Ich komme zu einem anderen Fazit. Das deutsche Angriffstaktik gegen die 3:2:1 war stimmig.
Sehr schön, dass hier auch mal jemand versucht, das deutsche Debakel differenziert zu betrachten. Deine Einschätzung muss man nicht in allen Punkten teilen, aber - bei aller nachvollziehbaren Enttäuschung - hier war mir bisher denn doch zuviel Haudrauf und zuwenig Analyse.
Man kann bei den deutschen Spielern grundlegende Defizite bemängeln und auch Heubergers (öffentliche) Spielanalyse für etwas schöngefärbt halten. Fakt bleibt aber, dass
a) bei einer besseren Chancenausnützung das Spiel nach 15min unentschieden oder knapp steht und nicht schon fast entschieden ist, und
b) kein Trainer in dieser Situation öffentlich Begriffe wie Katastrophe oder Desaster etc. in den Mund nimmt. Täte er das, würde er eine ohnehin verunsicherte Mannschaft noch weiter schwächen.
Ich bin wie Coach-DM der Meinung, dass die deutsche Mannschaft eine ganze Weile lang die taktisch richtigen Maßnahmen gegen die tschechische Deckung gewählt hat. Allerdings ist auch plausibel, dass
durch die offene Abwehr ja mehr Druck auf den Angriffsspieler aufgebaut wird und sich dieser Druck in einer größeren Unsicherheit und Nervosität und in Folge dessen in einer geringeren Kaltschnäutzigkeit vor dem Tor niederschlägt.
Hinzuzufügen bleibt, dass der stärkere Druck auf den Rückraum womöglich viel zum schlechten Entscheidungsverhalten der deutschen Angreifer beigetragen hat.
Im Vergleich zum Duell FRA - ESP gestern fiel mir vor allem auf, dass auf beiden Seiten zahlreiche Akteure in der Lage waren, mit einer schnellen Aktion 2 oder gar 3 Gegenspieler zu binden und dann den Ball mit hohem Tempo weiterzuspielen, bzw. auf Grundlage einer gut gestellten Sperre selbst erfolgreich abzuschließen. Das sind aber individuelle Qualitäten, die unseren Spielern einfach fehlen. Da sehe ich nicht, was ein BT daran ändern kann.
Dass Heubergers taktische Maßnahmen in der Abwehr nicht gefruchtet haben, dass mancher Wechsel hätte früher (oder überhaupt) erfolgen können - geschenkt. Aber da verweise ich auf einen Satz, den ich irgendwann einmal hier im Forum gelesen habe. Sinngemäß: "Ein Trainer macht keine Fehler. Er trifft nur Entscheidungen, die sich hinterher als falsch erweisen können."
Kurz gesagt: Im Falle eines Scheiterns wird Heuberger nicht zu halten sein. Das liegt in der Logik des Leistungssports. Ich sehe aber momentan nicht, wie ein anderer Trainer mit dem vorhandenen Spielermaterial deutlich besser abschneiden will.
Und abschließend noch ein Wort zu denjenigen, die hier fordern, dann doch lieber mit einer besseren Juniorenauswahl unterzugehen: Denkt vielleicht auch einmal darüber nach, dass ihr damit den jungen Spielern alles andere als einen Gefallen tut. Es ist nämlich ein Riesenunterschied, ob ich als Jungspund mit guten Leistungen "überraschen" kann, oder ob ich als Frischling gegen die Jichas dieser Welt die Verantwortung tragen und die Kastanien aus dem Feuer holen muss.