"Dreistigkeit, Egoismus und Unwissenheit"
OVZ-Interview mit Bundestrainer Heiner Brand über die WM und den deutschen Handball
Vom 19. Januar bis 4. Februar steigt die Handball-WM in Deutschland. Über die Aussichten der deutschen Mannschaft und über den deutschen Handball generell sprach Dieter Lange mit Bundestrainer Heiner Brand.
Frage: Herr Brand, am 3. Januar beginnt die heiße Phase der WM-Vorbereitung. Wie verbringen Sie persönlich die letzten Tage davor?
Brand: Wo das verrate ich nicht. Ich brauche aber nach den überaus hektischen letzten Monaten einfach ein paar Tage Ruhe. Fast drei Monate bin ich von einem PR-oder Pressetermin zum anderen gehechelt, da war mein Terminkalender von morgens bis abends mit Handball gefüllt. Jetzt brauche ich nicht nur etwas Ruhe, sondern ich muss mich auch mental und körperlich auf die WM vorbereiten. Ich werde aber nicht in Gummersbach sein, und telefonisch auch nicht erreichbar sein - auch das Handy bleibt aus.
Frage: Wo schlagen Sie das WM-Trainingslager auf?
Brand: Ich hatte mir eigentlich ein Domizil in Österreich oder der Schweiz vorgestellt, um etwas mehr Ruhe zu haben. Aber dort haben wir nichts passendes gefunden. Jetzt werden wir uns in Herrsching am Ammersee vorbereiten. Dort haben wir ideale Bedingungen gefunden: ein kleines Hotel, eine Sporthalle in unmittelbarer Nähe und auch Gelegenheit zum Laufen.
Frage: Und der weitere Zeitplan?
Brand: Am 13. Januar steht in München noch ein Länderspiel an. Dann können die Spieler noch einmal für eineinhalb Tage nach Hause, bevor wir am 18. Januar nach Berlin fahren.
Frage: Haben Sie den Film "Deutschland ein Sommermärchen" gesehen? Und könnten Sie sich vorstellen, dass ein Filmteam Ihre Mannschaft wochenlang auf Schritt und Tritt mit der Kamera verfolgt?
Brand: Von dem Film habe ich bisher nur Ausschnitte gesehen, aber natürlich viel gehört. Grundsätzlich wäre es eine gute Sache für den Handball, wenn ein solcher Film auch von unserem Sport gedreht würde. Ich hätte auch nichts dagegen. Schließlich hat es auch bei uns schon ein Filmteam gegeben, das bei zwei Länderspielen gegen Spanien hinter die Kulissen der Nationalmannschaft geschaut hat. Aber ein Film wie "Deutschland ein Sommermärchen" ist sicherlich bei uns nicht machbar, weil der Handball nun mal nicht so zu vermarkten ist wie Fußball.
Frage: Die Fußball-WM war in der Tat ein Sommermärchen, hat für eine kaum für möglich gehaltene Euphorie und positive Stimmung in ganz Deutschland gesorgt. Was erwarten Sie von der Handball-WM im eigenen Land?
Brand: Um es klar zu sagen: Diese WM wird alles bisher Dagewesene im Handball in den Schatten stellen, eine solche WM hat es noch nicht gegeben und ist auch mit der von 1982 in Deutschland nicht vergleichbar. Dafür sprechen allein die großen Arenen: 1982 gab es mit der Dortmunder Westfalenhalle nur eine Großarena, heute ist die Wetzlarer Halle mit einer Zuschauerkapazität von 5000 die kleinste WM-Halle. Wir haben jetzt schon über 260 000 Eintrittskarten verkauft, darunter sind viele für Mehrfachspiele. Man kann also schon jetzt sagen, dass rund 700 000 Zuschauer garantiert sind. Auf jeden Fall sind das für den Handball unvorstellbare Zahlen.
Frage: Und mit welchen sportlichen Erwartungen gehen Sie in die Heim-WM?
Brand: Natürlich liegt auf meiner Mannschaft ein hoher Erwartungsdruck, das ist bei einer WM im eigenen Land ganz natürlich. Meine Aufgabe in der Vorbereitung wird es sein, die Mannschaft vom Kopf darauf einzustellen. Der Heimvorteil durch die Zuschauer ist sicherlich da, aber wir müssen auch lernen, die Euphorie von außen in bestimmten Situationen auf dem Spielfeld in unseren Vorteil umzumünzen.
Frage: Und Ihre sportlichen Ziele?
Brand: Als Trainer will man natürlich jedes Spiel gewinnen. Aber auch die Mannschaft setzt sich selbst hohe Ziele. Wir wollen natürlich die Vorrunde gut, nach Möglichkeit ohne Minuspunkt, überstehen. Meine Mannschaft hat sicherlich das Zeug, jedes Team zu schlagen, aber ab dem Viertelfinale ist im K.o.-System alles möglich. Meine Aufgabe wird sein, von Spiel zu Spiel denken - und die Mannschaft entsprechend darauf einzustellen.
Frage: Ab welchem Platz ist die WM für Sie sportlich ein Erfolg?
Brand: Um es vorweg zu sagen: Wir sind nicht die großen Favoriten, dazu zähle ich vielmehr Spanien, Kroatien, Frankreich und Dänemark. Sollten wir das Halbfinale erreichen, wäre das ein riesiger Erfolg für meine Mannschaft und den deutschen Handball.
Frage: Personell hat Sie ja in den letzten Wochen und Monaten eine Hiobsbotschaft nach der anderen erreicht. Wie sieht denn derzeit Ihr Lazarett aus?
Brand: Zunächst muss ich erst noch die letzten Bundesligaspiele in diesem Jahr abwarten. Da kann noch viel passieren, wie man im Fall von Pascal Hens im Spiel in der Kölnarena gesehen hat. Aber schon jetzt kann ich sagen, dass mit Abwehrchef Frank von Behren und dem Magdeburger Rechtsaußen Christian Sprenger zwei Stammspieler definitiv ausfallen.
Frage: Aber die Liste der angeschlagenen Spieler ist noch viel länger, oder?
Brand: Das ist richtig. Neben Pascal Hens bange ich um Florian Kehrmann und Michael Kraus, die im Augenblick noch nicht trainieren können, und - wenn überhaupt - erst kurz vor der WM zur Mannschaft stoßen. Hinzu kommen Holger Glandorf, der nur mit einer Gesichtsmaske spielen kann, Christian Zeitz, der immer noch an seiner Hüftverletzung laboriert und Thorsten Jansen, der nach langer Verletzungspause auch noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte ist.
Frage: Unter diesen Voraussetzungen ist erstaunlicherweise von Ihnen noch kein Wehklagen zu hören.
Brand: Natürlich sieht eine optimale Vorbereitung anders aus. Schließlich habe ich noch nie mit meiner Wunschformation spielen können. Aber die Fans interessiert das weniger, sie haben an die WM im eigenen Land hohe Erwartungen.
Frage: Welche Bedeutung hat die WM für den Handball in Deutschland?
Brand: Ein sehr großen. Ich bin überzeugt, dass nicht nur die Bundesliga davon profitieren wird, auch der Handball als Breitensport. Wenn die deutsche Mannschaft sportlich einigermaßen abschneidet, dann wird dies an der Basis einen großen Schub geben.
Frage: Stichwort Bundesliga: Wird die WM vielleicht auch dazu führen, dass die Bundesliga deutschen Spielern mehr Spielanteile einräumt?
Brand: So bitter es klingen mag - das glaube ich nicht. In dieser Beziehung bin ich leider desillusioniert. Die Bundesliga ist in diesem Punkt nicht lernbereit.
Frage: Harte Worte. Warum?
Brand: Erst vor einigen Wochen war ich zu einer Tagung der Bundesligavereine eingeladen, um ein Zukunftskonzept für den deutschen Handball vorzulegen. Da wurde mein Vorschlag, per Beschluss vier deutsche Spieler pro Team auf dem Spielbericht einzutragen, abgeschmettert.
Frage: Von einer Solidargemeinschaft kann also zwischen Bundesliga und Bundestrainer keine Rede sein, oder?
Brand: Genau das Gegenteil ist der Fall: Ich bin erschrocken, mit welcher Mischung aus Dreistigkeit, unverantwortlichem Egoismus und Unwissenheit die Selbstbeschränkung abgewehrt wurde - und das in meiner Anwesenheit.
Frage: Sind da andere Sportarten dem Handball voraus?
Brand: Auf jeden Fall. Im Fußball fordert beispielsweise Fifa-Präsident Sepp Blatter nicht grundlos ein "6 zu 5"-Modell. Andere Mannschaftssportarten wie Basketball und Eishockey beschränken sich ebenfalls - nur wir hinken hinterher. Dabei haben wir durchaus Talente, schließlich waren die DHB-Junioren zweimal in Folge Europameister.
Frage: Abschließende Frage: Was machen Sie nach der WM 2007?
Brand: Ich habe noch einen Vertrag als Bundestrainer bis zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking - und Verträge pflege ich einzuhalten. Was dann kommt, ist noch alles offen. An meiner persönlichen Planung, dann eventuell ins Ausland zu gehen, oder in Deutschland in einer großen Stadt was aufzubauen, hat sich nichts geändert. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass ich nach 2008 weiter beim DHB bleibe - ein entsprechendes Angebot habe ich schon.
(Quelle:OVZ vom 28.12.2006)