Englische Drohungen
VON FRANK NÄGELE,
Ähem, ja, wie sagen wir das jetzt. Es gilt Kritik zu üben an einer Instanz im europäischen Fußball, sozusagen der Urmutter desselben. Aber wir haben Angst, denn das kann gefährlich werden, wir fürchten um die Sicherheit unserer Frauen und Kinder, und das ist jetzt gar nicht mal so witzig gemeint. Urs Meier, der Uefa-Schiedsrichter aus der Schweiz, erlebt dieser Tage, was es heißt, den Zorn der Engländer zu wecken. Meier hat ein fürchterliches Verbrechen begangen, als er kurz vor Ende der regulären Spielzeit der Viertelfinalbegegnung England - Portugal nicht auf Tor entschied, obwohl Sol Campbell den Ball ins Netz beförderte. Meier sah, wie Verteidiger John Terry Torhüter Ricardo massiv bedrängte, im Fünfmeterraum. Die Regel sagt, dass Terry das nicht darf.
Nach dem dramatischen Scheitern im Elfmeterschießen, unter anderem wegen eines Katastrophenschusses von David Beckham, fiel es der englischen Presse wie Schuppen von den Augen, wer alleine an dem Desaster schuld war: Urs Meier, er ganz alleine, weil er es gewagt hatte, eine Regel in diesem glasklaren Fall anzuwenden. In guter alter Tradition veröffentlichen die Glanzlichter britischen Pressewesens Telefonnummer, Anschrift und E-Mail-Adresse des Schiedsrichters, der seitdem in ständiger Bedrohung lebt. Das Haushaltswarengeschäft des Schweizers muss von Polizisten bewacht werden, Urs Meier und seine Familie sind untergetaucht.
Uns sind mehrere Dinge nicht ganz klar. Erstens: Was wäre erst passiert, wenn der Schiedsrichter eine Fehlentscheidung zu Lasten Englands gefällt hätte? Zweitens: Wo soll populistisch angekurbelter Schwachsinn dieser Art hinführen? Drittens: Wie sagen wir den Engländern, die dafür verantwortlich sind, dass sie in Behandlung gehören, ohne uns in Gefahr zu begeben? Nun gut, zumindest auf Frage drei haben wir jetzt eine Antwort. Wir sagen es ihnen hiermit. Einfach so, denn irgendjemand muss es ja tun.