Offener Brief der Mannschaft
Wieder einmal geht eine Runde der stärksten Liga der Welt zu Ende. Auf den ersten Blick könnte man meinen, eine harmonischere Saison hat es lange nicht gegeben. Oben hat der THW Kiel einsam seine Kreise gezogen. Wendet man sich den Niederungen der Tabelle zu, dann bekommt man das vor Augen geführt, was bereits vor der Saison für viele als sicher galt: Für alle drei Aufsteiger hat es nicht gereicht. Und kein einziger Verein der 1. Liga muss lizensierungstechnisch auf die Auswechselbank, was vor allem bei den Funktionären der Toyota-HBL in puncto Außendarstellung ein Grund sein dürfte, auf sich selbst anzustoßen.
Kling gut. Zu gut? Gibt es nicht immer das sprichwörtliche »Jin zum Yang«? Hält sich nicht »Gut und Böse« stets die Waage? Wohin sind die schmutzigen Details verschwunden, die sich zwar in den Pressemitteilungen von offizieller Seite immer so erfrischend einfach »verformulieren« lassen? Die heutzutage aber, wie jeder weiß, nicht nur im Geschäft des Profihandballs, sondern auch in der Realität des Alltags und des allgegenwärtigen Miteinanders wiederzufinden und fest verwurzelt sind. Seit letzten Freitag um 17.30 Uhr wissen wir: Die Verkommenheit der Sitten macht auch vor dem Handball-Zirkus nicht halt. Die Liga hat einen handfesten mittelhessisch-oberbergischen Skandal.
Es liest sich einfach. Emir Kurtagic legte mit den Gummersbachern seit seiner Übernahme des Trainerpostens im Winter einen sportlichen Höhenflug hin. Von einem Abstiegsplatz führte er sie ins gesicherte Mittelfeld der Tabelle. Dem Verein um Geschäftsführer Geerken und seinen Mitstreitern im Aufsichtsrat fällt es zwar laut eigener Aussage in der Pressemitteilung »schwer«, den schon seit November geschlossenen Vertrag mit Jan Gorr vor dessen Amtsantritt im Juli nun wieder aufzukündigen, doch sieht man sich angesichts der Leistungen Kurtagics genötigt, den Kroaten für dessen Leistung mit der Fortsetzung seines Engagements als Chefcoach zu belohnen. Es sei »keine Entscheidung gegen Gorr, sondern für Kurtagic«, ist man aufseiten des Traditionsvereins bemüht zu betonen.
Doch so einfach und eindimensional betrachtet können und wollen wir als Mannschaft des TV Hüttenberg diesen Sachverhalt nicht stehen lassen. Dass wir damit nicht überall auf Gegenliebe stoßen, ist uns bewusst, doch weder auf uns, den Verein und allen voran auf einen der wohl talentiertesten, engagiertesten und hoffnungsvollsten Newcomer im Trainergeschäft wurde Rücksicht genommen, weshalb wir es als unser gutes Recht ansehen, das journalistische Mittel »Offener Brief« einzusetzen:
1. Über die Qualität und Berufsauffassung des Trainers Jan Gorr muss an dieser Stelle nicht geredet werden. Vielmehr geht es uns an dieser Stelle um den Menschen Jan Gorr, der 24 Stunden am Tag Handball lebt. Dem Trainer, um den man sich berechtigte Sorgen machen muss, wenn er in der Vorbereitungszeit keine Mannschaft formen kann, um selbst als Trainer weiter zu wachsen, um in seinem Lebenskonzept »Handballtrainer« aufzugehen. Es geht um die Dreistigkeit eines sogenannten Traditionsvereins, einer jungen, aufstrebenden und vorbildlichen Spitzenkraft in seinem Berufsfeld die schwerste Entscheidung seines Lebens abzuringen, zu einem Zeitpunkt, an dem es um jenen Traditionsverein alles andere als rosig stand. Von ihm zu verlangen, sein »Baby« Hüttenberg aufzugeben. Jan entschied sich damals trotz der schwierigen Umstände für den VfL. Zum Dank für diesen Vertrauensvorschuss wird er jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem jegliche Trainerpersonalien in der HBL geklärt sind, bereits vor der ersten Trainingseinheit und ohne eigenes Fehlverhalten gegenüber seinem neuen Arbeitgeber von diesem vor die Tür gesetzt. Auch bei seinem TVH kann er höchstwahrscheinlich nicht bleiben, da mit Heiko Karrer bereits sein Nachfolger in den Startlöchern steht – und auf ein ähnlich niedriges Niveau wie vom VfL vorgegeben wird man sich beim TVH sicher nicht begeben. Diese Entscheidung der Gummersbacher ist mehr als nur Wort- und Vertragsbruch –vielmehr ist es das manifestierte Armutszeugnis, dass der Mensch beim VfL als Material angesehen wird, dass man notfalls einfach entsorgen kann, ohne sich offenbar seelische oder wirtschaftliche Gewissensbisse hinzugeben.
2. Der TV Hüttenberg ist ganz klar und rein aus sportlichen Gründen abgestiegen, daran wollen wir rein gar nichts deuteln oder uns um sonstige Ausreden bemühen. Und wir gehen auch nicht so weit, von Gummersbacher Kalkül zu sprechen, den TVH mit dieser Aktion im vergangenen Herbst bewusst aus dem Konzept bringen zu wollen. Dazu hätte eine Verpflichtung von Jan Gorr sportlich einfach zu viel Sinn gemacht. Was allerdings feststeht: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Wechsels von Jan nach Gummersbach sind beim TVH Dinge in Bewegung geraten, die für die Verhältnisse unseres Dorfvereins einem Erdbeben gleichkamen und ab diesem Zeitpunkt nicht mehr aufzuhalten waren. Spieler, die ihr Engagement eng mit dem Verbleib des Trainers verknüpften, begannen über ihre sportliche Zukunft nachzudenken; neue Trainer wurden ins Spiel gebracht usw. Geschehnisse, die im gefestigten Umfeld des TVH nicht zur üblichen Tagesordnung gehören, die man zum damaligen Zeitpunkt aber »sportlich« genommen hat und über die kein Wort des Haderns gefallen ist. Dass parallel dazu die Konzentration für den Spielbetrieb und für den Kampf um immens wichtige Punkte im Abstiegskampf gefunden werden musste, ist bekannte Tatsache. Gebärden des Profigeschäfts, die, zugegeben, nicht verboten oder gar illegal sind, aus heutigem Stand der Dinge allerdings mehr als einen faden Beigeschmack erzeugen. Wie gesagt, wir gehen nicht so weit, von Kalkül zu sprechen, aber wir kommen persönlich nicht drum herum, die ganze Aktion als »große Sauerei« einzustufen.
3. Unsere letzten Bedenken richten sich direkt an Gummersbach respektive HBL. Der VfL stellt an sich selbst den Anspruch, Aushängeschild für eine ganze Region zu sein. Eine Region, die unlängst vom Gummersbacher Management zur Kasse gebeten wurde, da man (mal wieder) eine nicht unempfindliche Liquiditätslücke im laufenden Lizensierungsverfahren offenbarte. Auch in dieser Spielzeit kam der Verein aus dem Oberbergischen nicht einwandfrei durch besagte Prüfung. Es grenzt schon an Ironie der untersten Kategorie, dass just zu dem Zeitpunkt, an dem die HBL erneut eine derartige Misswirtschaft billigt, um den Traditionsverein im Konzert der Großen zu halten, dieser sich aber im Umkehrschluss und nicht einmal 24 Stunden später auf seine ganz individuelle Weise bedankt – und damit auch die Glaubwürdigkeit der HBL regelrecht mit Füßen tritt. Denn einen Dreijahresvertrag abzuschließen, mit der Prämisse einer längerfristigen Perspektive und sportlicher Umstrukturierung, kann selbst mit einer kurzfristigen Erfolgsgeschichte eines Interimstrainers nicht wirtschaftlich begründet werden.
Letztendlich bleibt festzuhalten, dass wir mit diesem Schreiben rein gar nichts verändern werden. Wir sind nicht so naiv zu glauben, die Lizenzierungskommision wird sich je eingestehen, von manchen Vereinen, die finanziell regelmäßig negativ auffallen, regelrecht vorgeführt zu werden. Auch werden wir bei den Verantwortlichen des VfL Gummersbach wohl kaum schlechtes Gewissen auslösen. Doch was hier passiert ist, ist aus unserer Sicht eine Geschmacklosigkeit, die selbst für das schmutzige Image des Profisports seines Gleichen sucht. Es ist zum Glück nicht unsere Aufgabe, Scheriff zu spielen. Aber wir sehen es als unsere Pflicht an, unserem Trainer, der in unverschuldete Ohnmacht geraten ist, die Stimme zu geben, die ihm momentan geraubt wird. Dem VfL Gummersbach rund um die handelnden Personen wünschen wir weiterhin alles Gute auf der Suche nach Glaubwürdigkeit und Rückgrat.
Die Spieler der 1. Mannschaft des TV 05/07 Hüttenberg