Original von ksta.de:
Die Nachkommen der Hooligans
Fachleute befürchten, dass die Gewalt einen Schatten auf die Fußballweltmeisterschaft werfen kann.
Es war Frank Pagelsdorf, Trainer von Hansa Rostock, der gestern vor die Presse getreten ist, um die jüngsten Ausschreitungen in den obersten deutschen Ligen zu verurteilen. Das Land, so der 47-Jährige, befinde sich „sportlich wie auch wirtschaftlich in einer Situation des Aufschwungs. Durch Fan-Krawalle wird diese Entwicklung mit Füßen getreten.“ Und er fügt an: „Die Hemmschwelle zur Gewalt ist in Deutschland gesunken.“
Die Gesellschaft entlässt eine neue Generation Kinder. Jene, von denen gesagt wird, sie seien ohne große Hoffnung und hätten wenig Perspektive. Kinder, die zu Jugendlichen heranwachsen und es für „cool“ halten, inmitten einer Horde bierseliger Fans zu stehen, die der gegnerischen Mannschaft den ausgestreckten Mittelfinger präsentiert und im Chor wüste Beleidigungen skandiert. „Die Fankurven sind natürlich ein Spiegelbild der Gesellschaft. Gerade deshalb darf man jetzt nicht den Fehler begehen und in Klischees verfallen“, sagt der Fan-Beauftragte des 1. FC Köln, Rainer Mendel. „Gewaltbereite Fans kommen aus allen sozialen Schichten.“
Solides Elternhaus
Der Fall des stockwerfenden Fans in Hamburg zeigt das. Der Täter ist 19 Jahre alt, kommt aus solidem Elternhaus, er hat gerade sein Abitur beendet und den Zivildienst begonnen. „Auch wenn es blöd klingt, aber er ist ein sympathischer Typ“, sagt Mendel. Sein Anwalt hat dem 1. FC Köln gestern ein Schreiben zukommen lassen. „Mein Mandant bereut die Tat zutiefst. Es war eine Spontanhandlung. Er gehört sicher nicht zu den Leuten, die ständig Ärger machen“, sagte Anwalt Thomas Herbert dieser Zeitung.
„Es kommt auch immer wieder vor, dass wir von unseren eigenen Anhängern angepöbelt, beschimpft oder bedroht werden“, sagt Marcus Flesch vom Vorstand des Kölner Fan-Projekts. Gerade bei den Auswärtsspielen, wenn mehrere hundert Fans in so genannten Entlastungszügen unterwegs sind, kann es zu spontanen Gewaltausbrüchen kommen. Zuletzt geschehen auf der Fahrt nach Frankfurt, wo einige Fans im Rausch zwei Waggons der Deutschen Bahn gründlich auseinander genommen haben. „Das ist für uns Fanbeauftragte sehr ärgerlich“, sagt Flesch, der bereits über einen Rücktritt nachdenkt.
Seit die Polizeipräsenz deutlich verstärkt wurde, sind die einst notorischen Hooligans aus den Stadien weitgehend verschwunden. Wie Flesch beobachtet hat, reisen sie nur noch zu sportlich unbedeutenden Spielen an. Sie verabreden sich dann nach altem Ehrenkodex aus den 80er Jahren - Ihr 50, wir 50, keine Waffen - mit den Rivalen des anderen Clubs und schlagen sich dann die Nasen blutig. Danach setzen sie sich zurück in den Bus und lecken sich auf der Fahrt nach Hause die Wunden.
Die nachwachsende Fan-Generation ist anders und bringt auch ganz andere, neue Probleme mit ins Stadion. Das Bier allein hat bei ihnen als Gesellschaftsdroge ausgedient, viel lieber greifen sie zu Substanzen, die aufpushen, das Bewusstsein stärken und die Toleranzschwelle nach unten kurbeln. „Es ist kein Geheimnis, dass immer mehr Jugendliche zu Speed und Kokain greifen“, sagt FC-Fanbeauftragter Mendel. „Das hat auch Auswirkungen auf unsere Fan-Szene. Aber es gibt hier kaum Möglichkeiten, das zu kontrollieren.“
Schlechter Scherz
Die Polizei allein kann das sicher nicht leisten. Zumal sie selbst des Öfteren Probleme hat, die Neutralität zu wahren. Nach dem Länderspiel zwischen der Türkei und der Schweiz etwa haben sich zwei Streifenbeamte in Düren den Scherz erlaubt, mit einer Fahne der Eidgenossen durch die Stadt zu patrouillieren. Vorgestern in Duisburg flaggten Polizisten in ihrem Mannschaftswagen ein Gladbach-Sitzkissen, als sie die Kölner Fans vom Bahnhof ins Stadion geleiten sollten.
Trotz aller Friedensappelle seitens der Vereine und der Politik könnte Gewalt nach Einschätzung von Marcus Flesch während der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr ein bestimmendes Thema werden. „Viele Hooligans meiden in dieser Saison die Arenen, um nicht Gefahr zu laufen, ein Stadionverbot zu bekommen. Sie haben sich zurückgezogen, um sich zu präparieren,“ glaubt er.
(KStA)