Rheinischer Anzeiger, Titelseite, von heute
Handball-Bundesliga: Der Trainer des TSV Dormagen (DHC Rheinland) spricht über den Klassenerhalt und die neue Saison
„Tabelle zeigt die Gesamtleistung eines Vereins“
Dormagen (-oli) – In den letzten zehn Minuten dieser Saison war es eine totale Zitterpartie, doch der TSV Dormagen schaffte in der Relegation gegen den Zweitligisten TV Emsdetten verdient den Klassenerhalt. RA-Redaktionsleiter Oliver Baum sprach mit Trainer Kai Wandschneider über die gerade abgelaufene und die anstehende Spielzeit.
RA: Haben Sie schon verarbeitet, was da in Münster in der Halle am Berg Fidel passiert ist? Wie oft haben Sie schon das Video gesehen?
Wandschneider: Einmal – und das richtig intensiv zwei Stunden lang. Ich denke, wir werden alle beim Trainingsauftakt mit einem breiten Lächeln erscheinen. So ein Erlebnis trägt einen für Wochen. Das war gigantisch, eine phänomenale Leistung, die die Jungs da noch mal abgerufen haben. Es war schon außergewöhnlich, dass wir das geschafft haben. Wir waren einfach spielerisch bärenstark. Im Hinspiel haben wir zwölf Tore über den Gegenstoß erzielt, in Münster nur zwei. Das bedeutet, dass wir dort 24 Tore aus dem Positionsangriff gemacht haben. Im Hinspiel waren es nur 15, davon wiederum nur drei aus dem Rückraum. Im Rückspiel kamen aus dem Rückraum in der Besetzung Nippes-Meyer-Mahé zehn Treffer. Alleine das war schon großartig.
RA: Wenn Sie an das Relegationsrückspiel denken, welches Bild taucht da als Erstes vor Ihrem geistigen Auge auf?
Wandschneider: Eine Farbe – und zwar grün. Es war schon beeindruckend, wie die Emsdettener Fans ihr Team unterstützt haben. Man hat nur einen einzigen grünen Block gesehen. Es war ja schon im Hinspiel so, dass die sich immer wieder sehr lautstark bemerkbar gemacht haben. In Münster waren deren Fans aber in der ersten Halbzeit recht verhalten, weil wir da das Spiel ziemlich gut im Griff hatten.
RA: Der TSV Dormagen hat geschafft, was von nicht wenigen Experten vor Saisonbeginn für nahezu oder ganz unmöglich gehalten wurde. Hinzu kommen die vielen sportlichen und nicht-sportlichen Widrigkeiten. Sie sprechen selber von einer „Horror- und Pechsaison“ . Ist der Klassenerhalt für Sie wie ein Wunder?
Wandschneider: In gewisser Hinsicht schon. Vor der Saison hatte Stefan Lövgren als ausgewiesener Experte Düsseldorf auf den allerletzten Platz, Balingen und uns auf den vorletzten und drittletzten Platz gesetzt. Minden beispielsweise sah er davor. Er hat dazu ausgeführt, dass wir spielerisch gut sind und den Klassenerhalt schaffen könnten. Da hat aber noch niemand geahnt, was im Saisonverlauf alles bei uns passieren wird. Es gab viele, die nach dem ersten Saisondrittel gesagt haben, Dormagen steigt sang- und klanglos ab. Wenn es in einer Mannschaft stimmt, kann man eben Berge versetzen. Nachdem wir wussten, dass es in Dormagen doch mit dem Bundesliga-Handball weiter geht, hat uns das noch mal einen Schub gegeben. Unsere stärksten Monate waren der Dezember und Januar. Das ging einher mit der Meldung von Heinz Lieven, dass es hinhaut für die nächste Saison. Da hat man an den Siegen gegen Berlin, in Wetzlar und gegen Nettelstett gesehen, was für eine Substanz im Team steckte. Bis dahin fehlte ja auch nur Kjell Landsberg, den wir aber mehr als gleichwertig durch Sebastian Linder ersetzen konnten. Aber in dem Moment, als Christoph Schindler erklärt hat, dass er nach Gummersbach wechselt, da hat keiner mehr daran geglaubt, dass wir es noch packen können. Danach wurde es mit den drei Verletzungen von Tobias Plaz, Florian Wisotzki und Dinos Chantziaras noch schlimmer. Insofern ist der Klassenerhalt schon ein Handball-Wunder.
RA: Warum haben die „letzten Mohikaner“ den Verbleib in der Ersten Liga geschafft?
Wandschneider: Bei Minden und Düsseldorf, die wir hinter uns gelassen haben, ist es genau umgekehrt gelaufen. In Düsseldorf gab es große Unruhe, die in dem Trainerwechsel gipfelte, was in der laufenden Saison nie gut ist. In Minden gab es auch einen Trainerwechsel. Außerdem hatten die noch mehr Verletzte als wir, haben diese aber durch Neuverpflichtungen ersetzt. Das konnten wir nicht. Letztlich haben wir die bessere Arbeit geleistet. In den Playoffs ist dann immer alles möglich. Wir waren da einfach cool, auch wenn nur zwei Spieler Relegationserfahrung hatten. Stellvertretend für den herausragenden Teamgeist möchte ich Kapitän Nils Meyer nennen, der in den vergangenen Wochen noch einmal über sich hinaus gewachsen ist. Wenn sich Spieler, die den Verein verlassen, weiter so ins Zeug legen, zeigt das, wie gut das Betriebsklima ist. Das ist außergewöhnlich.
RA: Ist es Ihnen wichtig, dass Sie in dieser Saison nicht von der Rückgabe der Lizenz durch einen oder mehrere Konkurrenten profitiert, sondern den Klassenerhalt sportlich realisiert haben?
Wandschneider: Eigentlich nicht. Die Tabelle spiegelt immer die Gesamtleistung eines Vereins wider. Dazu gehören nicht nur die Spieler und der Trainer, sondern auch das Management, der Präsident, die Sponsoren, Zuschauer und Medien. Wenn es da stimmt und die Dinge realistisch eingeschätzt werden, kann man ganz viel erreichen. Die Insolvenzen in der vergangenen Saison waren ja die Bestrafung dafür, dass sich Vereine in ihrer Gesamtheit falsch eingeschätzt haben. Insofern ist es von außen betrachtet vielleicht schön, dass es jetzt auch sportlich geklappt hat. Aber es wäre blauäugig zu denken, Tabellenplätze resultierten alleine aus der Leistung der Spieler auf dem Feld. Der Klassenerhalt in diesem Jahr ist sicherlich mehr Wert, weil in der Relegation und in großen Teilen der Rückrunde sechs Stammspieler gefehlt haben.
RA: Auftakt in die Saison 2010/11 ist am letzten Augustwochenende. Aufgrund der Relegation konnten die Spieler erst vor einer Woche in Urlaub gehen. Wann starten Sie mit der Saisonvorbereitung? Ist die freie Zeit nicht zu kurz?
Wandschneider: Sie ist zu kurz. Deswegen beginnen wir eine halbe Woche später, teilweise sogar anderthalb Wochen später als die anderen Mannschaften. Wir starten am 22. Juli in die Saisonvorbereitung. Ein Teil des Teams, vor allem bei den jungen Spielern, ist ja gar nicht so stark belastet gewesen. Es sind nur fünfeinhalb Wochen bis zum ersten Pflichtspiel. Da fällt eher ins Gewicht, dass wir fünf neue Spieler haben, die wir integrieren müssen. Davon sind 80 Prozent Rückraumakteure. Es braucht seine Zeit, um sich dort einzuspielen. Die Isländer sprechen zudem kein Deutsch.
RA: Das Team, das ab dem 1. Juli unter dem Namen DHC Rheinland aufläuft, befindet sich in einem großen personellen Umbruch. Es bleiben nur die beiden Torhüter Vitali Fechchanka und Jens Vortmann, die beiden Linksaußen Michiel Lochtenbergh und Max Holst, die beiden Kreisläufer Sebastian Linder und Michael Wittig, Tobias Plaz auf Rechtsaußen, Kristian Nippes auf Halbrechts, Kentin Mahé auf der Mittelposition und Maciej Dmytruszynski als Abwehrspezialist da. Neu dazu kommen die beiden Isländer Arni Thor Sigtryggson auf Halbrechts und Sigurbergur Sveinsson auf Halblinks, Jan-Olaf Immel auf Halblinks und Rechtsaußen Daniel Wernig. Es fehlt noch ein Mittelmann...
Wandschneider: Andre Kogut, ein junger deutscher Spieler, der schon zwei Jahre Erstligaerfahrung hat, hätten wir gerne verpflichtet. Er hat sich für Friesenheim entschieden, wollte offenbar sicher in der Ersten Liga sein. Mittlerweile bin ich darüber nicht mehr traurig, denn mir sind Spieler lieber, die auch mal ein gewisses persönliches Risiko eingehen und an Projekte glauben. Er hat sich für den leichteren Weg entschieden, was wir respektieren. Ich hoffe, dass wir noch in dieser Woche eine gleichwertigen Ersatz verpflichten können.
RA: Was für Perspektiven hat die neue Mannschaft? Wird das wieder eine Zitterpartie im Kampf um den Klassenerhalt? Wer sind die Konkurrenten?
Wandschneider: Es geht für uns nur um den Klassenerhalt. Die Mannschaft ist dünner besetzt, wir haben nur noch zwölf Spieler. Tobias Plaz wird vor Mitte Oktober nicht einsatzfähig sein. Bisher haben wir um den Spielerkern im besten Handball-Alter von 25 bis 30 Jahren immer Ergänzungen vorgenommen. Dieser Spielerkern ist nun quasi weg. Von daher werden die ersten Saisonspiele auch noch zur Eingewöhnungsphase dazu gehören. Konkurrenten sind die beiden Aufsteiger Friesenheim und Hamm, wobei Hamm aufgrund der finanziellen Möglichkeiten zu einem zweiten Hannover werden könnte. Balingen wird da unten wieder mitmischen und aufgrund der finanziellen Entwicklung, die offenbar kritisch ist, wohl auch Wetzlar. Hannover hat das zweite Jahr nach dem Aufstieg vor sich. Das ist bekanntlich schwerer als das erste, wobei die unheimlich heimstark waren.
RA: Wie lange machen Sie denn jetzt Urlaub? Wie werden Sie Ihre freie Zeit nutzen?
Wandschneider: Ich erledige jetzt all die Sachen, die ich bis zum Saisonende weggeschoben habe. Ansonsten hoffe ich, dass ich zwei Wochen abschalten kann. Da werde ich mich aufs Fahrrad setzen und den Rhein runter fahren.
RA: Wir wünschen gute Erholung!