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SCM erlebt Essens "Wunder" als Alptraum
Christoph Theuerkauf (l.) war der einzige Magdeburger neben Torhüter Johannes Bitter, der im Rückspiel gegen TuSEM Normalform erreichte. Der Kreisspieler erzielte sechs Treffer. Foto: H. Sieglitz
Oberhausen - Das blanke Entsetzen stand allen ins Gesicht geschrieben: Wie konnte das nur passieren? Der SC Magdeburg hatte im Final-Rückspiel des EHF-Cups den nach einem Acht-Tore-Vorsprung aus dem Hinspiel sicher geglaubten Titel noch aus der Hand gegeben. Mit einem 31:22-(16:11)-Erfolg in Oberhausen machte der TuSEM Essen das Unmögliche noch möglich und entriss den Magdeburger den "Pott" in der Schlusssekunde.
Essen reißt den Pokal mit 31:22-Erfolg in letzter Sekunde noch an sich
Auf der Anzeigetafel war zu lesen, was wie ein Alptraum auf die Magdeburger wirkte: 31:22 stand da gelb auf schwarz. Das "Wunder von Oberhausen" war perfekt und TuSEM Essen erstmals EHF-Cup-Sieger. Als wären ihm alle Sicherungen durchgeknallt, schrie Keeper Hannawald, ein Garant des Triumphes, immer wieder: "Wir haben ihn, wir haben ihn! Jetzt wird die Sau rausgelassen und gefeiert bis zum Umfallen." Matchwinner Torgowanow, der mit dem Schlusspfiff den Siegtreffer erzielte, vergoss Freudentränen: "Unglaublich, dass wir das noch geschafft haben." Und Trainer Schewzow sagte gerührt: "Ich bin sehr stolz auf diese Mannschaft, das ist für mich ein Traum."
Jubelnde Essener - nein, so hatte sich Sigfus Sigurdson seinen 30. Geburstag wohl kaum vorgestellt. Auch er weinte. Allerdings waren diese Tränen bitter. In sich zusammengesunken versuchte der Abwehr-Koloss zu realisieren, dass gerade ein großer Traum wie eine Seifenblase zerplatzt war. Acht-Tore-Vorsprung aus dem Hinspiel waren nicht genug - "Das kann einfach nicht wahr sein."
"Wenn wir das hier nicht gewinnen, dann haben wir den Pott auch nicht verdient", hatte SCM-Präsident Helmuth Penz vor dem Anpfiff noch gesagt. Nichts ahnend, dass seine Worte bittere Wahrheit werden sollten. Von Beginn an bestimmte nämlich der Gastgeber das Geschehen. Mit dem Mute der Verzweiflung wurde Druck von allen Seiten gemacht. Der Glaube, das Blatt noch wenden zu können, versetzte Berge. Selbst, dass Nationalspieler Oleg Velyky angeschlagen ins Spiel ging und Torgowanow sich bereits in der 3. Minute die Schulter auskugelte, dann später nur unter Schmerzen weiterspielen konnte, schien die Essener nicht von ihren Erfolgspfad abbringen zu können.
Dagegen wirkten die Magdeburger wie paralisiert - kein Spielfluss, keine Ideen, keine Durchschlagkraft, kein Biss. Vor allem der Rückraum bot eine schwache Vorstellung. Bielecki, im Hinspiel noch mit acht Toren erfolgreich, wurde per Manndeckung von Gudjon Sigurdsson nahezu ausgeschaltet. Die erfahrenen Spieler wie Kretzschmar, Kuleschow oder Abati, die jetzt gefragt waren, versagten durch die Reihe. So schmolz das dicke Tor-Polster zusehends. Beim 16:11 zur Halbzeit musste man schon bangen. In der 36. Minute witterte Essen beim erstmaligen "Ausgleich" Morgenluft (21:13). Und beim 24:15 (42.) war das Drama (fast) perfekt. Doch der SCM fing sich noch einmal. Fünf Minuten vor Schluss winkte beim 27:21 doch noch ein Happyend.
Doch denkste: Sowohl Abati als auch Vugrinec schließen in der hektischen Schlussphase jeweils zu früh ab. Besser machen es die Essener Velyky und Sigurdsson - 30:22. Nun hat der SCM in Unterzahl noch 14 Sekunden bis zum rettenden Ufer Siebenmeterschießen. Doch Kretzschmar machte das Unfassbare: Wirft, trifft aber nicht. Der Ball geht von Hannawald über Veleky per Bodenpass zu Torgowanow. Das Ende ist bekannt.
Mit hängenden Köpfen und wortlos bahnten sich die Magdeburger wenig später den Weg durch die jubelnden Massen: Höchststrafe! Der Stachel der Enttäuschung saß bei einigen sogar so tief, dass sie sich nicht bei den 2000 mitgereisten Fans für die Unterstützung bedankten und beim "Pflichtakt" Siegerehrung durch Abwesenheit glänzten. Während die meisten schwiegen, versuchte Abati zu erklären, was nicht zu erklären war. "Der Acht-Tore-Vorsprung war kein Geschenk für uns. Wir haben viel zu viele Fehler gemacht. Auch ich als erfahrener Spieler habe versagt." Auch Bitter zeigte in der Niederlage Größe: "Das hätte nicht passieren dürfen, wir haben uns einfach den Schneid abkaufen lassen."
Auch Trainer Alfred Gislason suchte nach Worten: "Natürlich bin ich enttäuscht. Das ist ein schwerer Schlag für uns. Und ich mache mir ernsthaft Sorgen um die Bundesliga. Aber jetzt ist Charakter gefragt. Egal was war, wir müssen den dritten Platz verteidigen."
Essen: Hannawald, Kelentric - Velyky (6/4), Schmetz (8/5), Sigurdsson (5), Rose, Szilagy (4), Haaß (3), Casanova (2), Torgowanow (1), Klesniks (1), Roggisch (1), Stary, Reiners.
Magdeburg: Bitter, Friedrich - Bielecki (3), Abati (1/1), Kretzschmar (3), Kuleschow (2), Schöne, Theuerkauf (6/3), Sigurdsson (1), Sprenger (3), Vugrinec (3), Stiebler, Grafenhorst, Atlason.
Schiedsrichter: Boye/Jensen (Dänemerk). Siebenmeter: Essen 8/7. SCM 6/4, Zeitstrafen: Essen 8. SCM 3, Zuschauer: 7000.
Von Janette Beck