Hamburger Abendblatt vom 04.01.2004
HSV wagt den Befreiungsschlag
Handball: Insolvenzantrag gegen wirtschaftlichen Träger Omni Sport - Vertrag soll gekündigt werden.
Von Rainer Grünberg, Achim Leoni
Hamburg - Die Zukunft des HSV Hamburg liegt auf ein paar DIN-A4-Seiten, beidseitig handbeschrieben. Während des Skiurlaubs in Ischgl hat Andreas Rudolph, der neue Präsident der Bundesliga-Handballer, seine Vorstellungen über die Vereinsstruktur zu Papier gebracht. Auf einer Seite hat er eine Raute skizziert und die Ecken beschriftet: Fans, Mitglieder, Sponsoren, Werbepartner. Zwischen diesem Viergestirn soll der Verein einmal einen warmen Platz finden.
Die Gegenwart des HSV Hamburg liegt auf ein paar DIN-A4-Seiten, einseitig maschinenbeschrieben. Sie wurden von den Anwälten des Klubs angefertigt. In dem Schreiben vom 23. Dezember wird die Omni Sport GmbH & Co. KG, der hochverschuldete wirtschaftliche Träger des HSV, aufgefordert, bis 14. Januar seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen und eine testierte Bilanz des Geschäftsjahrs 2003/04 vorzulegen. Sollte dies nicht geschehen, wovon die Juristen ausgehen, würde der bis 2007 laufende Vertrag nach einer zweiten Mahnung außerordentlich zum Saisonende gekündigt.
"Unser Ziel ist es, die finanzielle Situation in den Griff zu bekommen und die Lizenz zu behalten", sagte Rudolph vor seinem Rückflug in den Urlaub. Seit November hatte Omni Sport weder Gehälter noch Hallenmiete bezahlt. Nun hofft der HSV durch die Trennung von seiner Spielbetriebsgesellschaft und ihrem seit 3. Dezember wegen Betrugsverdachts inhaftierten Geschäftsführer Winfried M. Klimek auf Unterstützung von seiten der Stadt und der Sponsoren.
Der Anlauf zur Rettung des Projekts kommt einem Befreiungsschlag gleich. Eine "dritte Seite" habe gestern den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gegen die Omni Sport gestellt, sagte Rudolph. Es wird vermutet, daß der Hamburger Sportverein, in den die Handballer mittelfristig integriert werden sollen (Gespräche am 16. Januar) und dem die Omni Sport 220 000 Euro Lizenzgebühren für die Nutzung des Vereinsemblems schuldet, die Initiative ergriffen hat. Der Schritt birgt große Risiken: Gemäß den Statuten der Handball-Bundesliga (HBL) stünde der HSV als Absteiger fest, sollte das Verfahren in dieser Saison eröffnet werden. "Wir rechnen nicht, daß dies vor dem 30. Juni erfolgt", so Claus Runge.
Der Anwalt ist auch Verfasser des Einspruchs, den der HSV am 30. Dezember beim Schiedsgericht gegen den Abzug von acht Punkten eingelegt hat. Die HBL hatte damit Verstöße gegen die Lizenzbestimmungen geahndet. "Wir machen formale Fehler geltend und hoffen auf einen Kompromiß", sagt Runge. HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann räumt dem Vorstoß kaum Chancen ein: "Der HSV kann allenfalls eine Rückweisung des Verfahrens an die erste Instanz, aber keine Rücknahme der Strafe erwirken." Zudem droht eine weitere Sanktion, falls am 15. Januar kein testierter Liquiditätsnachweis der Omni Sport für das vierte Quartal 2004 eingereicht wird. Mit diesem Dokument ist nach Einschätzung des HSV nicht fristgemäß zu rechnen.
Mindestens 2,7 Millionen Euro braucht der Verein, um alle Kosten und Forderungen bis Saisonende zu decken. Die Sponsoringeinnahmen, 2,1 Millionen Euro, sind in der Omni Sport versickert, auch auf die Ticketkassen hat der HSV derzeit keinen Zugriff. Die Dezembergehälter streckte Rudolph vor, ab Februar soll der Zahlungsverkehr über den e. V. abgewickelt werden. Dies kommt zwar einem Wechsel des wirtschaftlichen Trägers gleich, den die Liga nicht erlaubt. "Wir prüfen aber nicht, von wem die Spieler Gehalt beziehen", so Bohmann.
In die nächste Saison wollen die Handballer mit einer neuen Spielbetriebsgesellschaft gehen, deren Hauptgesellschafter der Klub bleibt. Bis Mitte nächster Woche will Rudolph ("Wir wollen noch vor 2010 die Champions League gewinnen") einen Plan erarbeiten. Darin sind verstärkte Mitgliederwerbung und die Gründung einer Plattform für mittelständische Unternehmen vorgesehen ("Club 50"). Für kurzfristige finanzielle Hilfe soll es viele Zusagen geben. Rudolph: "Wir haben eine sehr positive Resonanz auf unsere Pläne erhalten." Für den Großteil der Kosten wird der Unternehmer (HTMa Home Therapie Management) wohl aus eigener Tasche aufkommen müssen.