Original von sport1.de:
"Fremde Gestalten auf dem Hotelflur"
L'Alpe d'Huez - Am Montag trat Jan Ullrich mit einer Presse-Erklärung erstmals seit seiner Suspendierung (30. Juni) an die Öffentlichkeit. Doch die ließ viele Fragen offen. Den von seinem Rennstall T-Mobile verlangten Unschulds-Beweis blieb der 32-Jährige schuldig.
Experten und Radsport-Fans fragen sich jetzt aber weiter: Hat Ullrich Blutdoping betrieben? Warum will er nicht durch einen DNA-Test seine mögliche Unschuld beweisen? Was wusste er über die Machenschaften seines inzwischen gefeuerten Betreuers Rudy Pevenage?
Rolf Aldag, der sich schon bei der Skandal-Tour 1998 als Einzelkämpfer gegen das Fahrer-Kartell der Streikbefürworter stellte, kennt Jan Ullrich als ehemaligen Teamkollegen in den Jahren 1995 bis 2005. Er verhalf ihm zum Tour-Sieg 1997.
Der 37-Jährige kritisiert im Sport1.de-Interview das Verhalten seines Ex-Kapitäns in dem spanischen Blutdoping-Skandal. Aldag, derzeit als TV-Kommentator tätig, erklärt, warum auch beim Team Telekom während einer Tour mögliche Doping-Betrugsversuche durch Fahrer nicht erkannt und verhindert werden konnten.
Er erläutert, warum Fahrersprecher Jens Voigt (CSC) mit seinen couragierten Aussagen zum Doping-Skandal in der Radsport-Szene in die Schusslinie gerät und mit welchen misslichen Folgen er rechnen muss.
Sport1.de: Herr Aldag, Jens Voigt hat wegen seiner öffentlichen Stellungnahmen nach eigenen Aussagen schon "reichlich Ärger" bekommen. Kämpft er gegen das Kartell der Doping-Sünder, betrügerische Betreuer und Ärzte?
Rolf Aldag: Klar. Er ruft viel Widerspruch hervor. Jens muss da aber seinen Weg gehen und das wird er auch tun. Ich habe viele Sympathien für ihn.
Sport1: Muss er selbst mit Nachteilen im Fahrerfeld rechnen?
Aldag: Das kann sein. Er muss nicht viele Freunde haben, aber er muss sehen, dass er sich keine Feinde macht. Die könnten ihm im sportlichen Bereich das zurückzahlen, was er zuvor an Kritik öffentlich ausgedrückt hat.
Sport1: Der spanische Skandal-Arzt Fuentes hat betont, dass noch einige Fahrer, die bei der Tour dabei sind, zu seinen Patienten zählen. Sind diese Fahrer so cool, oder tun die nur so?
Aldag: Wenn sie Dreck am Stecken haben, müssen sie sich cool geben. Da können sie nicht täglich wie aufgescheuchte Hühner herumlaufen. Die würden sich dadurch schon outen. Floyd Landis bedauert allerdings, dass die Besten wie Ullrich und Basso nicht am Start seien. Nicht, weil er sie nicht bestraft haben möchte, sondern weil er gern die Besten schlagen würde.
Sport1: Zur öffentlichen Erklärung von Jan Ullrich: Was halten Sie davon?
Aldag: Nicht viel. Jan muss den DNA-Test machen. Dann könnte er im Unschuldsfalle sagen: Ätsch! Wie er sich jetzt verhält, ist nicht akzeptabel. Wenn in einem kleinen Ort ein Sexualverbrechen an einem Kind begangen worden ist und 400 Männer zum DNA-Test vorgeladen werden, macht sich derjenige schon stark verdächtig, der diesen Test verweigert.
Sport1: Jan Ullrich ist alt genug. Er muss doch mitbekommen haben, ob und wann man ihm Blut abnimmt und ihm zuführt.
Aldag: Das ist doch klar. Eine Doping-Tablette, die ihm in einem Müsli untergeschoben wird, die kann man schon übersehen. Doch die von den spanischen Behörden aufgezeigten Bluttransfusionen muss er mitbekommen haben. Schon die Blutabnahme zum Test des Hämatokrit-Wertes ist an sich Körperverletzung. Da besteht noch nicht einmal ein Verdacht, aber die Fahrer müssen die Abnahme über sich ergehen lassen. Wir haben das aber alles akzeptiert. Jetzt kann sich Jan nicht plötzlich auf die Hinterbeine stellen und die juristische Seite hervorkehren und sich darauf berufen. Außerdem muss laut WADA-Code der Beschuldigte bei einer eindeutigen Indizienkette im Gegensatz zum Strafrecht im Sport seine Unschuld beweisen.
Sport1: Sie haben als Teamkollege während der Tour und anderen Rundfahrten auch in den Unterkünften viel Kontakt mit Jan Ullrich gehabt. Ullrich soll nach den Ergebnissen anderer Ermittlungen schon in den Jahren vor 2006 gedopt haben. Haben Sie solche Aktivitäten nie mitbekommen?
Aldag: Jan hat sehr oft ein Einzelzimmer gehabt. Und wenn er ein Doppelzimmer mit einem Teamkollegen teilte, hatte er noch genügend Zeit. Da war er dann oft eine Stunde mit einem Betreuer auf dem Zimmer. Dann konnte sein Zimmerpartner nicht rein, weil die Tür abgeschlossen war. Und der Partner trat dann natürlich nicht die Tür ein, sondern verschwand. Man wunderte sich schon manchmal, wenn da fremde Gestalten auf den Fluren herumliefen.
Sport1: Hätte Ullrich sich denn allein das Blut zuführen können?
Aldag: Ach Quatsch! Das musste erst einmal gekühlt und gut vorbereitet sein. Da benötigt man eine fachmännische Hilfe. Übrigens: Wir hatten im Team mit den Ärzten der Uniklinik Freiburg hervorragende Fachkräfte, die für die normale Versorgung völlig ausgereicht hätten. Und die standen und stehen auch jetzt noch jedem Fahrer unentgeltlich zur Verfügung. Wieso muss man da noch weitere Ärzte im Ausland kontaktieren, die außerdem noch viel Geld kosten?
Sport1: Ullrichs Betreuer Rudy Pevenage ist vom T-Mobile Team als Drahtzieher in dem Skandal ausgemacht worden. Ist er auch in den 90er-Jahren Ihnen schon verdächtig gewesen, als er noch zweiter Mann hinter Teammanager Walter Godefroot war?
Aldag: Pevenage war immer sehr eng mit Jan verbunden und das wurde dann noch durch den Wechsel Ende 2002 zu Coast verstärkt. Pevenage hat sich noch mehr an Jan gebunden. Und als er jetzt im erwarteten Duell mit Ivan Basso im Kampf um den Tour-Sieg immer mehr unter Druck geriet, hat Pevenage möglicherweise die Nerven verloren. Wie sollte Jan denn mit den Spaniern in Kontakt treten? Er kann die Sprache nicht und benötigte doch jemanden, der das vermittelte.
Sport1: Haben Sie denn mitbekommen, dass im Team Telekom flächendeckend manipuliert wurde?
Aldag: Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Denn ein Teamarzt Dr. Lothar Heinrich, der sein normales Mediziner-Gehalt während einer Tour weiter bezieht, würde das nie tun. Er müsste ja damit rechnen, dass er rausfliegt und nur noch als Taxifahrer arbeitet. Der betreibt doch keinen beruflichen Selbstmord. Bei Ärzten, die allerdings richtig Kohle für Dopingmanipulationen von Fahrern erhalten, sind die Verlockungen sehr groß.
Das Gespräch führte Wolfgang Kleine