DOPING-RAZZIA
Mayer in Gewahrsam, Athleten abgetaucht
Razzien, Spritzen, ein Trainer, der auf der Flucht einen Polizeiwagen rammt - und zwei verschwundene Sportler: Beim österreichischen Olympia-Team ist die Hölle los. Der umstrittene Langlauf-Trainer Mayer befindet sich jetzt in Polizeigewahrsam. Das bestätigte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE.
Paternion - Walter Mayer soll im rund 25 Kilometer von der italienischen Grenze entfernten Paternion (Oberkärnten) eine Polizeikontrolle ignoriert haben. Bei der anschließenden Verfolgung hat der wegen Dopingverdachts in Italien gesuchte Trainer des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) einen quergestellten Polizeiwagen gerammt. Das bestätigte ein Polizeisprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Dabei habe sich Mayer leichte Verletzungen zugezogen.
"Er wurde nach dem Unfall in Gewahrsam genommen und befindet sich zur Stunde auf der Polizeistation in Paternion", so der Polizeisprecher. Dass Alkohol im Spiel war, wie der ORF auf seiner Webseite meldete, wollte der Sprecher nicht kommentieren. Unterdessen sind nach der gestrigen Doping-Razzia im Lager der österreichischen Biathleten und Langläufer weitere belastende Details aufgetaucht. "Bei der Razzia hat ein Athlet etwas aus dem Fenster geworfen. Wir haben benutzte und unbenutzte Spritzen sichergestellt", sagte ein Turiner Polizeisprecher.
Zehn österreichische Athleten mussten sich in der Nacht zum Sonntag nach der Durchsuchung ihrer Privaträume einem Dopingtest unterziehen, es wurden sechs Langläufer und vier Biathleten getestet. Am Sonntagabend wurde dann bekannt, dass die beiden Biathleten Wolfgang Rottmann und Wolfgang Perner, der am Dienstag beim 10-Kilometer-Sprint den vierten Rang belegt hatte, aus der Turin-Region abgereist sind. Das bestätigte das Nationale Olympischen Komitee Österreichs(ÖOC). Perner und Rottmann seien vom Nationalen Olympischen Komitee Österreichs aus dem Olympia-Team ihres Landes ausgeschlossen worden, teilte Raimund Fabi, Sprecher des Österreichischen Ski-Verbandes (ÖSV), der französischen Nachrichtenagentur afp mit. Am kommenden Dienstag hätten die beiden Läufer bei der 4 x 7,5 Kilometer-Staffel an den Start gehen sollen.
Das IOC hatte am Mittwoch einen Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) erhalten, der den Verdacht auf Blutdoping-Praktiken im österreichischen Lager nährte. Im Visier der staatlichen Fahnder standen weniger die Sportler als vielmehr Mayer, der nach der sogenannten "Blutbeutel-Affäre" bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City vom IOC einschließlich Vancouver 2010 von Olympia ausgeschlossen wurde. Er war dennoch zu den Turin-Spielen angereist. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel reagierte verärgert. Mayer sei "jetzt schon fristlos entlassen". Mayers sofortigen Ausschluss aus dem Verband bestätigte am späten Sonntagabend auch Raimund Fabi.
Bei den Winterspielen stand vor vier Jahren vielmehr Mayer, damals Cheftrainer der Langläufer, im Mittelpunkt der sogenannten "Blutbeutel-Affäre". Nach der Abreise der Österreicher hatte eine Putzfrau im Mannschaftshotel Injektionsnadeln und Geräte für Bluttransfusionen gefunden. Nach dem IOC-Reglement wurden die Fundstücke mit nachgewiesenem Blutdoping gleichgesetzt. Mayer wurde deshalb gesperrt, erst an den Olympischen Spielen 2014 dürfte er wieder als offiziell akkreditierter Coach teilnehmen.
Wie die österreichische Teamleitung bestätigte, war Mayer tatsächlich im Piemont - als Privatmann, wie ÖSV-Sprecher Erich Wagner betonte. "Er hat die Jungs besucht. Natürlich dürften sie über die Vorbereitung auf das Rennen gesprochen haben, vielleicht hat er ihnen auch ein paar Ratschläge gegeben. Als Trainer wird er nicht nur über das Wetter gesprochen haben", so Wagner.
Mike Glindmeier/sid/dpa