Die Bundesliga steht über allem
VfL-Trainer Emir Kurtagic zu seinem Konzept für die Handball-Akademie
Wie sehen Sie Ihre neue Aufgabe in der Handballakademie?
Der Verein muss die Richtung vorgeben, sonst wird es
sehr schwer. Die Infrastruktur steht, da haben wir mit Reha,
Kooperationen und anderem alles, was wir brauchen. Doch tut es weh, dass
in den vergangenen Jahren die größten Talente den Verein verlassen
haben. Wie zuletzt eben Marian Orlowski.
Welche Ziele haben Sie sich da gesteckt?
Ich möchte, dass die Spieler der Akademie keine
Sekunde daran denken, den Verein zu verlassen. Das ist verbunden mit
intensiver individueller Arbeit, die zurzeit nicht auf dem Niveau ist,
auf dem sie sein sollte. Spielerisches Potenzial ist genug da. Ich
erreiche eine optimale Entwicklung, wenn ich die Jungen individuell
ausbilde, der Erfolg kommt dann von ganz alleine.
Spielen dabei Titel für Sie eine Rolle?
Nein, die sind nicht wichtig. Was hat die deutsche
Vize-Meisterschaft der B-Jugend gebracht, wenn von den Leistungsträgern
keiner mehr in Gummersbach spielt? Wir müssen weg von dem Gedanken, dass
Titel wichtig sind. Wir haben jetzt acht Jahre gesehen, dass es nichts
bringt, sondern dass Spieler individuell arbeiten müssen, um den Sprung
in die Bundesliga zu schaffen. Das geht nicht über Nacht, doch wir haben
ein paar Jungs in unseren Reihen, die es schaffen können.
Was bedeutet das konkret?
Dass die Jungen alles dem Sport unterordnen müssen,
und die Ausbildung muss deutlich besser werden. Wir müssen ihnen schon
klar machen, wie wichtig Schule und Ausbildung sind, doch gehe ich als
Trainer davon aus, dass es dort läuft. Wenn sie in die Bundesliga
wollen, dann müssen sie schon mit 17/18 Jahren auf sich aufmerksam
machen.
Ist das bisher nicht so gewesen?
Es ist schon sehr schnell sehr viel aufgebaut worden.
Man hat versucht, Jungs schnell in die Bundesliga zu bringen, die noch
nicht so weit waren, in der Bundesliga Anschluss zu finden. In den
vergangenen acht Jahren haben zehn Jungen mit der Bundesliga-Mannschaft
trainiert, wovon es keiner wirklich verdient hatte.
Heißt das, Sie wollen jetzt länger warten, ehe ein junger Handballer eine solche Chance bekommt?
Er muss die Chance ernsthaft in Anspruch nehmen
können. Wenn es einer schafft, muss er die Qualität besitzen und muss es
auch wollen. Die Bundesliga ist das Aushängeschild des VfL, und es
dreht sich alles darum.
Sie leben Ihre Forderungen den Spielern auch vor.
Nicht nur ich, sondern alle unsere Bundesligaspieler.
Ansonsten kommt man nicht so weit. Dabei bin ich sicher auch ein
Beispiel. Alles dreht sich um den Handball, da bleibt wenig Zeit für
anderes. Meine Familie ist das ja gewohnt, und meine Freundin akzeptiert
es glücklicherweise.
Zuletzt gab es immer wieder Gezerre um Spieler, die in verschiedenen Mannschaften aushelfen sollten.
Das wird es nicht mehr geben. Natürlich werden die
Spieler auch in Zukunft so gut wie möglich aushelfen, doch muss man sich
darüber im klaren sein, dass auch fünf Minuten Einsatz in einem
Freundschaftsspiel der Bundesliga einen jungen Spieler weiterbringen als
60 Minuten in der Dritten Liga oder in der A-Jugend-Bundesliga. Für
jeden Trainer gibt es nur eine Aufgabe und die heißt, den Spieler einen
Schritt weiter Richtung Bundesliga zu bringen.
Gibt es dazu ein gemeinsames Ausbildungskonzept?
Es ist wohl eher eine Ausbildungspyramide, die je
nach Alter in den sechs Jahren von der C- bis zur A-Jugend Schwerpunkte
setzt. Dazu gehört beispielsweise auch das Bewusstsein, dass die U 23
die letzte Stufe vor der Bundesliga ist.
Wer wird denn die Mannschaften in der kommenden Saison trainieren?
Maik Thiele hat noch einen Vertrag für die U 23,
Leszek Hoft bleibt A-Jugend-Trainer, ich werde die B-Jugend übernehmen.
Jörg Lützelberger und Philipp Wilhelm trainieren weiterhin die C-Jugend.
Schon länger ist die Rede von einem Sondertraining für besonders talentierte Spieler. Wird es das jetzt geben?
Ja. Wir werden sehr viel in Gruppen arbeiten , um
ganz individuell an einzelnen Schwächen zu arbeiten. Das habe ich auch
im Winter mit der Bundesligamannschaft gemacht.
Gummersbach ist kein einfaches Pflaster, es gibt viele, darunter
auch Eltern, die mitreden möchten. Wie werden Sie als Akademieleiter
damit umgehen?
Ich werde nicht sturköpfig sein. Aber ich glaube an mein Konzept, und wenn ich an etwas glaube, setzte ich es auch durch.
Dabei hilft Ihnen sicher auch die Erfolgsgeschichte mit der
Bundesliga-Mannschaft. Haben Sie nach der Rückrunde nicht auch Angebote
von anderen Bundesligavereinen?
Doch. Ich bin in erster Linie Trainer und möchte das
auch sein. Ich werde jetzt aber nicht direkt das erste Angebot nehmen,
nur um Trainer in der Bundesliga zu sein. Wenn ich aber glaube, dass
sich eine gute Chance bietet, werde ich es mir schon überlegen.
Quelle: OVZ vom 08.05.2012