„Das ist ganz schön heftig“
ERSTELLT 25.08.06, 21:03h, AKTUALISIERT 25.08.06, 22:41h
Der Isländer muss als neuer Trainer mit einer neu zusammengestellten Mannschaft zurecht kommen.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Gislason, Sie stammen aus Akureyri, Island. Reykjavik, die Hauptstadt, kennt jeder. Aber wo liegt Akureyri?
ALFRED GISLASON: Ganz im Norden, 430 Kilometer weg von Reykjavik, ein Ort von ungefähr 16 000 Einwohnern. Mit den umliegenden Dörfern vielleicht 25 000.
Sind Sie Fachmann für Fisch?
GISLASON: Wieso?
Es heißt, Sie hätten Mitte der 90er Jahre nicht nur als Manager einen Sportkomplex geführt und als Trainer gearbeitet, sondern auch Fische nach Spanien geliefert.
GISLASON: (lacht) Das stimmt nicht. Das beruht wahrscheinlich darauf, dass ich mal für einige baskische Geschäftsleute aus Irun, wo ich zwei Jahre als Profi gespielt habe, einen Kontakt zum isländischen Fischkartell hergestellt habe. Ich habe aber eine Gastronomie aufgebaut, gemeinsam mit einem Freund. Das war ein ganz altes, 1500-Quadratmeter-Haus am Hafen. Das habe ich als komplette Ruine gekauft, saniert und ein Restaurant daraus gemacht.
Lohnt sich das denn - bei 16 000 Einwohnern?
GISLASON: Jetzt ja. Für mich leider damals nicht. Während meines ersten Trainerjahres in Deutschland habe ich mit dieser Gastronomie mehr Geld verloren, als ich in Hameln verdient habe (lacht). Irgendwann habe ich mit Verlust verkauft. Aber unter dem Strich steht: Ich habe dieses historische Fachwerkhaus aus dem Jahr 1874 gerettet. Das wäre sonst abgerissen worden.
Nicht nur der VfL hat drei Isländer - Sigurdsson, Gunnarsson, Jakobsson - in seinem Kader, viele Isländer verdienen ihr Geld als Handballprofi im Ausland. Warum bringt das kleine Island so viele starke Handballer heraus?
GISLASON: Es gibt wohl viele Erklärungen. Erstens haben wir acht Monate Winter, ein großer Vorteil für den Hallensport. Und weil die meisten Profis aus dem Ausland wieder zurückkommen, ist das Niveau des Trainings sehr hoch. Ein Vorteil ist auch die methodische Steuerung, die einfacher ist bei nur 40 Klubs. Es gibt keinen Isländer, der nicht dieses Handballsystem durchläuft. Es gibt aber noch eine gefährliche These.
Welche?
GISLASON: Es könnte genetisch bedingt sein. Wenn ein Volk im Mittelalter von 140 000 Menschen auf 70 000 schrumpft, durch Naturkatastrophen und weil es abgegrenzt ist vom Handel, dann kann man also sagen: Die mit der richtigen kämpferischen Einstellung und dem richtigen Gemeinschaftssinn haben überlebt. Und ihre Nachfahren können sich jetzt im Handball, wo diese Mentalität und der Zusammenhalt wichtig sind, durchsetzen.
Der VfL geht mit acht neuen Spielern in die Saison, Sie folgen als Coach Velko Kljaic. Standen Sie als Trainer oder Spieler jemals vor einer ähnlichen Situation?
GISLASON: Nein, das ist ganz schön heftig.
Sie sollten erst 2007 kommen, haben aber den Kader gemeinsam mit ihrem Vorgänger Velko Kljaic zusammengestellt. Wie lief das?
GISLASON: Velko hat Spieler vorgeschlagen, und ich habe das manchmal akzeptiert, manchmal auch nicht. Natürlich ist das eine eigenartige Situation. Aber ich kann ja nicht kommen und am ersten Tag der Klubführung sagen: Entschuldigung, aber jetzt müsst Ihr erst mal zehn Spieler austauschen. Jetzt ist kein Spieler dabei, wo ich gesagt habe: Das kommt gar nicht in Frage. Grundsätzlich gilt: Die Transferpolitik habe ich mit den Verantwortlichen, mit Stefan Hecker und Hans-Peter Krämer, immer gemeinsam abgesprochen.
Sie sind also auch mit Momir Ilic und Vedran Zrnic, die Kljaic unbedingt wollte, einverstanden?
GISLASON: Ja. Ilic ist jetzt für uns ein extrem wichtiger Spieler, auch für die Abwehr. Zrnic ist auch ein sehr guter Mann. Und als Torwart Stojanovic frei wurde, als Pfullingen pleiteging, habe ich auch gesagt: Holt den sofort, wenn es geht.
In der Aufbauposition hingegen fehlt eine Ergänzung zu Houlet.
GISLASON: Ja, aber es gab keinen. Ich hätte gern Raúl Entrerrios von Ademar Leon geholt, aber der war sehr teuer, und der schien sich auch nicht zu trauen. Aber Bennet Wiegert spielt hier gegen offensive Verteidigungen schon sehr gut. Und Daniel Narcisse ist auch auf dieser Position eine Granate. Der hat eine riesige Übersicht, der kann der weltbeste Mittelmann werden. Von dem bin ich wirklich begeistert.
Probleme macht Denis Sacharow, der Yoon-Nachfolger. Er hat sich noch nicht richtig eingelebt und immer noch Probleme mit der deutschen Sprache.
GISLASON: Vieles erinnert mich an meine frühe Zeit beim SC Magdeburg, wo wir auch Spieler aus vielen Ländern hatten. Da habe ich im Jahr 2000 das Gefühl gehabt, meine Spieler verstehen mich gar nicht oder falsch. Irgendwann habe ich einfach gesagt: So, jetzt stellt sich hier jeder Spieler vor das Team und erklärt das in seinen Worten. Ich war geschockt, wie wenig die Spieler wussten von dem, was sie da taten.
Haben Sie das beim VfL jetzt auch gemacht?
GISLASON: Ja, beim Vorbereitungsturnier in Berlin, auch schon vorher in der Vorbereitung. Da stellt sich heraus, dass ein Spieler wie Sacharow ein einfaches Kreuzen nicht erklären kann, weil es einfach an der Sprache hapert. Eigentlich müsste er eine Stunde am Tag Kinderfernsehen gucken. Spieler wie Zrnic oder Ilic sind da schon viel weiter.
Mit Alfred Gislason
sprach Erik Eggers.
(Quelle:Kölner-Stadtanzeiger http://www.ksta.de)