Aus der FTD vom 20.9.2004 http://www.ftd.de/npd
NPD enttäuscht vom Wahlerfolg
Von Lorenz Wagner, Dresden
Die rechtsextreme Partei zieht ins sächsische Parlament ein. Die Spitzenleute hatten jedoch gehofft, auch noch die SPD zu überflügeln.
Zuerst freuen sie sich nicht einmal richtig. Im NH-Hotel haben sie sich versteckt, in der Neustadt Dresdens. Sitzen zusammen im Saal Dölzschen, der Bundesvorsitzende Udo Voigt, der Spitzenkandidat Holger Apfel, und ein halbes Dutzend Kameraden. Die Tür ist zu, die Vorhänge auch, vermeintlich kein Journalist weit und breit. Ein Ort, um Gefühle zu zeigen.
Um 18 Uhr kommt die erste Hochrechnung. 8,9 Prozent. Erstmals seit 1968 schafft es die NPD in den Landtag! Ein "Hoi", ein Klopfen auf den Tisch. Dann entkorken sie zwei Flaschen Rotkäppchen-Sekt.
Sie haben insgeheim mehr erhofft
11 Prozent hatten ihnen die Umfragen am Freitag versprochen. "Wir wollen die dritte große Partei werden", hatte Apfel am Morgen noch getönt. Jetzt ist er Vierter. Mit rotem Kopf rennt er aus dem Saal, wieselt vor der Tür hin und her, den Blick gesenkt, die Hände tief in die Taschen gegraben. Erfolg ja. Aber Triumph? Voigt kommt hinzu, muntert ihn auf: "Wir müssen gucken, wie wir uns darstellen." Ein Klaps, ein Späßchen, und Apfel lacht wieder. Und je länger der Abend dauert, desto höher klettern die Prozente, desto lauter wird das Lachen.
Sie haben Deutschland erschüttert, sind angekommen, wo sie immer hin wollten: im Parlament. Also hebt Apfel Arme und Daumen, als er um 18.30 Uhr vor dem Landtag von Dresden vorfährt. "Ein grandioser Sieg für das deutsche Volk", ruft er und tourt durch die Fernsehstudios, geleitet durch seine Bodyguards: Linksschwenk befehlen die, Rechtsschwenk. "Wir haben Zeichen gesetzt", sagt Apfel. "Nationale Politik steht wieder auf der Agenda. Das ist ein Signal für die Bundestagswahl 2006."
Den Bürger will man fangen, den braven Mann
Er erntet Schweigen, Kopfschütteln, böse Fragen. Gegen 19.30 Uhr kommt Lärm auf. "Nazis raus!", rufen PDS-Leute. Pfiffe gellen. Holger Apfel lächelt sie weg, eine Stunde später liegt er bei knapp 11 Prozent, weit vor der SPD. Ein respektabler Bürger möchte man sagen, wenn man ihn sieht: hellbrauner Anzug, orangenes Hemd, Weste.
Das ist die neue NPD. Schick. Den Bürger will man fangen, den braven Mann, der früher CDU gewählt hat, oder SPD, und nun enttäuscht ist, wütend, angeekelt. Und weil solche Wähler schreckhaft sind, verkneift es sich Apfel, wie früher den Friedensnobelpreis für Rudolf Hess zu fordern.
Das Kreuz ist schnell gemacht
Die Botschaften sind andere. Apfel braucht nur aus dem Fenster seines Audi zu schauen. Da hängen seine Plakate: "Quittung für Hartz IV!" - "Wahltag ist Zahltag!" Was er denn besser machen will als die Etablierten? Apfel schweigt. Im Wahlprogramm steht dazu folgendes: "Arbeitsplätze für Deutsche!" - "Einführung von Schutzzöllen!" - "DM statt Euro!" - "Gesetz zur Ausländerrückführung!" - "Für sprachlich zurückgebliebene Ausländerkinder sind eigene Klassen zu bilden."
Um 10.15 Uhr tritt Apfel ins Kameragewitter. Wahlraum 51.400, Grundschule Wägener Straße. Er geht mit weiten Schritten, die Arme breit, der Kopf gereckt. "Holger Apfelmus" steht auf einem Stromkasten. Daneben hängt ein Schild "für Demokratie und Toleranz". Doch Protestler sind keine gekommen.
Das Kreuz ist schnell gemacht. Die NPD liegt in der Mitte, an fünfter Stelle zwischen Grünen und FDP. Bei der nächsten Wahl wird sie weiter oben stehen. "Ich denke, dass die Bürger den Etablierten die verdiente Ohrfeige erteilen", sagt Apfel. Schweiß perlt über der Oberlippe. Dann muss er weiter. Getreue mobilisieren. Das jedenfalls hat er den Fans geraten. "Am 19. September muss jeder heimatbewusste Sachse seine Wahlstimme abgeben und jeden Patrioten seines Umfeldes mobilisieren."
Ärger über "Abzockervorwürfe" des Kanzlers
In den Lokalen zu erkennen sind sie nicht, die Braunen. Glatzen? Bierbäuche? Nein, ältere Damen und Herren treten ein, Ehepaare mit Kinderwagen. Einige schimpfen über die "Abzockervorwürfe" des Kanzlers. "Kein Wunder, dass einige rechts wählen", sagt ein Busfahrer. "Wir müssen sparen. Bei den Asylanten."
Nur ein Klischee-Neonazi lässt sich blicken: jung, in New-Balance-Schuhen und Asgard-Mütze. "Ich sage nichts." Kurz vor 18 Uhr will er wiederkommen. Auf der NPD-Homepage steht: "Bei dem Urnengang ist davon auszugehen, dass antideutsch gesinnte Stimmenauszähler in den Wahllokalen Manipulationsversuche unternehmen werden." Patrioten sollten "als wachsame Beobachter der Stimmenauszählung beiwohnen." Am Abend will der NPDler dann feiern gehen. "Irgendwo in einem Lokal."
Und Kamerad Apfel? "Wir gehen das Ergebnis analysieren", sagt er. Dabei müsste ihm eines auffallen: Nun sitzt er in der Opposition, die seine Partei abschaffen will. "Es darf nicht sein, dass die mit der Führungsverantwortung beauftragte Elite von den nicht mit der Führung Beauftragten systembedingt behindert wird", zitiert der Verfassungsschutz ein Thesenpapier der NPD.