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Zickenbändiger

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Friday, November 12th 2021, 5:35pm

Kleine Weisheiten für die Trainerbank

Parallel zum Tagebuch (ja, wird noch fortgeführt) öffne ich mal den Thread für Trainerfüchse, die ihren Erfahrungsschatz mit uns teilen möchten. Mit über dreißig Jahren Erfahrung im Kinderhandball findet sich sicher das ein oder andere Thema, das ich mal anschneiden kann. Und ich hoffe, ich finde Nachahmer.

Was tun, wenn der Gegner hoffnungslos unterlegen ist?
Natürlich kenne ich beide Perspektiven. Mein erstes Spiel als Mädchentrainer in der C-Jugend ging 0:22 aus. In der D-Jugend habe ich aber auch schon 40:1 gewonnen (und mir alle Mühe gegeben, das Ergebnis moderat zu halten, s.u.). In der C-Jugend gab es in der Quali zur höchsten Liga auch mal ein 62:12. Da gab es mal keine Nachsicht. Die wollten mit den großen Fischen schwimmen, sie durften mal mit den großen Fischen schwimmen. Es gibt unterschiedliche Herangehensweisen. Torrekord anstreben, "ganz normal" spielen, freiwillige Unterzahl, taktische Selbstbeschränkungen aus Mitleid, taktische Selbstbeschränkung aus sportlichen Motiven.

Die mit Abstand traurigste Variante habe ich mehrfach auf Verliererseite erlebt. Der Gegner führt haushoch, die Starspielerin (gerne mal die Trainertochter) spielt durch und darf bomben, bis der Arzt kommt, die Anfängerinnen bekommen nur moderate Spielzeit. Will mir bis heute nicht in den Kopf, was sich ein Trainer dabei denkt. Zum 40:1 oben. Nach etwa fünf Minuten nehme ich eine Feldspielerin vom Feld und spiele 5:6. Nach ein paar weiteren Angriffen spielen wir 4:6. Die Hälfte der ersten und die gesamte zweite Halbzeit spielen wir durchgängig 3:6 (wir konnten frei melden und hatten in der höchsten Liga gemeldet). Eine Zeitlang habe ich diese Variante propagiert, weil ich sie für einzig richtig hielt. "Ja... Du hast Recht. Wenn wir hoch führen, nehme ich nun auch einen Spieler vom Platz." "Du hast nichts verstanden!"

Ich habe auch schon von der Tribüne einmal ein freiwilliges 3:6 einer männlichen D sehen dürfen. Die drei Feldspieler mussten richtig arbeiten, der Trainer hatte so aus dem Spiel noch einen Nährwert geholt. Weil der Gegner schwach aber keine Anfängermannschaft war. Wir dagegen erlebten folgenden Effekt. Unsere Abwehr hatte nun riesige Lücken, der Gegner kam immer häufiger zum Torwürfchen, meine Torhüterin fing und wir erhöhten mit jeder Feldspielerin weniger unsere Gegenstoßfrequenz. Als nächstes Prellverbot. Torhüterin hält, spielt den Gegenstoßpass in die Mitte, Lotti macht 3 Schritte, will prellen, erinnert sich an das Verbot, springt ab, wirft aus 18m auf das Tor... trifft. Manche Schlachten kannst Du einfach nicht gewinnen. Das 40:1 wäre bei 6:6 nie zustande gekommen, denn so häufig, wie die unfreiwilligen Pässe auf unser Tor kamen, hätten wir gar nicht den Ball klauen können. Seither habe ich nie wieder freiwillig in Unterzahl gespielt, zumal viele Trainer einer Überzahldeckung keine Zuordnung geben (können) und man ihnen einen Bärendienst erweist. Hinzu kommen die albernen Arroganzvorwürfe. Aus sportlichen Gesichtspunkten vielleicht noch mal ja, niemals aber aus "Fairness". (Allerdings habe ich den Verdacht, dass mir die Verbände in ihrem Regulierungswahn längst in irgendwelchen Richtlinien eine freiwillige Unterzahl verboten haben, da ich so das Gebot der offensiven Deckung umgehen könnte.)

Taktische Aufgaben verteilen, um den Spielfluss zu drosseln und den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen. Meinetwegen. Endet aber schnell in der Veralberung des Gegners. Wir hatten jüngst mit der wD wieder das Dilemma, nach der großen Zwangspause hatte sich ein Gegner in die höchste Liga verirrt. Das Kistentor liegt bei uns bei 30, ich habe eine weitere Kiste (Bionade) ausgelobt, wenn alle Feldspielerinnen in beiden Halbzeiten je ein Tor werfen. Mit zwei E-Jugendlichen an Bord der D-Jugend ist das schon mal eine Aufgabe. Das Spiel endete moderat 29:12, die Challenge hielt die Mädels bei Laune (knapp verloren) und der Gegner wurde weder verkaspert noch gedemütigt.
Im aktuellen Spielbericht:

>>Eine knusprige Pausenansprache später stand nun eine andere TVB Mannschaft auf dem Platz. Die Mädels hatten – please excuse my french – endlich ihre cojones gefunden.<<

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Friday, November 12th 2021, 5:55pm

Ne in Unterzahl bei haushoher Überlegenheit zu spielen, kann halt als Verhöhnung des Gegners ausgelegt werden, das würde ich nicht tun. Was wir gemacht haben ist, die besten Spieler länger auf der Bank zu lassen und den schwächeren Spielern mehr Spielzeit geben. Ziel vorgeben, dass alle Feldspieler ein Tor erzielen sollten finde ich gut. Positionswechsel finde ich im Rahmen jetzt nicht unbedingt eine Veralberung des Gegners. Warum soll mein KM nicht mal auf Mitte spielen oder der Shooter auf Rechtsaußen?

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Monday, November 15th 2021, 3:05pm

Oh wie schön, hier kann ich auch mal kurze Beiträge schreiben. So... wie spiele ich denn Überzahldeckung, Herr Klugscheißer?

Überzahldeckung bis einschließlich C-Jugend
(Sicher auch darüber hinaus, aber da ist die mentale Umstellung größer.) Gerade gestern in der wC Kreisklasse von der Tribüne aus wieder beobachtet, nur dass es auf dem Niveau null Konsequenzen hatte. Die Heimmannschaft erhält eine Zeitstrafe, die Gastmannschaft ist in Überzahl und eine Abwehrspielerin hat weder Gegenspielerin noch Aufgabe, außer eben auf ihrer Position rumzustehen. Die schaute zwar dumm aus der Wäsche, richtete aber in ihrer passiven, verschiebenden 1:5 Deckung keinerlei Schaden an.

Der taktisch etwas besser gerüstete Gegner behält den Kreis bei, um HM zu beschäftigen, und greift die Deckung über die Spielerin an, die gerade keine Aufgabe hat. Die Dame weiß ja nur aufgrund ihrer eigenen Beobachtung (meine Gegenspielerin ist weg), dass sie keine Aufgabe hat. Was sie konkret zu tun hat, hat ihr niemand gesagt. Greifen die Ballführerinnen nun vermehrt die Lücke der arbeitslosen Dame an, entstehen Zweifel der Zuständigkeit. Die Nachbarin verlässt sich auf die Arbeitslose, die wiederum hat sich damit abgefunden, kurzfristig beschäftigungslos zu sein, plötzlich haben schon zwei Abwehrspielerinnen Zweifel... 2 Minuten der Freude für den Angriff.

3:2 Angriff: Zieht der Gegner die Kreisläuferin bei Unterzahl ab, ist die Lösung einfach. Eine Spielerin funktioniere ich zum Libero um. "Du bleibst auf Ballhöhe, "spiegelst" den Ball und spielst Feuerwehr. Überall, wo es brennt, bist Du zur Stelle." Der Rest kann gerne in der offensiven Raumdeckungsformation bleiben, aber warum sich den Spaß der Manndeckung hier vorenthalten? Noch einfacher in der 3:2:1, denn es ändert sich prinzipiell... nichts. Die Halben und VM können ggf. etwas mutiger die Passwege bedrohen.

2:3 Angriff: Der Gegner gibt RM auf. In der Regelbewegung der 3:2:1 Deckung ändert sich... Ihr wisst schon. VM kann verschieben, muss nicht gegen Harvey raustreten, könnte aber den Pass zwischen RL/RR erschweren. Aber warum nun nicht auf Spaßhandball (Manndeckung) umstellen? Bei 1:5 oder Manndeckung kann ich den Libero beibehalten, der dann das Hindernis KM/HM jedes Mal umlaufen müsste. Machbar. Oder zwei zurückgezogene Spieler wechseln sich ab mit Manndeckung KM/Libero und klatschen quasi am Kreis ab. Nur muss dann der Manndecker jedes mal die zwei Schritte um den KM rum, um den Laufweg Richtung Ball zu verstellen.

3:2 Angriff ohne LA oder RA: Würde ich wie oben beim 2:3 Angriff lösen. Der Halbe mit der großen Lücke nach Außen muss dann dort alles geben und RL oder RR bei Durchbruchversuch über außen nach weit außen rausschieben.

Und demnächst in diesem Kino: Spaßhandball trotz Unterzahlabwehr - zu fünft und die offensive Deckung trotzdem beibehalten. Muss ich nur erst noch in der Praxis erproben. :lol:
Im aktuellen Spielbericht:

>>Eine knusprige Pausenansprache später stand nun eine andere TVB Mannschaft auf dem Platz. Die Mädels hatten – please excuse my french – endlich ihre cojones gefunden.<<

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Thursday, November 18th 2021, 10:40am

Und wo wir gerade bei Sondersituationen sind.

Wie geht in E und D-Jugend Überzahlangriff?
In Niedersachsen, möglicherweise aber bundesweit, gibt es jedenfalls keine regeltechnische Überzahl unterhalb der C-Jugend. Bei Hinausstellungen darf aufgefüllt werden. Sie kann theoretisch nur dann entstehen, wenn der Gegner trotz Personalmangels dennoch antritt und von Beginn an eine Spielerin fehlt oder sich in der Mannschaft ohne Auswechselspielerin wer im Laufe des Spiels verletzt bzw. in dieser Situation eine Hinausstellung kassiert. Viele Trainer tun sich schwer, wenn der Gegner nun - ausnahmsweise erlaubt - defensiv deckt. Wie spiele ich diese Überzahl aus?

Weiß ich nicht. Ist in dreißig Jahren noch nie vorgekommen, wird auch nie vorkommen. Wenn ich bei einem Kinderspiel die Personallage des Gegners ausnutze, verliere ich immer - auf die eine oder andere Weise.
Im aktuellen Spielbericht:

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Tuesday, November 23rd 2021, 7:32pm

Nun mal was mehr für das Training, weniger für das Coaching. Ich gucke herzlich wenig Spiele im männlichen Bereich und hoffe wirklich inständig, dass es dort besser läuft. Was ich im weiblichen Bereich, ich beschränke es mal auf die D-Jugend, in der individuellen Abwehr erlebe, ist kaum in Worte zu fassen. Einige Beispiele:

- Grundprinzip taktisches Foul
Wir spielen auf einem leistungsorientierten Einladungsturnier in Berlin. Die Teilnehmer sind handverlesen. Der Gastgeber hat ein gutes Standing im weiblichen Jugendbereich. Die Erstvertretung des Gastgebers hat, wie irgendwie jedes Mal, eine bärenstarke Mannschaft. Gewinnt das Turnier souverän. Ich habe schon beim Auftaktspiel des Turniers zwischen D I und D II DAS KOTZEN GEKRIEGT, weil Berlin I ohne Sinn und Verstand geklammert hat. Im Turnier wurden die Verbandsregeln übernommen, erste Halbzeit Manndeckung, zweite Halbzeit war offensive Raumdeckung möglich. Der Unterschied? Der Ort der taktischen Fouls. Die Gastgeber klammerten in der ersten Halbzeit am gegnerischen Neuner, in der zweiten Halbzeit am eigenen Neuner. :wall: Nicht um die erste Welle zu verhindern sondern aus Prinzip. Wir hatten unser letztes Spiel gegen die Mannschaft, haben verdient deutlich verloren. Ich habe quasi UM EINE DISQUALIFIKATION GEBETTELT, weil ich unhöflich aber bestimmt um Progression gebeten habe. Ich bekam meine rote Karte nicht, dafür bekamen wir: Freiwurffreiwurffreiwurffreiwurf.... :kotzen:

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich verdamme keine taktischen Fouls und fordere sie im Gegenteil bereits im Training, z.B. in Unterzahlsituationen oder kurz vor dem erfolgreichen Durchbruch im Neuner. Aber das Verhältnis ist bei mir etwa 95:5 im Sinne der regelkonformen ballorientierten Deckung. Nicht andersherum. Und ich versichere, man kann sehr erfolgreich extrem offensiv, ballorientiert und regelkonform verteidigen! Aktuell spielen wir mit einer halben D-Jugend in der C-Jugend Landesliga (zweithöchste Liga unter Oberliga Niedersachsen) recht erfolgreich (übergangsweise, nicht aus Starrsinn) eine Halbfeldmanndeckung. Unsere Abwehrstatistik in der Tabelle ist völlig unauffällig und keineswegs wie "wilde Sau" mit erfolgreichstem Angriff und schlechtester Abwehr.

- In der Handballprovinz ähnlich
Den Berliner Mädchen war das "Prinzip taktisches Foul" bereits in Fleisch und Blut übergegangen. In Hannover ist man in der Altersklasse noch nicht so weit. Zwei Trainerinnen unterschiedlicher Vereine durfte ich diese Saison schon fassungslos von der Tribüne bewundern: "Festmachenfestmachenfestmachenfestmachenfestmachenfestmachen!" :pillepalle: Das Interessante daran, die eine Trainerin könnte es zum einen als Schiedsrichterin besser wissen (ich habe keinen Schierischein mehr, würde so einen Unfug aber progressiv bestrafen - nicht nur das Geklammere, auch die Aufforderung zum Foul), zum anderen aus der Praxis. Genau eine Woche vorher hatte sie auf einem Turnier mit ihrer Mannschaft 0:17 gegen meine Mädchen verloren. Und wir haben ohne eine einzige Ansage "Festmachen!" nicht nur ganz anständig gedeckt, ich kann mich auch an keine gelben Karten geschweige denn Zeitstrafen erinnern. Die andere Trainerin hat dieselbe Erfahrung in der Punktspielrunde noch vor sich...

- In der Leistungsförderung
Freitagabend, Auswahltraining älterer D-Jugend Jahrgang, Trainingsinhalt individuelle Abwehr. 8o Die beiden Auswahltrainer betreiben keine Talentförderung, sie geben Nachhilfeunterricht. Die Elite Hannovers bekommt Förderunterricht in Basics. Die Mädchen von 80% der Vereine gucken wie Autos, wenn man ihnen Abwehr erklärt. Da wird teils mit schräg nach unten zeigenden Armen verteidigt, in den Zweikampf gegangen. Nicht nur symbolisch erinnert das an das "Peace Zeichen". Da kleben die Schuhsohlen am Hallenboden, wo ich im Training mit Anfängerinnen höflich frage: "Bist Du ein Baum? Möchtest Du mal ein Baum werden?" Orientierung am Wurfarm? Kontakt gegen beide Schultern oder Schulter/Hüfte? Eine einsame Träne läuft mir die Wange herunter.

Genug gemeckert.

Wie führe ich in das individuelle Abwehrtraining ein?
Der Anfang ist gar nicht so schwer. Wir Juristen wissen nicht alles, aber wir wissen, wo wir nachschlagen müssen.

IHF Regel 8:1 b)
Es ist erlaubt, mit angewinkelten Armen Körperkontakt zum Gegenspieler aufzunehmen, ihn auf diese Weise zu kontrollieren und zu begleiten.

Das sind so viele wichtige und nützliche Informationen in einem Satz.

- "Körperkontakt mit angewinkelten Armen"
Arme schräg nach unten und den Weg versperren, was zum Scheitern verurteilt ist, muss also gar nicht sein. Ich darf den Gegner auch anfassen. Schubsen mit ausgestreckten Armen geht nicht und wo zum Teufel steht dieses Festmachen/Klammern, das die Trotteltrainer ständig fordern?

- "kontrollieren"
Hier wird es richtig spannend. "Kontrollieren" bedeutet auch, Druck ausüben und vor allem, meinen Willen/meine Richtung aufzwingen. (Ich nenne es im Abwehrtraining "tanzen", bzw. "führen". Die Abwehrspielerin ist der Herr und "führt".)

- "begleiten"
Jegliche Betätigung als Baum scheidet aus. Sogar die Regeln verlangen Beinarbeit.

Fortsetzung folgt
Im aktuellen Spielbericht:

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Thursday, November 25th 2021, 11:35am

Fortsetzung

Für das individuelle Abwehrtraining brauche ich ein Angriffsziel, das verteidigt werden muss. Bei mir kommen ausschließlich Turnmatte, Hütchentor oder die Hütchen selbst zur Anwendung. Das Training ordne ich entweder als Rundparcours oder sternförmig an. Beim Parcours durchlaufen die Angreiferinnen kreisförmig den Parcours, müssen die Abwehrspielerinnen überwinden und dann weiter ziehen. Hier dauert ein Zweikampf, wie lange er eben dauert. Prellexzesse unterbinde ich. Bei sternförmiger Anordnung sind die Angreiferinnen in einer Gruppe in der Mitte des Sterns, die Abwehrspielerinnen in gleicher Anzahl außen vor ihren Zielen. Je nach Schwierigkeitsgrad zähle ich von 5, 6 oder 7 runter, die Angreiferinnen starten in ihren Zweikampf, der nach wenigen Sekunden vorbei ist, die Angreiferinnen ziehen sich in die Mitte zurück und rotieren eine Abwehrspielerin weiter. Hier lässt sich eine hohe Belastung erreichen. Und die Abwehrspielerinnen haben es stets mit unterschiedlich schweren Aufgaben zu tun.

Die Abwehrspielerin hat „leichten“ Bodenkontakt, die Füße berühren nur mit dem Ballen den Boden. Sobald der Ball ins Spiel kommt, nimmt sie Schrittstellung ein, der Wurfarmseite zugewandt. Der Körperkontakt wird aktiv aufgenommen, nach einem Stoppschritt (wie Stemmschritt), kurz vor dem Kontakt. Läuft die Abwehrspielerin blindlings entgegen, läuft sie in die Falle/Täuschung rein. Mit angewinkelten Armen Doppelkontakt Schulter/Schulter (Einführung), später Wurfarmschulter oder Wurfoberarm/Hüfte. Die Kontakte auf gleicher Höhe sind erst einmal einfacher, später kommt die gegengleiche Kontaktaufnahme (Danke für den Begriff Dieter T.!) Schulter/Hüfte, wo ich noch mehr Kraftkontrolle ausüben kann.

Nach dem Kontakt kommt der wichtigste Teil, bei mir „Tanzen“ genannt. Die Abwehrspielerin übernimmt die Führung (die Rollen sind nun klar verteilt, der "Herr" führt halt) und gibt der Angreiferin die Richtung vor. Es übernehmen die Beine (kleine energische Schritte) und führen (Regelwerk: „kontrollieren und begleiten“) die Gegenspielerin entweder rückwärts oder seitwärts am Angriffsziel vorbei (im Spiel nach außen in eine schlechtere Wurfposition oder ggf. nach innen in die Nachbarin hinein). Die Füße bleiben unter den Händen, keine „Brücke“ schlagen und das Gleichgewicht in die Gegenspielerin hineinverlagern. Bei einer schnellen Drehung ist die Gegnerin weg und die Abwehrspielerin verliert das Gleichgewicht. Irgendwann sind die drei Schritte der Gegnerin verbraucht. (Und hier frage ich mich ernsthaft, wenn „kontrollieren und begleiten“ erlaubt ist: WARUM gibt es dann immer Freiwurf für den Angriff?!)


Vom Einfachen zum Komplexen, vom Leichten zum Schweren:

Bei allen Übungen soll die Angreiferin an der Abwehrspielerin vorbei, nicht durch sie durch. Keine Schiebewettkämpfe! Rückwärtsgang finden, einlegen, aus dem Zweikampf lösen, dann wieder Richtung Ziel. Abwehrspielerin soll „tanzen“, die Gegenspielerin rausschieben, nicht klammern, halten, würgen…

1.) Angreiferin ohne Ball

- Angreiferin läuft rückwärts auf die Matte/durch das Hütchentor
Einfachste Aufgabe für die Abwehr. Bei der Kontaktaufnahme sind keine Arme im Weg, das Rausschieben ist einfach. Die Angreiferin will eh lieber vorwärts als rückwärts. Besonderheit: Die Angreiferin macht einen Buckel, geht mit dem Hintern voran. Kommando „Hoch/tief!“. Hände weg von den Schultern auf die Wirbelsäule und eben hoch/tief. Unten mehr drücken als oben, energisch rausschieben. Ganz praxisfern ist das nicht, Wühlerinnen mit dem Rücken zum Tor gibt es durchaus, davon abgesehen kann das gegen KM passieren, wenn Abwehrspielerin ausnahmsweise mal hinter dem Kreis steht.

- Angreiferin soll eines von zwei Hütchen berühren (zeitlich begrenzt)
Sehr intensiv, zunächst mit linker oder rechter Hand, später nur mit der Wurfhand. Es drohen schnelle Richtungswechsel, die Abwehrspielerin kann nun auch mal nur ganz kurze Kontakte aufnehmen und sich neu ausrichten. Je dichter die Angreiferin am Ziel ist (sie braucht ja nur den Arm auszustrecken), desto intensiver das „Raustanzen“. Kommt die Angreiferin dem Ziel nahe (später in den Neuner), dann ist „Roter Alarm“ und nun ist Schluss mit lustig! Darf die Angreiferin nur mit dem Wurfarm punkten, konzentriert sich die Abwehrspielerin nun auf die Wurfarmseite. Kleiner methodischer Bruch, denn dies stellt eine Erleichterung dar. Dafür kommt aber eine Beobachtungs-/Konzentrationsaufgabe hinzu.

- Angreiferin durchläuft Ziel oder erobert Matte
Noch praxisnäher, der Durchbruch muss verhindert werden. Hat die Abwehrspielerin den Kraftvorteil, geht es für sie vorwärts, anderenfalls schräg seitlich und an Matte/Hütchentor vorbei.



Fortsetzung folgt
Im aktuellen Spielbericht:

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Friday, November 26th 2021, 11:39am

Was ist der methodisch nächste Schritt vom Leichten zum Schweren? Zweikampf aus der Positionsspielsituation heraus oder gegen prellende Ballführerin? Da beim Prellen zusätzliche Aufmerksamkeit auf die Ballkontrolle verwendet wird und der Ball ständig in Gefahr ist, dürfte hier der Schwierigkeitsgrad für den Angriff höher und für die Abwehr niedriger sein.

2.) Angreiferin prellt
- rückwärts
Wir starten einfach, s.o., Körperkontakt an beide Schultern, raustanzen und auf eine „Öffnung“, eine Chance auf den Ballgewinn lauern. Dann mit einer Hand lösen und um die Gegnerin herum/an ihr vorbei den Ball angreifen. Hier kann auch ein wenig mit dem Gleichgewicht der Angreiferin gespielt werden. Druck, Gegendruck, Loslassen, Gleichgewichtsproblem, Ball weg. Kommt der Buckel: "Hoch/tief!"

Bei der rückwärts angreifenden Ballführerin liegt die Priorität aber beim Rausschieben! Die Angreiferin will ja gar nichts wirklich rückwärts Richtung Tor, sondern führt Böses im Schilde. Wenn die Abwehrspielerin passiv bleibt, wird die überraschende Drehung kommen.

- vorwärts
Angreiferin soll prellend den Durchbruch schaffen. Hier unterscheide ich das Abwehrziel nach E- und D-Jugend. E-Jugendliche können eher direkt den Ball angreifen, da die Gegenspielerin noch nicht so ballsicher ist. Dasselbe gilt natürlich bei Anfängerinnen in der D. Ansonsten muss erst die Gegenspielerin verlangsamt und verunsichert werden, erst dann kümmere ich mich um den Ball. Die ballferne Hand wenn möglich zur Prellschulter, Druck ausüben und mit der anderen Hand den Ball angreifen. Schirmt die Angreiferin den Ball mit ihrem Köper ab, Kontakt zur Nichtprellschulter aufnehmen und Druck aufbauen. Droht der Durchbruch ohne Chance auf Ballgewinn, mit der zweiten Hand auf den angelegen Oberarm oder Ellenbogen, Ballführerin seitlich in eine schlechtere Wurfposition/zur Nachbarin rausschieben.

3.) Angreiferin mit max. einmal tippen
Entweder Pass-/Rückpass mit seitlicher Anspielerin (nicht hinter der Abwehrspielerin!) oder Ball checken mit Abwehrspielerin. Die darf dem Rückpass nicht sofort hinterhersprinten, die Angreiferin soll erst Ballkontrolle haben. Stoppschritt, Körperkontakt, Beinarbeit. Ausrichtung an der Wurfarmseite (Schrägstellung).

4.) Korrekturen
Das Training ist natürlich nichts wert, wenn ich nicht ständig korrigiere. Als Anhänger der sokratischen Methode heißt es bei mir im Training dann immer: "Was ist schief gelaufen?"

- Zögerliche Kontaktaufnahme/keine einsetzende Beinarbeit
Du hast gezögert! Weg war sie!“ oder „Wenn Du nur gegendrückst und nicht mit ihr tanzt, macht sie sich einen Plan, um an Dir vorbei zu kommen. Beschäftige sie, tanz mit ihr, verhindere den Plan!

- Angreiferin dreht sich
Kommt häufig vor. Hält die Abwehrspielerin fest, entsteht ein Würgegriff. Sieht für den Schieri immer doof aus. Kurz loslassen, bei 180° von hinten übernehmen, noch doller schieben. Geht die Drehung weiter, wieder loslassen, von vorn übernehmen.

- Abwehrspielerin kommt fast zu spät
Klassische Situation auf Halb später in der 3:2:1 Deckung, die Abwehrspielerin kommt von der Seite. Bei den Zwergen schon die Lösung eintrichtern. Instinktiv läuft die Abwehrspielerin meist in den Laufweg und damit in die Falle. Die Angreiferin stoppt, wechselt die Gegenrichtung zur Laufrichtung der Deckungsspielerin, die läuft dann immer ins Leere. Sprichwörtlich eine große rote Zielscheibe auf die abwehrnahe Schulter der Angreiferin malen und diese als Ziel ausgeben. Nicht in den Laufweg, sondern sofort auf den Körper.

- Bei seitlicher Anspielerin
Wir haben Beine und Arme trainiert, nun kommt der Kopf dazu. Schrägstellung zum Ball, den Passweg bedrohen, nicht Gegenspielerin „spiegeln“. „Brust zum Ball!“

- Abwehrspielerin lässt sich rauslocken/wird überlaufen
Entweder startet die Abwehrspielerin bereits zu weit vor dem Ziel oder sie lässt sich locken, wenn sich die Angreiferin zurückzieht. Oder sie wird mit/ohne Ball überlaufen. Hier ein Gefühl für den Tiefenraum vermitteln, einmal zum Angriffsziel (Hütchentor, Matte, Torwurfzone), zum anderen zur Gegenspielerin. Je dichter ich am Angriffsziel stehe, desto weniger Zeit habe ich zu reagieren, je weiter weg, desto einfacher werde ich überlaufen. Je dichter ich an der Gegenspielerin stehe, wenn sie den Ball bekommt, desto eher werde ich überlaufen. Immer etwa zwei Armlängen Sicherheitsabstand wahren!

Wo sich die Spreu vom Weizen trennt, ist die Verteidigung der Gegenspielerin ohne Ball. Abwehrspielerin steht in Querstellung zum Ball mit Beobachtungsaufgabe Ball und Füße der Gegenspielerin. Einerseits den Passweg bedrohen, andererseits sofort den Zweikampf suchen, wenn die Gegenspielern zum Überlaufen ansetzt. Auch die Gegenspielerin ohne Ball darf nicht vorbei, später wird so die Einläuferin angenommen.


Ganz wichtig in der offensiven Deckungsform: Immer Ball und Gegenspielerin im Blickfeld haben, hin und her gucken reicht nicht aus! Wenn sich die Gegenspielerin aus dem Gesichtsfeld schleicht, droht das Überlaufenwerden. Die Position nach hinten anpassen, so dass wieder beide Beobachtungsaufgaben gleichzeitig erfüllt werden können.

- Einsatz ausgestreckter Arme
Die Angreiferin fliegt durch die Luft. Hinausstellung. „Schieben, nicht schubsen!“. Die Arm dürfen bei Kontaktaufnahme ausgestreckt sein, müssen dann aber die Kraft puffern. Und vor allem ist der Zweikampf Sache der Beine, die nun zu arbeiten beginnen, nicht der Arme.


- Intensität der Zweikämpfe lässt zu wünschen übrig

Die Übungen werden nur halbherzig ausgeführt. Den Mädels klarmachen, dass es unterschiedliche Tänze gibt. Klassisch, lateinamerikanisch... und eben handballangemessen. Auf YouTube Stichworte "Wacken", "Exodus" und "Wall of Death" eingeben, vorführen... und in der Übung dann immer :schrei: "WAAAAALLLLL OF DEAAAAATH!" brüllen, wenn es mal wieder zu luschig wird. :head:

Ende
Im aktuellen Spielbericht:

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