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Meisterschaften aus der Retorte
In bester Laune feierten die spanischen Fans in der Universitätshalle ihre Lieblinge. Und wieder einmal haben sie das Europacup-Finale erreicht. Im Vorjahr verloren die Spanier das Endspiel in der Champions League gegen Montpellier, 2002 aber hockten sie jedoch auf dem Thron, waren die beste Mannschaft des Kontinents, wahrscheinlich rund um den Globus.
Da kann der Tusem nicht mithalten. Ähnliche Triumphe liegen auf der Margarethenhöhe schon lange zurück, in den 80ern. City-Cup-Sieg 1994, na ja, immerhin ein Titel, wenn auch nicht gar so wertvoll wie der Titelgewinn bei den Landesmeistern. Doch bis zum letzten Jahr herrschte sogar international Flaute in Essen. Eine Mannschaft zu formen, braucht halt Zeit. Und ein Umbruch ist immer auch mit einem Risiko behaftet und geht beileibe selten wirklich reibungslos über die Bühne.
Außer man hat das nötige Kleingeld wie Portland San Antonio. Dieser erfolgreichen Mannschaft mit all ihren renommierten Routiniers steht nun ebenfalls der Umbruch bevor. Die Alten, wie Richardson, Jovanovic, Gerralda, Kisselev oder Iakimovitch werden wohl in absehbarer Zeit abdanken. Sie haben ihre Pflicht mehr als erfüllt.
Wen es schon jetzt treffen wird, weiß niemand. "Der Verein lässt vor Mai nichts heraus", sagt Sven Lakenmacher, der nunmehr seit acht Monaten im beschaulichen Pamplona spielt. Davon kann der Tusem nur träumen. Der Bundesligist muss sich schon sputen, wenn er noch auf dem Spielermarkt ordentliche Ware für relativ kleines Geld haben möchte.
Natürlich, räumt Lakenmacher ein, verunsichere eine solche defensive Politik ebenso wie die Meldungen, dass Stars wie Balic (Kroatien) und Lozano (Kiel) bereits als Neuzugänge gehandelt werden. Aber auch das ist noch keineswegs offiziell bestätigt. "Der Klub erhofft sich damit, dass wir uns bis zum Saisonende richtig reinknien."
Spanien sei ein attraktives Handball-Land. Die mediterane Lebensart zu spüren, gutes Geld zu verdienen, die Sprache zu lernen, wozu Portland eigens zwei Pädgogen engagiert hat. In der Physiotherapie und in der medizinischen Betreuung ist der Klub im Gegensatz zum Tusem weniger anspruchsvoll.Portland hat ganz sicher kein Finanzproblem wie der Gegner aus dem Ruhrgebiet, was die Offiziellen auch zur Schau tragen. Man ist wer, und zum Spiel wird feiner Zwirn mit Schlips getragen. Sicherlich ist Fußball wie in Essen die Nummer eins, zumals die spanischen Fußballer in ihrem Stadion gleich nebenan in den Uefa-Cup streben.
Aber die Handarbeiter brauchen sich um treue Fans nicht zu sorgen:. 3500 besuchen den Tabellenvierten, wenn es gegen die sechs anderen Größen der Liga geht, etwa 2000 erscheinen zum Liga-Alltag. Sie tauchen ganz plötzlich auf, etwa zwanzig Minuten vor Anpfiff und sind noch schneller verschwunden. Die Uni-Halle ist modern und komfortabel, eine Gastronomie bietet sie indes nicht. 60 Minuten lang machen sie Feuer unterm Dach, und lassen es sich stolze 20 Euro kosten. Auch da sind die Essener moderater.
Teenager verkauften gegen den Tusem Fanartikel an einem improvisierten Stand, was beinahe amateurhaft wirkte. Aber gewachsene Strukturen sind bei diesem Retortenteam kaum zu entdecken, man hat bei diesem Häuflein von exzellenten Legionären kaum das Gefühl, das sich hier ein Verein präsentiert.
"Mit mir wäre so etwas nicht zu machen", betont Tusem-Boss Klaus Schorn, obwohl auch in Essen neun Nationalitäten ins Trikot schlüpfen. Er verlangt Charakter von seinen Handballern, Identifikation mit dem Verein, "und wenn diese missbraucht wird, müssen wir reagieren."
ZitatOriginal von nrz.de
Saisonziele verfehlt
Quo vadis Tusem? Wie und ob überhaupt geht es weiter? Diese Fragen drängen sich auf nach dem desaströsen Auftritt des Essener Handball-Bundesligisten im Europapokal-Halbfinale. Im nationalen Pokalwettbewerb vorzeitig ausgeschieden, in der Meisterschaft nur Mittelmaß, auf europäischer Ebene von cleveren Ü 30-Handballern vorgeführt - der Tusem hat bisher alle seine angestrebten Saisonziele verfehlt.Und möglicherweise noch viel mehr verspielt. Denn das Weiterkommen im Pokalsiegerwettbewerb war auch eine wirtschaftliche Überlebensfrage. Dem finanziell schwer angeschlagenen Traditionsverein gehen bei der Suche nach Sponsoren die Argumente aus. "Chefverkäufer" Klaus Schorn muss um sein Lebenswerk mehr denn je fürchten.Viel zu bieten hat der in der 80er Jahren so erfolgreiche Traditionsverein derzeit nicht mehr. Als Minimalziel kann jetzt nur noch die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb über einen Platz im oberen Tabellendrittel der Meisterschaft realisiert werden. Und auch da wird es immer enger für die Revier-Handballer.Es ist nicht mehr zu übersehen - der Tusem kann nicht mithalten mit den Top-Vereinen der Bundesliga und schon gar nicht mit denen auf internationaler Ebene. Die Spitzenklubs in Deutschland verstärkten sich allesamt nochmals mit erstklassigen Könnern. Der Abstand zur Spitze dürfte eher noch größer werden. Aber Mittelmaß ist nicht gefragt.
Das weiß Tusem-Boss Klaus Schorn, dem aber aus finanziellen Gründen die Hände gebunden sind, um auf dem Transfermarkt Top-Spieler zu verpflichten. Aber nur die locken die Zuschauer auf Dauer in die Halle. Auch in dieser Hinsicht hinkt der Tusem hinterher. Bisher bekam kein Verein nach Rückschlägen in der Meisterschaft oder in Pokalwettbewerben die Quittung an der Tageskasse brutaler präsentiert.Beim Tusem ist nun Frühjahrs-Putz angesagt. Es müssen schnellstmöglich personelle Entscheidungen gefällt und Perspektiven aufgezeigt werden. Der Überlebenskampf hat gerade erst richtig begonnen.
Schon interessant, wie unterschiedlich doch die beiden Zeitungen, die aus einer Verlagsgruppe kommen, berichten.