Brand wehrt sich gegen Vorwürfe
Lemgo/München - Katerstimmung im deutschen Handball: Erstmals seit 1990 finden die drei Europapokal-Endspiele ohne Klubs aus der "stärksten Liga der Welt" statt.
Als letztes Team scheiterte am Samstag der TBV Lemgo im Halbfinale des Pokalsieger-Cups an Göteborg. Die Ostwestfalen verloren nach dem Spiel in Schweden auch das Rückspiel gegen Redbergslids (35:37, Hinspiel: 32:36).
Zuvor waren Magdeburg, Kiel (beide Champions League) sowie Flensburg, Essen und Nordhorn (alle EHF-Cup) auf europäischer Ebene gescheitert. Ein Debakel für den deutschen Handball, das den Gewinn der Silbermedaille bei der WM in Portugal verblassen lässt.
Holpert-Kritik
Fynn Holpert hat eine Ursache ausgemacht: die extrem hohe Belastung für die Nationalspieler.
Lemgos Manager geht mit der Terminplanung des Deutschen Handball-Bundes (DHB) und seines Bundestrainers Heiner Brand hart ins Gericht. Mitten in die Saison hatte der DHB zwei Länderspiele gegen Frankreich und Island gelegt.
Brand wehrt sich
In einem Gespräch mit Sport1.de kontert der Bundestrainer die Kritik. Brand fühlt sich zu Unrecht attackiert: "Ich bin doch nicht für den Rhythmus in Lemgo zuständig."
Dass sich Holpert über die Terminwahl beschwert, sei, so Brand, nicht nachvollziehbar: "Es ist seit Gründung der Bundesliga üblich, dass im Laufe einer Saison Länderspiele stattfinden. Damit müssen alle fertig werden. Schweden, Spanien - alle Nationalmannschaften bestreiten Länderspiele."
Deutsche Top-Klubs straucheln
Brand akzeptiert Holperts Aussagen nicht. Holpert sagte gegenüber Sport1: "Wir haben noch nicht wieder den Rhythmus wie vor der Länderspielpause im März gefunden."
Dennoch: Die deutschen Top-Klubs straucheln. Die Spieler scheinen mit ihren Kräften am Ende.
Drei Niederlagen in Serie
Drei Niederlagen, einmal in Eisenach und zweimal gegen Göteborg, kassierte Lemgo in Serie. Ein Lemgoer Quartett (Ramota, Baur, Kehrmann, Schwarzer) hatte in beiden Spielen das DHB-Trikot getragen. Gerade diese Leistungsträger im Spiel des TBV wirken jetzt - nach einer langen Saison - platt. Göteborg drückte aufs Tempo und hatte am Ende leichtes Spiel.
Aber nicht nur die Lemgoer, wegen seiner vielen Nationalspieler auch "TBV Deutschland" genannt, wirken am Ende der Saison ausgelaugt. Auch die anderen Top-Teams gehen am Stock.
Die SG Flensburg
Von Dänen-Power keine Spur. Beim VfL Gummersbach wirkte die Mannschaft von der Förde groggy. Spielmacher Joachim Boldsen war überfordert, da sein "Ersatz" Christian Berge verletzt fehlte.
SC Magdeburg
In Nordhorn wurde der SCM überrannt. Der Champions-League-Sieger 2002 ist kaum wiederzuerkennen. Der Sieg in Kiel kam völlig überraschend, aber logisch, denn...
Der THW Kiel
... der Meister strauchelt seit Wochen. Stars sind verletzt oder angeschlagen, das Team wirkt überspielt.
Dagegen machen gerade die Mannschaften, deren Stars nicht bei der WM im Einsatz waren oder die nicht von Länderspiel-Einsätzen geschlaucht sind, einen frischeren Eindruck. Essen ist in der Rückserie noch ungeschlagen (16:0 Punkte), Nordhorn oder Gummersbach greifen an.
Titelanwärter Lemgo hingegen zahlt den Preis für die Schwächeperiode. Eine sechsstellige Summe geht dem TBV durch das Europapokal-Aus durch die Lappen. Die Finals waren für die Preussag-Arena in Hannover geplant.
Zittern in Lemgo
Statt Europapokal-Euphorie also das große Zittern beim Tabellenführer: Reicht die Kraft für den Endspurt der Liga? Oder geht dem TBV wie im Vorjahr wieder die Puste aus?
Im Titelrennen spricht eigentlich alles für die Ostwestfalen. Doch nach den Pleiten gegen Göteborg scheint wieder alles offen.
Michael Schwartz/Uli Heichele