"Die Lage im Handball ist alarmierend"
Der SC Magdeburg, einziger Ostklub in der Handball-Bundesliga, darbt auf Rang elf und musste zuletzt auch noch mit einer Etatunterdeckung von 800.000 Euro kämpfen. Die Hoffnungen ruhen auf Stefan Kretzschmar. Der 34-Jährige war Spieler, ist Sportdirektor und nun auch noch Interimstrainer.
WELT ONLINE: Macht Ihnen der Job in Magdeburg überhaupt noch Spaß, Herr Kretzschmar?
Stefan Kretzschmar, 34: Na ja, Spaß ist ja relativ, es macht auf jeden Fall noch Sinn. Natürlich ist das hier nicht gerade die tollste Situation, und wir liegen uns nicht alle ständig in den Armen. Aber die ersten Trainingseinheiten mit der Mannschaft nach der Suspendierung von Trainer Bogdan Wenta waren okay. Man merkt, dass sich kein Spieler querstellt, sondern alle konstruktiv mitarbeiten, um das Schiff aus dem schweren Gewässer zu bringen.
WELT ONLINE: Hilft es Ihnen, kurzerhand den Job am Schreibtisch mit dem des Trainers getauscht zu haben – in der Sporthalle sind Frust und Ärger schließlich besser abzubauen?
Kretzschmar: Hilfreich ist das für mich persönlich nicht. Interimstrainer ist alles andere als meine Idealvorstellung. Es war aber klar, dass ich helfen muss, wenn ich gefragt werde. Ich kann ja nicht sagen, dass ich hier beim SCM Verantwortung übernehme, und dann ziehe ich den Schwanz ein, wenn so eine Bitte kommt.
WELT ONLINE: Normalerweise hat man als Neuling im Beruf Gelegenheit, um sich einzugewöhnen und zu lernen. Sie dagegen mussten bereits nach fünf Monaten als Sportdirektor den Klubruin befürchten und die Entlassung eines Trainers mitverantworten.
Kretzschmar: Das, was manche in fünf Jahren erleben, habe ich hier im Crashkurs im halben Jahr mitgemacht. Völlig extrem. Auf einer Skala von eins bis zehn ist das die Zehn. Das ist in einigen Bereichen schwerwiegend und menschlich brutal. Man muss sich das so vorstellen: Da rauscht ein D-Zug an dir vorbei, und du musst lernen aufzuspringen, mitzufahren und die Erfahrungen zu verarbeiten. Ich lerne hier in der ersten Zeit sehr viel, gerade was menschliches Verhalten und Psychologie angeht. Klar war ich in die Handballwelt involviert, aber wie die geschäftliche Welt abgeht, war mir ja fast unbekannt.
WELT ONLINE: Klingt, als seien Sie bisweilen zu naiv an den Job gegangen.
Kretzschmar: Mich überrascht keine geschäftliche Härte, sondern nur Falschheit. Da habe ich eine andere Berufsauffassung.
WELT ONLINE: Nämlich?
Kretzschmar: Vor allem Ehrlichkeit. Nehmen Sie Spielerverhandlungen: Da sitzt du mit manch einem zusammen, und der erzählt dir das Blaue vom Himmel, nächste Woche unterschreibt er dann aber woanders. Auch innerhalb meiner Stadt sind Intrigen im Gange.
WELT ONLINE: In welche Richtung?
Kretzschmar: Dazu sage ich nichts, denn da sind noch Verfahren anhängig.
WELT ONLINE: Ziel sollen Sie, aber auch Manager Holger Kaiser und Präsident Rolf Oesterhoff sein. Wie ist Ihr Verhältnis untereinander?
Kretzschmar: Auch dazu sage ich nichts.
WELT ONLINE: Was genau war dem entlassenen Trainer Wenta vorzuwerfen?
Kretzschmar: Ich will im Nachhinein keine schmutzige Wäsche waschen. Nur so viel: Wenta hat sich mit dem Gewinn des EHF-Cups einen Platz in der Geschichte des SC Magdeburg gesichert. Dass es nun zu einer Entlassung gekommen ist, ist schade. Aber ich habe diese Entscheidung mitgetragen.
WELT ONLINE: Gestaltet sich die Nachfolgesuche schwierig, weil ob der finanziellen Lage keine namhafte Lösung drin ist?
Kretzschmar: Die Lösung, die es geben wird, ist namhaft.
WELT ONLINE: Also steht der Nachfolger schon fest?
Kretzschmar: Wir haben seit geraumer Zeit Gespräche mit Kandidaten geführt, alles Trainer, mit denen wir uns eine sehr gute Zusammenarbeit vorstellen können.
WELT ONLINE: Sie haben also schon vor Wentas Entlassung mit Nachfolgern verhandelt?
Kretzschmar: Nein, wir haben mit den Trainern nicht über eine sofortige Anstellung gesprochen, sondern Konzepte für die nächsten Jahre erörtert. Um zu hören, wie sich andere den SC Magdeburg vorstellen.
WELT ONLINE: Wird der Neue ein deutscher oder internationaler Trainer sein?
Kretzschmar: Beides möglich.
WELT ONLINE: Die Fans würden sicher eine Rückkehr des ehemaligen Kielers und jetzigen Trainers von Hammarby, Staffan Olsson, begrüßen.
Kretzschmar: Wäre keine schlechte Geschichte.
WELT ONLINE: Bis wann wollen Sie eine Entscheidung treffen?
Kretzschmar: So rasch wie möglich.
WELT ONLINE: Das erscheint notwendig, schließlich plagt Magdeburg ein handfestes Imageproblem: Erst beendete mit Ihnen der Star der Branche die Karriere, dann wurde die Etatunterdeckung bekannt, und schließlich musste auch noch der Trainer gehen.
Kretzschmar: Wir müssen gar nicht national oder international denken, wir müssen erst einmal unsere Fans hier in der Region zurückgewinnen. Wir haben ein massives Problem mit sinkenden Zuschauerzahlen, weil die Identifikation mit der aktuellen Mannschaft noch nicht so vorhanden ist. Die großen Stars wie Abati, Kuleschow, Stiebler, Kretzschmar haben aufgehört. Jetzt kommt eine neue Generation. Und man darf nicht vergessen: Auch unsere Mannschaft brauchte damals Jahre, um erste Titel zu gewinnen.
WELT ONLINE: Bedeutet das für die künftige Ausrichtung: Die Stars wandern woanders hin, der SCM dagegen muss auf seine starke Jugendarbeit setzen?
Kretzschmar: Hier geht es ja zunächst einmal um Identifikation und nicht um Titel. Wir wollen eine Mannschaft mit Gesicht in der Bundesliga etablieren. Danach erst müssen wir versuchen, den finanziellen Rückstand aufzuholen, um wieder konkurrenzfähig zu sein. Das wird irre schwer, ist aber möglich.
WELT ONLINE: Das ist offenbar das Leid der Ostklubs, dabei ist Magdeburg doch lange Zeit eines der letzten erfolgreichen Überbleibsel aus dem DDR-Mannschaftssport gewesen. Haben Sie zwischenzeitlich um die Existenz des Vereins gezittert?
Kretzschmar: Elf Jahre lang gab’s hier für mich keine Existenzsorgen, und auf einmal bangt man Tag für Tag ums Überleben. Die finanzielle Seite war aber nie mein Metier. Das ist Sache des Präsidenten und des Managers. Wenn Oesterhoff und Kaiser mir sagen, dass sie die Sache jetzt im Griff haben, kann ich ihnen nur glauben und vertrauen.
WELT ONLINE: Dabei reden alle von einem Handball-Boom nach der WM. Ist der an Magdeburg vorbeigegangen?
Kretzschmar: Sagen Sie mir, wo der Boom in der Liga zu sehen ist. Jeder Verein – bis auf Kiel – hat rückläufige Zuschauerzahlen in dieser Saison. Das ist alarmierend. Es gab kürzlich eine Konferenz der Manager, in deren Verlauf eine Studie in Auftrag gegeben wurde, die den Trend aufklären soll.
WELT ONLINE: Dabei vermeldeten Liga und Verband doch, der Interessenzuwachs verschaffe ihnen neue Sponsoren.
Kretzschmar: Alles Augenwischerei. Die Liga hat ein Namenssponsoring abgeschlossen – mit einem sehr geringen Nutzen für die Klubs. Da bringt uns jedes regionale Autohaus als Werbepartner mehr ein.