Interview mit VfL-Spielmacher
„Wir sind die Unbequemen“
Erstellt 09.04.10, 08:47h
Viktor Szilagyi, der Spielmacher des VfL Gummersbach, spricht mit Christoph Pluschke über die Chancen der oberbergischen Handballer beim "Final Four" um den DHB-Pokal. Er sieht sein Team gegen den HSV Hamburg in der Außenseiterrolle.
Viktor Szilagyi, der Spielmacher des VfL Gummersbach. (Bild: Getty Images)
Herr Szilagyi, unmittelbar nach dem verlorenen Pokal-Endspiel gegen den THW Kiel beim Final Four 2009 waren Sie für einige Minuten von der Bildfläche verschwunden, weil Sie - nach späterem Bekenntnis - ein paar Tränen verdrücken mussten. Wo und wie wird man Sie nach dem Finale am Sonntag antreffen?
VIKTOR SZILAGYI: Na, ich hoffe doch sehr, in einer Traube jubelnder und glücklicher Menschen. Aber so weit will ich noch gar nicht denken, erstmal steht am Samstag das Halbfinale gegen die Rhein-Neckar Löwen an, das wird schwer genug. Ich rechne mit einer ganz engen Kiste, da entscheiden Kleinigkeiten.
Und der VfL gefällt sich wieder in der Rolle des Außenseiters . . .
SZILAGYI: Das sind wir auch definitiv. Und die Löwen sind die klaren Favoriten, auch wenn sie das abstreiten, weil sie vielleicht mit dem Druck nicht so gut umgehen können. Dass sie uns für unangenehm halten, ist ein nettes Kompliment, das wir uns durch unsere guten Spiele in dieser Saison gegen Spitzenteams ja auch verdient haben. Aber das ändert nun mal nichts an der Papierform, und die spricht in diesem Duell nicht für den VfL.
Hat der VfL bei seiner jüngsten 28:31-Niederlage gegen die Löwen in Mannheim womöglich nur geblufft? Dem alten Trainerfuchs Sead Hasanefendic ist ja alles zuzutrauen . . .
SZILAGYI: (lacht) Mag ja sein. Aber im Ernst: Solche Spielchen oder Experimente können wir uns mit diesem Kader gar nicht leisten. Aber damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Wir mögen am Samstag zwar Außenseiter sein, aber das heißt ja nicht, dass wir nur nach Hamburg fahren, um die tolle Atmosphäre in der Colorline-Arena zu genießen. Man sollte nicht vergessen, dass wir auf dem Weg dorthin wahrlich kein Losglück hatten und zuletzt immerhin den THW Kiel ausgeschaltet haben. Außerdem haben wir auch in der Liga für die eine oder andere Überraschung gesorgt. Sagen wir es so: Es gibt keine Mannschaft in Deutschland, die mit der Erwartung in ein Spiel gegen den VfL Gummersbach gehen kann, dass sie ihn schon irgendwie schlagen wird. Wir sind die Unbequemen.
Die Mannschaft hat zuletzt Fans und Fachwelt gleichermaßen mit starken Leistungen überrascht - und das, obwohl sie den Weggang solcher Leistungsträger wie Ilic oder Fazekas verkraften musste und im Umfeld des wirtschaftlich angeschlagenen Klubs fast permanent Unruhe herrschte. Wie ist das zu erklären?
SZILAGYI: Zunächst einmal sind wir richtig gut gestartet, haben Selbstvertrauen geschöpft, haben ein paar Highlights setzen können, sind gewissermaßen auf eine Wolke geraten, die uns weitergetragen hat. Inzwischen sind wir so stabil, dass wir auch Rückschläge oder personelle Probleme wegstecken können.
Ist die Mannschaft trotz oder gerade wegen der Finanzmisere des Klubs inklusive Gehaltskürzungen, unregelmäßiger Zahlungen und unsicherer Zukunft eine solche Einheit geworden?
SZILAGYI: Das ist natürlich eine Charakterfrage, wie professionell Spieler oder Trainer mit einer solchen Situation umgehen. Man hätte sich ja auch hinstellen können und sagen: Okay, wir kriegen 20 oder 30 Prozent weniger, also machen wir auch 20 oder 30 Prozent weniger. Aber wem nützt so was? Das hätte dem Verein doch nur ein Alibi gegeben, der hätte ja dann ganz leicht sagen können: Warum sollen wir eine Mannschaft am Leben erhalten, die sich nicht richtig reinhängt? Nein, wir haben uns stattdessen zu einer Trotzreaktion entschlossen: Wir geben alles für den Verein - und hoffen, dass auch von dort was zurückkommt. Wir haben für den sportlichen Erfolg gesorgt, und der ist nun mal die Grundvoraussetzung dafür, dass es hier weitergeht.
Und was kommt vom Verein?
SZILAGYI: Wir haben von Anfang an gespürt, dass hier mit hohem Einsatz an der Bewältigung der Krise gearbeitet wird. Und mittlerweile gibt es deutliche Signale, dass sich die Situation bald entspannt.
Aber was passiert, wenn es bei den positiven Signalen bleibt? Die vorige Saison verlief ja auch sehr erfolgreich, man spielte beim Final Four, gewann sogar den EHF-Pokal, und wenige Wochen später hieß es: Tut uns Leid, aber es fehlen Sponsorengelder, ihr müsst Gehaltseinbußen hinnehmen oder Euch einen anderen Verein suchen . . .
SZILAGYI: Das war tatsächlich ein Hammer. Aber was sollten wir machen? Nochmal: Wenn wir als Mannschaft eine andere Reaktion gezeigt hätten, wären wir jetzt wahrscheinlich in Abstiegsgefahr oder der VfL hätte schon längst seine Lizenz zurückgeben müssen. So aber hat uns das alles noch mehr zusammengeschweißt.
Sie selbst haben Ihren Vertrag beim VfL im vergangenen Herbst bis 2011 verlängert - allerdings mit einem Kündigungsrecht bis Ende Februar 2010. Offenbar haben Sie dem Braten doch nicht ganz getraut . .
SZILAGYI: Den Vertrag im Herbst habe ich abgeschlossen, um - auch aus meiner Verantwortung als Familienvater heraus - eine gewisse Sicherheit zu erlangen. Anders gesagt: Nur mit der Verlängerung des auslaufenden Vertrages konnte ich mich auch auf einen Gehaltsverzicht einlassen. Aber natürlich wollte ich auch schauen, wie sich die Dinge hier weiter entwickeln. Wenn's mir nur ums rein Finanzielle gegangen wäre, hätte ich kündigen müssen. Ich verdiene hier weniger, als es woanders möglich gewesen wäre, aber ich bin trotzdem zufrieden. Die Familie fühlt sich wohl, und der Job beim VfL macht einen Riesenspaß.
Das Gespräch führte Christoph Pluschke