat. Die Innovation in den verschiedensten Bereichen ist gross. Dazu zählen auch die internationalen Kontakte nach Deutschland und Österreich im Nachwuchs- und im Aktivbereich. In diesem Sektor kommt und kam dem LC Brühl eine eigentliche Vorreiter-Rolle zu. Für einmal hat hier die periphere Lage St. Gallens auch ihre positiven Seiten.

Konkurrenz belebt

War während Jahrzehnten der LC Brühl regional und national die klare und unbestrittene Nummer 1, so haben sich jüngst die Verhältnisse verschoben. In der abgelaufenen Saison hat St. Otmar den Stadtrivalen von den Rangierungen her überholt. Dies dürfte jedoch eher eine kurzfristige Wachtablösung sein, sind doch die Brühlerinnen als Verein mehr als doppelt so gross als die Otmärlerinnen und verfügen damit rein quantitativ schon über mehr Möglichkeiten. Hat St. Otmar im Nachwuchsbereich jede Stufe mit einem Team besetzt, so sind es bei Brühl mindestens deren zwei. Deshalb sind bei St. Otmar je nach Jahrgängen die Leistungsschwankungen unvermeidbar, wogegen Brühl diese weit besser ausgleichen kann. Trotz dieser Gegebenheit ist die Konkurrenz unter den beiden Vereinen gross. «Vor allem die Direktvergleiche sind immer emotionsgeladene Derbys. Dies fördert einerseits den Ehrgeiz und anderseits erhöht es die Leistungsbereitschaft der Spielerinnen», hat Daniel Pfister festgestellt. Dass die Konkurrenz das Leistungsniveau belebt, ist auch für Vroni Keller klar. «Die Derbys haben immer einen besonderen Stellenwert und sind eigentliche Motivationsfaktoren.»

Hoher Stellenwert

Einen wichtigen Motivationsfaktor bilden aber die Erfolge der St. Galler Frauenhandballerinnen auch in sich selbst. Sie führen beispielsweise dazu, dass junge Talente aus der Region schon früh in die Stadt wechseln, um dort effizienter gefördert zu werden und auch erfolgreich sein zu können. «Ich denke, dass wir bezüglich der Trainingsintensität und Qualität andern Regionen noch einen Schritt voraus sind», analysiert Vroni Keller. Sie weiss aber auch wo der Hebel in Zukunft vermehrt anzusetzen ist. «Wir müssen künftig mehr in die Physis investieren.» Damit könnte der Stellenwert des Frauenhandballs in St. Gallen noch höher werden. Die Wertschätzung in der Stadt ist jetzt schon hoch. Dafür bürgen alleine schon die 24 NLA-Schweizermeistertitel des LC Brühl. Ganz allgemein gilt aber, dass der Handball in St. Gallen seit mehr als einem halben Jahrhundert einen traditionell hohen Stellenwert hat. Die Grundlage dafür haben die Männerteams des BTV St. Gallen, des STV St. Gallen, des TSV St. Otmar und des SV Fides gelegt. Dem SV Fides kommt ein weiterer grosser Verdienst zu. Mit seinem in diesem Jahr zum 40. Male zur Austragung gelangenden Schülerturnier, an dem in seinen Rekordjahren gegen 250 Teams teilnahmen, hat er eine eigentliche Institution geschaffen. Seit Jahrzehnten kommt praktisch keine Schülerin und kein Schüler der Stadt an diesem Sportanlass vorbei und manch ein Knabe oder Mädchen hat hier schon früh seine Begeisterung für den Handball entdeckt. Dies war auch bei Vroni Keller so. Sie nennt aber noch einen zweiten wichtigen Fixpunkt. «Das Fidesturnier ist im Sommer und im Winter ist seit Jahrzehnten die Schülermeisterschaft in der Halle. Damit ist der Handball jährlich zweimal ein breites Thema.»
Dies ist ein grosser Pluspunkt für den Handball im Vergleich zu andern Sportarten, deren Präsenz kleiner ist. Ein Schüler-Fussballturnier gibt es einmal im Jahr, andere Sportarten bieten gar keine Turniere mehr an. Die Handballerinnen sind aber auch die einzigen städtischen Frauen, die in der höchsten nationalen Spielklasse in einem Teamsport vertreten sind.

Luxus-Situation

«Eigentlich ist es ja ein Luxus, dass wir in einer Stadt zwei derart starke Vereine in einer Sportart haben», stellt Vroni Keller fest. Dieser Luxus kann für Daniel Pfister auch Schattenseiten haben. «Wirtschaftlich wird der finanzielle Kuchen, von dem die Männer den deutlich grössten Teil für sich beanspruchen, aktuell ganz einfach noch mehr aufgeteilt. Sicher hat der Frauenhandball bei der Wirtschaft viel Vertrauen und Glaubwürdigkeit erarbeitet, doch aufgrund des grösseren Zuschauerinteresses wird leider meist bei den Männern zuerst und vor allem mehr investiert.» Aus dieser Aussage lässt sich schliessen, dass auch in St. Gallen nicht unbegrenzte finanzielle Mittel verfügbar sind. Trotzdem hält Vroni Keller fest: «Wir wollen an unserem hohen Qualitätsstandard festhalten und die Vorwärtsstrategie weiterverfolgen.»
Dem pflichtet Daniel Pfister bei. «Vor allem dank der sehr guten Nachwuchsarbeit hat sich St. Otmar einen guten Ruf erarbeitet. Wir haben uns nicht zum Ziel gesetzt, möglichst viele Teams zu stellen, sondern in allen Stufen ein leistungsgerechtes Angebot anzubieten. Dies erscheint uns der richtige Weg, um den Erfolg längerfristig gewähren zu können.»Die finanziellen Investitionen in den Nachwuchsbereich sind auch beim LC Brühl von fundamentaler Wichtigkeit. So gelingt es immer wieder, Spielerinnen aus der Region und aus dem eigenen Nachwuchs an das NLA-Team heranzuführen. Die Summe aller Faktoren scheint demzufolge, das Geheimnis der St. Galler Erfolge im Frauenhandball zu sein. Der wichtigste Punkt hinter allem ist dabei aber zweifellos die Begeisterung und Hingabe einiger weniger Personen für die Sache des Frauenhandballs. Sie entzünden das Feuer immer wieder von neuem, lassen in ihrer Motivation nicht nach und wissen Gleichgesinnte um sich zu scharen. Sowohl der LC Brühl wie auch St. Otmar sind in der glücklichen Lage solch «angefressene» Leute zu haben, womit der Erfolg garantiert ist.

Fritz Bischoff
quelle

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