Original von sport1.de:
Die Lektion der Bademeister
Lissabon/München - Am 30. Mai 1993 war es, da trafen Milan und Brescia aufeinander. Den einen genügte ein Zähler zum Titel, den anderen half ein Remis zum wahrscheinlichen Klassenerhalt.
Da einer der größten Buchmacher in England, William Hill, Italien wohl nicht sehr gut kannte, zahlte man eine Quote von 4,60 auf ein Unentschieden. Milan und Brescia trennten sich 1:1, William Hill verlor an jenem Tag rund 750.000 Euro.
"Wir brauchen 50 Kameras"
Seitdem sind eine Menge Partien der Serie A "no betting"-Spiele; auf sie kann also erst gar nicht gesetzt werden. Langsam haben die Briten den italienischen Geist eben kennen gelernt.
Vor den letzten Partien der Gruppe C verwundert es da kaum, dass die Azzurri aufkommendes Unheil vermuten. Denn ein 2:2 zwischen Dänemark und Schweden würde die Italiener nach Hause schicken, egal wie sie gegen Bulgarien auch spielen mögen.
"Wir brauchen da 50 Kameras, damit wir genau kontrollieren können, wie sich die Schweden und Dänen benehmen", forderte Gennaro Gattuso, der genau wie Fabio Cannavaro nach zwei Gelben Karten gesperrt ist. Das italienische TV spurte und hat nun zwei eigene Kameras im Stadion. Eigentlich hatte man bei der Uefa sieben beantragt.
Die Lehre der Bademeister der 70er
Das Land, in dem "essere furbo" (auf getürkte Art listig sein) eher als Kompliment gilt, und das seit Jahrzehnten Epizentrum aller Konspirationstheorien ist, befürchtet immer stärker ein 2:2 im Duell der Skandinavier.
"Wir müssen ihnen vertrauen", flüchtet sich die "Gazzetta dello Sport" in Fatalismus und hofft auf abstruse Vertrauensbeweise aus fernen Tagen:
"Die Schwedinnen und Däninnen waren immer sehr korrekt, wie jeder Bademeister der 70er Jahre bezeugen kann. Als diese wunderbaren Mädchen, die mit dem Ruf der sexuellen Revolution an unsere Strände kamen, sie waren nicht arrogant, wie sie es hätten sein können, sondern sehr kollaborativ. In kurzer Zeit machten sie einem klar, ob es am Abend noch eine Verlängerung gab. Man musste ihnen nicht lange den Hof machen, um am Ende der Ferien immer noch beim 0:0 zu stehen. Ein Exempel der Sportlichkeit. An diesen Geist appelliert nun Italien."
Niedrigste Wett-Quote der Geschichte
Natürlich. Wer selbst gerne betrügt, ist der Erste, der Verdacht hegt. Hoch leben die "bagnini" (Bademeister)!
Die Wettbüros trauen dem Spirit der 70er nicht. Denn noch nie in der Geschichte der legalisierten Sportwette hatte der Tipp auf ein exaktes Endergebnis (2:2) in Italien und England eine geringere Quote.
"Natürlich haben ich Angst, schon am Mittwoch wieder nach Hause zu fliegen", verrät Alessandro Nesta. Und aus Furcht und Frustration ob der eigenen Defizite kommt es den Azzurri eigentlich gelegen, die Verantwortung an die beiden skandinavischen Teams abzutreten.
"Skandinavierinnen der 70er stolz auf ihre Söhne"
Doch damit ist Dänemarks Morten Olsen keineswegs einverstanden: "Nur die Italiener sprechen über diese Verdächtigungen. Basta! Wir sind ehrlich."
So wären wir dann doch wieder bei den 70ern, den Bademeistern und der "Gazzetta".
"Und wenn die Dänen und Schweden schon von unserer getürkten Durchtriebenheit korrumpiert sind? Hoffentlich haben sie nicht schon von uns gelernt, hoffentlich können wir von ihnen lernen. Und Ingrid, Ulla, Ursula und Ellen wären stolz auf ihre Söhne und auf ihre ehemaligen Bademeister." Ahoi!
Oliver Birkner
Die voraussichtlichen Aufstellungen:
Italien: 1 Buffon - 2 Panucci, 13 Nesta, 23 Materazzi, 19 Zambrotta - 14 Fiore, 21 Pirlo, 20 Perrotta - 18 Cassano, 9 Vieri (11 Corradi), 7 Del Piero
Bulgarien: 1 Zdravkov - 13 Peev, 18 Pazin, 5 Zagorcic, 22 Stoyanov - 15 Hristov, 7 Borimirov, 11 Lazarov, 17 Martin Petrov - 21 Jankovic, 9 Berbatov
Schiedsrichter: Valentin Ivanov (Russland)