Hamburger Abendblatt, 11. April
Millionenstadt? Die Olympia-Hürde
Spiele kommen nur in große Metropolen. Seit 1960 haben sie im Schnitt 4,7 Millionen Einwohner.
Eine Stadt mit weniger als einer Million Einwohner dürfte so gut wie keine Chance haben, Austragungsort olympischer Sommerspiele zu werden. Denn in den vergangenen vier Jahrzehnten hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) nur Städte mit siebenstelligen Einwohnerzahlen ausgewählt: Im Schnitt leben in den Olympiastädten von 1960 bis 2008 rund 4,7 Millionen Menschen. Das hat eine Abendblatt-Auswertung ergeben.
Das Ergebnis deckt sich offensichtlich mit der offiziellen Sichtweise des IOC: "Wegen der gewachsenen Anforderungen hat man mit weniger als einer Million Einwohnern keine Chance", sagte Denis Oswald, IOC-Regierungsmitglied und Chefinspekteur der Spiele in Athen 2004, unlängst dem "Spiegel". "Denn man muss auch an die nacholympische Nutzung der Anlagen denken: Wozu braucht eine 500 000-Einwohner-Stadt zehn Stadien?"
IOC-Präsident Jacques Rogge spricht zwar kleineren Städten nicht per se die Möglichkeit einer Bewerbung ab. Aber was er unter "kleiner" versteht, ist ganz eindeutig: Athen habe auch den Zuschlag bekommen, sagt er - obwohl die griechische Hauptstadt "nur" drei Millionen Einwohner habe. Und damit deutlich unter dem Schnitt liegt. Zum Vergleich: Peking, Olympiagastgeber 2008, hat mehr als zehn Millionen Einwohner.
Dagegen wirken die fünf deutschen Olympiakandidaten für 2012 alle winzig: Allein Hamburg liegt mit 1,8 Millionen Einwohnern jenseits der Grenze, die seit 1960 jede Olympiastadt überschreiten musste. Es folgt mit deutlichem Abstand Frankfurt (650 000), dann Stuttgart (580 000), Düsseldorf (575 000) und Leipzig (500 000). Zählt man die Umgebung der jeweiligen Städte dazu, potenzieren sich die Einwohnerzahlen zwar - im Fall Rhein-Ruhr gar auf elf Millionen Menschen -, aber darauf nimmt das IOC keine Rücksicht: Es verlangt kompakte Spiele in einer einzigen Stadt. Warum die möglichst groß sein muss, ist übrigens einfach zu erklären: Jeden Tag werden rund 500 000 Olympiabesucher erwartet. Dazu müssen bis zu 18 000 Sportler und 20 000 Journalisten untergebracht werden. Auch hier ist ein Vergleich interessant: An den Olympischen Spielen 1960 in Rom nahmen nur 5348 Athleten teil. Die Gesamtzuschauerzahl lag lediglich bei 1,4 Millionen.
Trotzdem setzte das IOC schon damals auf große Städte: Das war einer der Hauptgründe dafür, dass vor 1960 Metropolen wie London, Paris und Berlin die Sommerspiele gleich mehrfach austragen durften - zusammen kommen die drei Europäer auf siebenmal Olympia.