Original von ksta.de:
„Ich bin stolz auf unsere Kölner”
erstellt 24.08.05, 22:29h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Sie haben den Weltjugendtag als Wunder empfunden. Was wird bleiben?
KARDINAL JOACHIM MEISNER: Das wirklich Wesentliche dieses Weltjugendtages ist durch Reportagen oder Fernsehaufnahmen nicht zu erfassen. Das ist in den stillen Stunden der Anbetung, in den Katechesen und in den Beichtstühlen passiert, wo Hunderttausende gebeichtet haben. Dort haben einige junge Menschen zum ersten Mal ihre Berufung und vielleicht auch ihr Charisma gespürt. Ich bin überzeugt, dort wachsen einige junge Menschen vom Format einer Mutter Teresa, eines Charles de Foucauld und Karol Wojtyla heran. Mit diesem Bild meine ich Menschen, die unsere Welt positiv prägen werden. Das nenne ich Nachhaltigkeit. In Köln versammelte sich nicht die letzte Nachhut des Mittelalters, sondern die erste Vorhut einer Zukunft, von der die meisten Zeitgenossen noch gar keine Vorstellung haben.
Was hat Sie persönlich berührt?
MEISNER: Das, was der Papst für die Jugend und was die Jugend für ihn bedeutet. Der Papst steht unter dem Wort: Du aber stärke deine Brüder und Schwestern. Aber der Papst ist auch bloß ein Mensch. Wer stärkt ihn? Das waren die jungen Pilger. Mit ihrer Hilfe hat er sich auf diesem Weltjugendtag „frei geschwommen“, hat seinen Stil gefunden.
Dabei wirkte Benedikt XVI. immer noch sehr intellektuell. Auf der Vigil schien er eine direkte Ansprache an die Jugendlichen zu vermeiden.
MEISNER: Als die „Bande“ der jungen Pilger auf dem Roncalliplatz keine Ruhe geben wollte, habe ich gerufen: Ruhe jetzt! Das hat er dann später auch getan und mir dann zugeflüstert: Ich habe von dir schon etwas gelernt . . .
Er beginnt, sich in seine Rolle hineinzufinden . . .
MEISNER: Sein Vorgänger Johannes Paul II. hatte ein schauspielerisches Talent. Bitte missverstehen Sie das nicht: Er hat nicht geschauspielert. Er war immer er selbst, jedoch war er ein Mann großer Gesten und öffentlicher Wirkung. Bei Benedikt XVI. muss alles genau vorbereitet sein. Und doch hat er sich bei 40 Prozent seiner Reden nicht an den Text gehalten. Ich weiß das, weil ich ihm gelegentlich über die Schulter schauen durfte. Als wir auf dem Rhein fuhren, wurden immer einzelne Jugendliche zu ihm geschickt. Ich habe ihm gesagt: Du musst aber auch auf die Ufer schauen. Und auch auf die andere Seite. Und winken. Er darauf zu mir: Du bist ja schlimmer als der päpstliche Zeremoniar. Meine Antwort: Ich muss aufpassen, dass alle etwas vom Papst haben.
Manche hat erstaunt, dass die jugendliche Zustimmung nicht geringer als für seinen Vorgänger war.
MEISNER: Gerade die Italiener und Polen lieben ihn wegen seiner zurückhaltenden Art, die so viel Menschlichkeit ausstrahlt und manchmal geradezu hilflos wirkt. Ein junger böhmischer Priester sagte: Der Papst nimmt sich beim Sprechen so zurück, dass man den Eindruck habe, Jesus spreche aus ihm.
Anders als sein Vorgänger betont er nicht so sehr die Einhaltung moralischer Normen, zum Beispiel bei der Frage von Sexualität vor der Ehe.
MEISNER: Er wählt dafür eine andere Ansprache als Johannes Paul II. Benedikt XVI. sagt: Ich möchte euch Geschmack auf Gott schenken. Denn dieser Gott schmeckt immer nach mehr. Dann schmeckt einem nichts mehr, wo nicht Gott drin steckt. Moral ist doch nur die Kehrseite des Glaubens, ein Nebenprodukt. Wenn ich glaube, ist alles andere für mich zweitrangig. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht der Sexualität zu stellen habe. Sie ist ganz wertvoll, sie muss aber in die Gesamtpersönlichkeit integriert werden. Nur sollten wir uns hüten, das Verhalten der Jugendlichen in unsere Bewusstseinsmuster hineinzuzwängen.
Was meinen Sie damit?
MEISNER: Manche Erwachsene bedienen sich der Jugend auch, um ihren eigenen Lebensstil zu rechtfertigen. Da hat es viele junge Menschen getroffen, dass selbst ein Bischof gesagt hat, dass die Jugendlichen auf dem Petersplatz in Rom dem Papst zujubeln - die Jungs mit Kondomen, die Mädchen mit der Pille in der Tasche.
Von wem sprechen Sie?
MEISNER: Wie mir tief verletzte Jugendliche gesagt haben, hat sich Kardinal Lehmann in einem Interview so geäußert. Mit dieser Bemerkung hat er viele Jugendliche tief getroffen.
Die vielen Fahnen zeugen vom Stolz der Pilger auf ihre nationale Herkunft. Zugleich fühlten sie sich in ihrer Weltkirche als Einheit.
MEISNER: Es gibt neben der Internationale des Terrorismus auch eine Internationale des Guten. Das ist eine große Chance für den Frieden.
Papst Johannes Paul II. war ein überzeugter Pazifist.
MEISNER: Nach der traditionellen katholischen Lehre ist der Krieg nur die allerletzte Möglichkeit, eine Ultima Ratio. Die Frage steht, ob sie das unter den gegebenen Möglichkeiten der Vernichtung noch sein kann. Ich bin davon überzeugt, dass gerade dieser Papst, der die Theologie bis in ihre letzten Verästelungen kennt, genauso denkt wie Johannes Paul II.
Der Dom war der unangefochtene Mittelpunkt des Weltjugendtages.
MEISNER: In Köln darf man auf alles schimpfen, nur nicht auf den Dom. Bei meinem ersten Weihnachten in Köln habe ich auch eine Messe in einer kleinen Kapelle einer Justizvollzugsanstalt für Jugendliche gefeiert und dort gesagt: Eigentlich erinnert mich eure Kapelle mehr an Bethlehem als der Dom. Da rief einer: Du, mach unseren Dom nicht schlecht. Darum bin ich mir sicher, dass die Kölner nie ganz atheistisch werden können. Denn der Dom als Gotteshaus ist für sie der Identifikationspunkt schlechthin. Aber man muss ihn pfleglich behandeln. Solange ich hier bin - und das ist nun schon das 17. Jahr - stört mich die Domplatte. Das ist eine architektonische Sünde. Man hat dem Dom durch eine Tiefgarage die Füße weg gehauen. Jetzt kommt noch die Auseinandersetzung mit der Unesco dazu.
Sie meinen den Streit um die Hochhäuser in Deutz?
MEISNER: Immer, wenn ich vom Flughafen komme, ärgere ich mich: Erst sehe ich das Lufthansa-Hochhaus, und dann darf der Dom langsam hervorgucken. Da sollte man die Kirche im Dorf und den Dom in der Stadt lassen. Der Dom verliert nicht, wenn er von der Liste des Weltkulturerbes gestrichen wird, aber die Stadt. Ich appelliere eindringlich an den Oberbürgermeister, den Dom nicht hinter Hochhäusern zu verstecken. Zu alledem fehlt der Stadtverwaltung die Tuchfühlung zur Unesco. Ein Schlagabtausch führt doch nicht weiter. Wir stehen über unsere Dombaumeisterin und unseren Dompropst in einem festen Kontakt zur Unesco.
Ist Ihnen Köln näher gekommen?
MEISNER: Ja. Ich bin stolz auf unsere Kölner, woher sie auch kommen, wo sie auch wohnen und welcher Konfession sie angehören. Sie haben unserer Stadt Ehre gemacht. Der Präsident des Laienrates hat am Schluss gesagt: Felix Colonia, glückliches Köln, freue dich, was dir geschenkt wurde. Überall hörte ich von den Pilgern, wie großartig die Gastfreundschaft war. Die Kölner haben gezeigt, dass sie jung mit der Jugend sind. Das hat auch der Papst gesagt: In dieser Stadt der Weltoffenheit fließt ein Strom, der Völker verbindet.
Dabei war es für die Einheimischen manchmal auch anstrengend . . .
MEISNER: Das war für die Kölner auch eine große Belastung. Zeitweise lief im Verkehr nichts mehr, im Bahnhof nichts mehr. Und die Kölner haben nicht gesagt, das hätten sie nur dieser Bande von Katholiken zu verdanken. Manches war auch nicht gut organisiert. Viele Bischöfe haben gesagt: Ihr wart stärker in der Spiritualität als im Organisieren . . .
. . . also ganz undeutsch ...
MEISNER: . . . das haben sie auch gesagt. Natürlich hängt es auch damit zusammen, dass uns in der Millionenstadt Köln Avenuen von der Breite Berlins und Paris' fehlen.
Haben Sie schon über erste Planungen nachgedacht, die sich aus dem Weltjugendtag ergeben?
MEISNER: Ja. Ich möchte, dass wir jedes Jahr eine Woche lang eine große Dom-Wallfahrt durchführen. Möglichst im Herbst. Der Dom gibt geistig so viel her, und wir machen so wenig daraus. In drei Jahren ist der nächste Weltjugendtag. Wir können aber nicht so viel Zeit vergehen lassen. Wir dürfen uns nicht aus den Augen verlieren. Darum wünsche ich mir ein Treffen der europäischen Jugend, um uns auf Australien vorzubereiten. Im nächsten Jahr möchte ich das Anliegen von Papst Johannes Paul II. aufgreifen und möchte mit ganz vielen Jugendlichen auf die Straße gehen und Straßenmission betreiben, in Köln, Bonn und Düsseldorf. Wir müssen das Angesicht Christi auf die Straßen der Welt bringen.
(KStA)