Bundesliga
Bohmann: "Kann gar nichts ausschließen"
Die Krise in der Handball-Bundesliga verschärft sich
von Erik Eggers
Die Steuerfahndung in Magdeburg und Nordhorn, Insolvenzantrag bei TuSEM Essen, eine drohende Pleite in Stralsund: Die Handball-Bundesliga (HBL) steckt in der Krise. HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann kann weitere Horrormeldungen nicht ausschließen.
Der Mann gibt sich gar keine Mühe mehr, seinen Groll zu verbergen. "Langsam habe ich die Faxen dicke", zürnt Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL). Kein Wunder angesichts der Hiobsbotschaften. Im September hatte die Steuerfahndung die Geschäftsstelle der HSG Nordhorn durchsucht, der Verdacht lautet auf Zahlung von Schwarzgeld.
Katerstimmung nach großer Euphorie
Letzte Woche nun musste TuSEM Essen, der dreimalige Meister, wegen einer Schuldenlast von 1,5 Millionen Euro die Insolvenz beantragen und steht damit als Absteiger fest. Dienstag der nächste Schock. Laut Manager Jörg Dombdera muss auch der Tabellenletzte Stralsunder HV Insolvenz beantragen, sollte die Stadt Stralsund keine Bürgschaft in Höhe von 450 000 Euro bereitstellen. In diesem Fall stünde bereits der zweite Absteiger fest - 23 Spieltage vor Saisonende. Keine zwei Jahre, nachdem die Weltmeisterschaft in Deutschland für Rekordquoten sorgte und eine Euphorie entfachte, droht der Liga eine Farce.
Die bange Frage lautet: Klappt da noch mehr hoch? Befinden sich noch mehr Klubs in finanzieller Schieflage? "Ausschließen lässt sich gar nichts", lautet die wenig ermutigende Antwort Bohmanns. Kandidaten gibt es schließlich genug. Schließlich musste kürzlich der SC Magdeburg einräumen, in den Jahren unter dem Ex-Geschäftsführer Bernd-Uwe Hildebrandt Schwarzgelder gezahlt zu haben. "Der SCM hat sein Risiko gut im Griff", glaubt indes Bohmann.
In Nordhorn tickt Zeitbombe
Eine weitere Zeitbombe tickt in Nordhorn, das durch neue Sponsoren vorerst gerettet wurde; hier können gewaltige Steuernachforderungen auf den Klub zukommen. Und auch der Traditionsklub VfL Gummersbach stand noch im Juni vor dem Lizenzentzug. Die Oberbergischen erhielten die Spielberechtigung für die laufende Saison nur "unter Bedingungen".
Für die dringend benötigte Liquidität, welche die HBL einforderte, sorgten erst die Verkäufe des Trainers Alfred Gislason nach Kiel (750 000 Euro) und des Linksaußens Gudjon Valur Sigurdsson zu den Löwen (250 000). "Sonst wäre dieser Fall auch virulent geworden", weiß HBL-Präsident Reiner Witte.
Kein Wunder, dass die Vielzahl der Fälle eine Debatte nach der Seriosität des Lizenzierungsverfahrens losgetreten hat. Einige Ligavertreter äußern sich dabei fast verächtlich über die Qualität dieses Verfahrens, das weitgehend auf Testaten von Wirtschaftsprüfern beruht. Sein Klub hätte 2004 die Lizenz nicht erhalten dürfen, erklärte HSV Hamburg-Präsident Andreas Rudolph, was vor dem Hintergrund pikant ist, dass Rudolph dem HBL-Präsidium angehört.
Und SHV-Manager Dombdera hat nun in der Zeitung "Die Welt" kundgetan, dass das Lizenzierungsverfahren "nichts wert" sei. Aussagen, die HBL-Geschäftsführer Bohmann wütend machen, zumal er ebenfalls der dreiköpfigen Lizenzierungskommission angehört. Nicht die HBL verantworte das Missmanagement, sondern die Klubs selbst, so seine Replik. Die betroffenen Klubs selbst hätten die "durch die nach der WM einsetzende Preisspirale bei den Gehältern" nicht rechtzeitig eingedämmt, stellt Bohmann klar.
Klubs geben Verband die Schuld
Gleichwohl müsse sich die Liga fragen, ob die Lizenzvergabe "anders zu gestalten ist", so der HBL-Geschäftsführer. "Man muss hier die Stellschrauben anziehen", diese Lehre hat HBL-Präsident Witte gezogen. Eines der größten Probleme aber wird sich kaum lösen lassen: Selbst bei vorsätzlich falsch eingereichten Lizenzunterlagen, wie die HBL das im Falle Essens vermutet, ist ein Lizenzentzug trotz entsprechender HBL-Statuten kaum möglich.
Dagegen steht das Insolvenzrecht; ein Insolvenzverwalter könnte dann Schadensersatz von der HBL verlangen, weil diese mit dem Lizenzentzug den Angestellten die Arbeitsgrundlage entzöge. "Diese Drohung ist deshalb ein stumpfes Schwert", sagt Bohmann. Wie die aktuelle Krise bewältigt wird, weiß er nicht: "Wir haben noch keine Lösung."