Fegefeuer und Besinnungsstunde, dann die Hölle - oder kommen wir alle in den Himmel?
Manchmal ist es im Sport so: Das Wichtigste geschieht nicht unbedingt dort, wo der Ball rollt. An geheimnisvollen Tagen rollt er sowieso nicht, sondern kullert eine Halbzeit lang von Nord nach Süd, von Ost nach West, so wie die Halle es nun einmal will. Die Gesichter vor dem Spiel, in diesem Fall die der Elfen, sind entukrainisiert, fröhlich, auf Jux raus. Unter dem Tor und vor dem Spiel ein Elfen-Schwatz oder die Arme schon probehalber einmal zum Himmel gestreckt. Schöner Abend, kurz vor dem großen Tag des Scherzes: Das Spiel gegen den VfL Oldenburg findet statt am 31. März um 19 Uhr. Keine Gefahr, aber Gefühle der Stärke. Trommler sind da, das Publikum denkt an Würstchen, an arme aus Oldenburg. Die kleine Nele zupft am Papa rum, Mama Yvonne wird keinen schlechten Abend haben und erzielt vier Tore; dabei waren herrliche, die dazu führten, dass Mama der Tochter zuliebe und wie ein Fohlen zum eigenen Kreis zurückflog.
Doch bleiben wir alle bei den an diesem Voraprilabend wesentlichen Dingen: In die Halle laufen, Leute begrüßen, winken, lächeln, lachen. Zeigen, was man könnte, das eine halbe Stunde lang, Nadine Krause, noch ohne schmerzenden Arm, ballerte zehn Minuten vergnügt vor sich hin. Der elfeneigene Großmut reicht für die Gegnerinnen: auch sie dürfen mitspielen, man baut Illusionen auf, die Oldenburgerinnen kapieren noch nicht, wie sie an der Nase herumgeführt werden. Renate Wolf soll ihren Damen eine Kabinenpauke gehalten haben; wer’s glaubt, hat Chancen, seliggesprochen zu werden. Sie wird eine kleine Entrüstungsschau geliefert haben, wenn überhaupt. Sie wusste doch, in welchen Zustand Michaela Seiffert auf der Bank hockte. Sie wusste, wenn sie sie losließe, bollert es in der Ulrich-Haberland-Halle, fallen die Würstchen vom Teller – und spielend würden die Elfen zehn Törchen machen, so als wäre das nichts. Jeder wusste, da brauche nur jemand an einem Ventil zu drehen, dann ginge es los, und fünf oder zehn Minuten Feuersturm gab es auch. Nach dem Fegefeuer im letzten Europokalspiel gegen den Ost-Achill mit seiner wunden Ferse droht die russische Hölle – oder alle in Leverkusen, gleich ein paar weniger verwöhnte Fußballfans von gegenüber mit, kommen in den Himmel.
Renate Wolf wollte an diesem Abend keine Peitsche schwingen, sie ließ die Elfen laufen und diktierte vergnügt den Journalisten in die Kladde, sie sei von dem einen oder anderen Vorgang nicht entzückt gewesen. Ihre Mädels hätten in der Abwehr gemurkst, ausgerechnet, wenn Oldenburg in Unterzahl war. Ha! Na sowas auch! Gerade die Demonstration der latenten Dominanz hat ihr gefallen; sie probierte Taktisches aus, was sie einüben ließ im Training. So durfte Nadine, nun schmerzenden Armes, immer einmal wieder Modeschau spielen, während Frau Torwart Richtung Bank verschwand, warf sich ein schwarzes Leibchen über und schnürte als Feldspielerin und potentielle Torwartfrau durch die Halle. Keine Spur von ernster Kritik, die Elfen sollten sich besinnen, sich erholen, sich an sich selbst ergötzen. Denn Selbstbewusstsein und psychische Stärke verhindern den Fall in die Hölle, das ist die Schraube, an der an diesem Abend gedreht wurde. Die Oldenburgerinnen bekamen es zu spüren, und Trainer Leszek Krowicki, ein herrliches Rumpelstilzchen am Spielfeldrand, wusste genau, was gespielt wurde. Die Elfen auf Vorbereitungsmission. Nicht verletzt werden. Denkt an die Meisterschaft, denkt an das Europa der Elfen! Canis lupus bellte die Oldenburger Torfrau an, als sie sich an Nadine verging. Denkt an die Meisterschaft, sonst gibt es was um die Ohren. Kein Foulspiel bitte, die Elfen wollen in den Himmel. Kaum fällt das fromme Wort „Foul“, denkt der gemeine Beobachter an Anne Müller, das ewig reine Unschuldslamm in Rot. Vor kurzem noch ist ihre Abwehrleistung gelobt worden. Ja, warum wohl? Tatsächlich ist die Leistung des Lammes erstaunlich: Feste, finale Umarmung der Gegnerinnen, gleichzeitig ein heiliger Blick, kein Schiedsrichter, ob Zwilling oder portugiesischer Single, pfiffe das ehrliche Tun der Müller-Elfe ab. Guckt er jedoch ein wenig intensiver, richten sich die Lippen gen Himmel, von dem wir schon sprachen, und pfeift ein schnelles Liedchen, das Lied vom harmlosen Bayer-Lämmchen. Intellektuell durchdachtes Foulspiel, das ist gekonnt, das ist die Abwehrdissertation schlechthin.
Zwischendurch prüft auch Anne Loerper ihre Felgen. Sie legt sich zu gern in die Kurven, während eine Krause oder Ahlgrimm sich aufrecht zum Siege ballern; versenkt die Anna nach einem Felgenlauf den Ball, spricht man neuerdings von „einem Loerperchen“, also dem erfolgreichen Schuss nach einem Kurvenlauf der Annaklasse. Auch an diesem Besinnungsabend, der mit einem 29:19 Sieg der Bayer-Damen endet. Nele robbt, Mama ist glücklich, Papa in jeder Beziehung stolz. Schöne Augenblicke vor dem Spiel, nach dem Spiel auch, dazwischen kegelten die Elfen die Oldenburger nach Hause. Adé, Ihr Lieben, tut uns leid. Ach, noch ein wichtiges Wort zum Schluss: Gute Besserung, Diane Roelofsen.
Autor: Rolf Dieter Zens