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JA!

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121

Tuesday, September 6th 2011, 5:47pm

Sehr schöner und (leider) auch wahrer Beitrag, Herecticus.

Für immer erster deutscher Championsleaguesieger!

Magdeburg ist Handball, Handball ist Magdeburg. So ist das! (J.Abati)

nosp52

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122

Wednesday, September 7th 2011, 12:31am

Ein guter Beitrag, Hereticus

mit vielen positiven, aber auch nachdenklich machenden Denkanstössen.


Die Frage muesste eigentlich sein:

Wie kann ich bei einer leistungsmässigen 4-Klassen-Gesellschaft im europ. Handball einen Wettbewerb schaffen, der sich CL nennt, aber in unterschiedlichen Leistungsebenen, sprich Vorquali-Wettbewerben
ein durchlässiges System bis zum eigentlichen End (A-Turnier) bietet.

Gesetzt für Turnier A(Feb-Apr) (4x5 Teams) die Viertelfinalisten des vergangenen Wettbewerbs.
Dazu qualifizieren sich 12 Teams aus dem B-Wettkampf (4x 5 Teams)

Im B-Wettkampf(Nov-Jan)(4x5) waren gesetzt die 8 Verlierer der Achtefinals des CL-Vorjahres
12 Teiilnehmer qualifizieren sich aus dem C-Wettkampf (aus 6 Vierergruppen)

Im C-Turnier(Okt/Nov) (24 Teams/6x4) müssen auch Vierte/Fünfte aus D,SP, Dritte/Vierte aus F und DK sowie Erste und Zweite aus B-Nationen in Vierergruppen starten und versuchen, sich für den B-Wettkampf
zu qualifizieren

Aus dem D-Wettbewerb (Sep/Okt) (C-Nationen) qualifizieren sich soviele Teams , wie im C-Wettkampf Plätze frei sind.
Ich halte es auch für sinnvoll, die Teilnahme-Plätze je Land zu begrenzen, aber auch Quoten festzulegen,die nicht überschritten werden dürfen (wobei die Freiplätze aus der Vorjahres-CL
darauf angerechnet werden sollten)

Die Popularität der Sportart Handball lässt sich m.E. auch in Entwicklungsländern steigern, indem sich zB der Landesmeister mit knappen Ergebnissen aus der D-Kategorie über die C-Qualifikation vielleicht sogar bis in die B-Kategorie qualifiziert.

Abschußergebnisse aus totaler Unterlegenheit in Spielen gegen die Top-8 der Vorjahres-CL sind für die Förderung und Popularitaet des Handballsports in B bis D-Nationen sicherlich
nicht förderlich.

Hereticus

schon süchtig

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123

Wednesday, September 7th 2011, 4:11pm

Für das Spielsystem fallen mir auch viele Varianten ein. Das ist aber nicht nur der Schlüssel zur Lösung des Problems (das Obige würde auch wohl eher zwei Spielzeiten in Anspruch nehmen). Die Leistungsschere läßt sich aber damit nicht schließen. Grundsätzlich muß man berücksichtigen, daß die Schere sowieso nicht in kurzer Frist (d.h. drei, vier Jahre) zu schließen ist, sondern das eine längerfristige Angelegenheit ist. Die gegenwärtige Entwicklung begann schließlich auch bereits in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Die europäische Einigung, die zahlreichen Reformen der EC-Wettbewerbe hin zum jetzigen Elitezirkel Champions League und nicht zuletzt das Bosman-Urteil haben die jetzigen Verhältnisse geschaffen.

Das Grundproblem am derzeitigen Status Quo ist, daß Vereine aus bestimmten Ländern, dies vor allem Deutschland und Spanien, wesentlich attraktivere Möglichkeiten haben, Spieler zu verpflichten. Ein Spieler X aus einem Land Y möchte nicht nur deshalb gerne nach Kiel (Hamburg, Mannheim, Barcelona, Berlin...) weil die Luft so gut ist und die Stadt so schön, sondern auch und vor allem, weil er da n-fach mehr verdienen kann als in Skopje, Belgrad, Reykjavik, Bregenz oder Plock (und der allgemeine Lebensstandard spielt gegenüber manchen Ländern bestimmt auch eine Rolle). Die besten Spieler fast aller Nationen konzentrieren sich mit schöner Regelmäßigkeit in der Bundesliga und ASOBAL. Das ist toll für diese Ligen und macht sie zu den "besten der Welt" (Bundesliga-Eigenwerbung), aber das ist auf der anderen Seite der Medaille natürlich Gift für die Leistungsstärke der Clubs in den anderen Ländern. Man kann also nicht nur sagen, die Clubs in den "kleinen" Ländern seien zu schlecht, sondern eben auch, daß die Vereine in den "großen" Ländern schlicht zu gut sind.

Nun ist das Gesamtpotential an Spitzenspielern ist im Handball beschränkt (und viel kleiner als etwa beim Fußball, weil es viel weniger Handballspieler gibt und die Niveauunterschiede in der Ausbildung deutlich größer sind). Wenn sich diese wenigen richtig guten Spieler dann in zwei, drei Ligen konzentrieren, kann der "Rest der Welt" mit denen nicht mehr mithalten. Der daraus resultierende große sportliche Erfolg dieser "happy few" zieht entsprechend höhere Einnahmepotentiale nach sich, die dem "Rest der Welt" verwehrt bleiben. Damit kann man wiederum die nächste Generation der Spitzenspieler binden und die Niveauschere klafft anschließend noch weiter auseinander.

In einem Geschäft, das größtenteils ohne Transfergelder auskommt, bekommen die abgebenden Vereine nur noch in Ausnahmefällen einen finanziellen Ausgleich für ihren sportlichen Aderlass, mit dem sie diesen entweder durch Zukäufe ausgleichen oder durch Investitionen in das Umfeld selber zu einem attraktiven Verein werden könnten. Zudem binden sich gerade junge Spieler nicht mehr längerfristig an einen kleineren Club, um sich die Chance des schnellen (und ablösefreien) Wechsels zu einem besseren Verein - vielleicht sogar vom "armen" in den "reichen" Teil Europas - nicht zu verbauen, was aus Perspektive des Spielers allzu verständlich ist. Auch das Gehalt verhandelt sich gleich viel besser, wenn die Ablöse nicht als Hindernis vorhanden ist, weil es dem Spieler natürlich ein gewisses Druckpotential in die Hand gibt, wenn er auch problemlos woanders hinwechseln könnte.

Bosman ist nicht an allem schuld, aber dieses Urteil hat (obwohl es eigentlich völlig richtig ist, die Arbeitnehmerfreizügigkeit zu schützen) gut funktionierende Regulierungsmechanismen mit stabilen Geldkreisläufen im Profisport zerstört, ohne daß dafür ersetzende Mechanismen eingerichtet wurden. Lieber gaben sich die Vereine ab 1995 dem Goldrausch hin (vor allem im Fußball sehr schön nachzuvollziehen). Vereine mit attraktivem Umfeld und guten Strukturen profitierten (nicht nur im Handball) von Anfang an vom Bosman-Urteil, andere schauen auf Dauer in die Röhre und erhalten nicht mehr die Möglichkeit, ihr Umfeld und ihre Strukturen anzugleichen, weil ihnen dafür jetzt die Mittel entzogen sind. Im der Fußball mag das noch funktionieren, solange dort jährlich fast eine halbe Milliarde Euro GEZ-und Abo-Gebühren in den Markt gepumpt werden (was ein gewisser K.-H. Rummenigge für empörend wenig hält*).

Woanders zirkuliert das Geld aber fast nur noch im Kreis der besser gestellten Clubs, ein Eindringen in diesen Markt ist fast nur noch mit Hilfe von Mäzenen oder Großsponsoren möglich (siehe Hamburg, Mannheim, Kopenhagen). Die Abschaffung/Ausweichung der Ausländerbeschränkungen in den Ligen und die teilweise krassen Unterschiede im Lebensstandard in den einzelnen Regionen Europas tun ihr Übriges, damit der Großteil der begehrtesten (besten) Spieler sich in gewissen Regionen versammeln und andere - handballerisch - fast verwaisen.

Der Sport kann all diese Probleme ebensowenig alleine lösen, wie er sie geschaffen hat, aber es wäre unter diesen Aspekten dem gesamten Handball förderlich, Wege zu finden, um den Clubs in den kleineren Ländern bessere Möglichkeiten zu verschaffen, gute Spieler zu verpflichten oder Talente zu binden und selbst attraktivere Adressen zu werden. Und hierzu halte ich es für zwingend, daß diesen Vereinen die Möglichkeit des Werbens a) mit sportlichen Argumenten durch Teilnahme an attraktiven europäischen Wettbewerben und b) mit finanziellen Argumenten gegeben wird. Dazu wäre es hilfreich und nötig, sie an den finanziellen Erträgen aus den europäischen Wettbewerben stärker als bisher und vor allem relativ stärker als die Clubs aus den jetzt starken Ländern zu beteiligen. Kirchturmdenken wird auf Dauer allen schaden.

Mit meinen Folgerungen werden viele nicht einverstanden sein, weil es den sogenannten "Gesetzmäßigkeiten" des Profisports (und einigen Grundannahmen der Marktwirtschaft) widerspricht - aber ich halte es für förderlich im Sinne der gesamten Sportart (und mit Hinweis auf Tugenden wie Fairness und Solidarität), daß die Clubs aus den großen Ländern trotz derzeitigem größerem Erfolg in den Wettbewerben zugunsten der Clubs aus den kleineren Ländern auf Einnahmen aus den Europapokalen verzichten. Ich halte es weiterhin für förderlich (und angesichts der nicht endenden Insolvenzwelle auch für notwendig, wie schon x-fach an anderer Stelle in diesem Forum geschrieben), daß die Clubs generell ihre Gehaltsausgaben deutlich senken. Das trägt nicht nur zur Gesundung der eigenen Vereine/Ligen bei, sondern hilft auch dabei, das Niveau innerhalb der eigenen Liga und in Europa zu regulieren.

Es wird nicht funktionieren, die kleineren Länder auf Clubebene auf Dauer auf das jetzige Niveau der großen Länder heben zu wollen. Dafür ist der Kuchen des Handballs (Spieler, erzielbare Sponsoren/TV-Gelder etc.) schlicht nicht groß genug. Es kann nur funktionieren, wenn sich beide Seiten in Richtung Mitte bewegen. Und aus deutscher Sicht heißt das eben: ein Stück nach unten - in Sachen Etat ebenso wie bei der Verpflichtung ausländischer Spitzenspieler.

Wenn man diese Schritte unterlässt und so weiter macht wie bisher (Gewinnmaximierung für die Elite, Zaungastdasein für die Mehrheit), wird es in nicht all zu ferner Zukunft so sein, daß Handball in vielen Ländern (noch weiter als bisher) marginalisiert wird und daß es tatsächlich zu einer noch strengeren Elitebildung aus wirklich wenigen Ländern kommen wird. Heute sind es "nur" tschechische oder finnische Clubs, die keine Lust mehr auf Europapokale haben, weil sie sich für chancenlos halten und sie sich nicht leisten können - morgen werden es mal ungarische oder norwegische Vereine sein, die nicht mehr antreten. Und übermorgen spielen dann Bundesliga und ASOBAL-Clubs wirklich alleine. Ich denke, das kann niemand wirklich wollen.

* Karl-Heinz Rummenigge über die TV-Finanzierung der DFL: "Momentan bekommt die Bundesliga ungefähr 420 Millionen Euro [...] pro Jahr überwiesen. [...] Wenn ich das mit Italien vergleiche [...] Da muss mir mal jemand erklären, wieso dort über 900 Millionen Euro an TV-Geldern fließen können und bei uns nicht mal die Hälfte." - 11Freunde #118, S. 38

This post has been edited 3 times, last edit by "Hereticus" (Sep 7th 2011, 4:07pm)


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