"Ich sehe mich in der Verantwortung"
Interview der Woche: Heiner Brand will Ausbildung des Handballnachwuchses forcieren
Am 30. Juni endete die Amtszeit des Gummersbacher Handballbundestrainers Heiner Brand. Andreas Arnold
sprach mit ihm über seine Zukunft als Manager beim Deutschen Handballbund.
Wie fühlt es sich an, nicht mehr Nationaltrainer zu sein?
Im Augenblick gibt es für mich keine spürbare Veränderung.
Wer wird denn Ihr Nachfolger?
Ich bin nicht darüber informiert. Aber es läuft vieles auf meinen
Co.-Trainer Martin Heuberger hinaus. Ich gehe nicht davon aus, dass es
noch weitere Kandidaten gibt.
Auch Gummersbachs Ex-Trainer Alfred Gislason wurde als Kandidat genannt.
Daran glaube ich nicht wirklich, zumal er noch einen Vertrag beim THW
Kiel hat. Einige aus der Bundesliga meinen, man solle einen
ausländischen Trainer nehmen, doch das entspricht nicht meiner
Auffassung. Die deutschen Handballer sollten auch ihren Stolz haben.
Wir haben sehr gut ausgebildete Trainer.
Hatten Sie schon das Gefühl, dass Ihnen etwas fehlt?
Nein, im Gegenteil. Ich denke eher, dass ich die neue Aufgabe genießen
werde. Ich habe mich vor den großen Turnieren immer unter Druck gesetzt
und wochenlang nicht mehr durchgeschlafen.
Warum haben Sie sich nicht ganz zurück gezogen?
Das war ein Gedanke, den ich mal vor der letzten WM hatte. Aber danach,
als ich mich entschieden hatte, als Bundestrainer aufzuhören, war mir
schnell klar, dass ich in dieser neuen Funktion weitermache. Es war ein
Wunsch sowohl vonseiten des Präsidiums des Deutschen Handballbundes
als auch aus den Reihen der Handballbundesliga, dass ich im Hintergrund
meine Erfahrung einbringen soll. Es macht mir Spaß, Dinge zu bewegen
und ich sehe mich auch noch immer in der Verantwortung für den
deutschen Handball.
Welche Aufgaben warten auf Sie beim DHB und wann geht es damit los?
Eigentlich bin ich schon mitten drin. Erst letzte Woche war ich bei
einem Symposium zum Thema Talentförderung und -suche an der Kölner
Sporthochschule. Ich bin immer auf der Suche nach Ideen, die ich beim
DHB umsetzen kann. Genau ist mein Aufgabenbereich noch nicht abgesteckt.
Das wird sich erst während der Arbeit ergeben. Ich werde mich um alles
kümmern, was Leistungssport ist. Außer um die Nationalmannschaft. Das
ist die Aufgabe des Bundestrainers. Sicherlich liegt mein
Hauptaugenmerk darauf, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass unsere
jungen Spieler noch besser ausgebildet werden. Wir haben schon
angefangen, die Strukturen zu verbessern, doch da kann man sicherlich
noch vieles tun.
Eine Ihrer Forderungen ist immer
gewesen, die Ausbildung des Nachwuchses zu intensivieren. Werden Sie
sich darum jetzt persönlich kümmern?
Ich werde sicherlich nicht persönlich in die Halle gehen und das
Training leiten, doch das sind sicherlich die Dinge, die ich beobachten
werde, um das Umfeld zu verbessern. Unser Problem im Leistungssport
ist, die duale Ausbildung zu ermöglichen und zu fördern. Das heißt,
Leistungssport zu machen, und gleichzeitig nicht die schulische
Ausbildung zu vernachlässigen. Da müssen, wie schon in Gummersbach
geschehen, Kooperationen mit Schulen geschlossen und Kontakte mit
Schulleitern geknüpft werden. Ich möchte, dass wir für die Top-Talente
in Deutschland optimale Voraussetzungen schaffen.
Auf wie viele Jahre ist Ihr neues Engagement ausgelegt?
Zunächst sind vier Jahre angedacht.
Was hat Ihre Frau Christel denn zu der Entscheidung gesagt, haben Sie sich mit Ihr vorher beraten?
Die Entscheidungen im Leistungssport haben wir immer zusammen gemacht.
Ich habe ihr schon vor der WM gesagt, dass ich mir denken könnte, den
Job des Bundestrainers nicht mehr bis 2013 zu machen. Auch meine
Vorstellungen, beim DHB weiterzumachen, habe ich mit meiner Frau vorher
besprochen. Für jeden Sportler und Trainer ist es wichtig, dass so
etwas abgestimmt ist. Gerade wenn einer wie ich nicht so oft zu Hause
ist, muss die Partnerschaft schon funktionieren. Sonst geht das nicht.
Als Bundestrainer haben Sie immer
gefordert, dass die Bundesligavereinen ihre Spieler länger für die
Nationalmannschaft zur Verfügung stellen. Wie sehen Sie die Chancen,
dass Ihr Ruf gehört wird?
Grundsätzlich bin ich nicht so blauäugig, zu glauben, dass sich große
Dinge ändern. Auf der anderen Seite ist inzwischen die Bereitschaft der
Liga zu erkennen, der Nationalmannschaft eine etwas längere
Vorbereitung zu ermöglichen und auch die Zeit zwischen Weihnachten und
Neujahr nicht mit Bundesligaspielen vollzustopfen. Obwohl das für die
Vereine eine sehr attraktive Zeit ist. Doch für die Spieler ist es
unverantwortlich, müde zu einer WM oder EM zu fahren.
In Deutschland gibt es eine Fülle von Handballleistungszentren. Haben Sie einen Einblick, wie dort gearbeitet wird?
Ich kenne die Arbeit in den neun DHB-Stützpunkten. Die sind entweder
dort angesiedelt, wo die Bundesligavereine sind, oder bei den Vereinen,
in denen wir eine große Zahl von Jugendnationalspielern haben. An
diesen Stützpunkten ist die Jugendarbeit schon intensiviert worden. Da
wird ein kontrolliertes Training mit unseren Jugendnationalspielern
gemacht. Wir sind, was die Ausbildung angeht, auf einem guten Weg. Aber
es gibt auch noch Dinge, die verbessert werden müssen.
Was muss sich im Handball ändern, damit
wie im Fußball, mehr deutsche Spieler so gut ausgebildet werden, dass
sie den Sprung in die internationale Spitze schaffen?
Unser Ausbildungsstand ist durchweg gut. Auch im internationalen
Vergleich. Unser Problem sehe ich in der Anschlussförderung an das
Juniorenalter. Da müssen insbesondere die Bundesligavereine die
Bereitschaft haben, mit den jungen Spielern intensiver zu arbeiten. Der
Trainer eines Bundesligisten hat dazu vielfach nicht die Möglichkeit
auf Grund der Tagesarbeit. Also muss ein zweiter Trainer oder der
Co-Trainer mit diesen Leuten individuell arbeiten. Natürlich kostet das
wieder Zeit und Geld, doch nur so bekomme ich die Leute nach oben. Ich
kann nur neidisch auf den Fußball und das Umdenken dort blicken.
Handballabteilungsleiter Jochen Kienbaum
möchte Sie gerne für ein Engagement in der Gummersbacher
Nachwuchsarbeit gewinnen. Können Sie sich das auch vorstellen und wenn
ja in welcher Form?
Wenn mein neues Engagement beim DHB ausläuft, bin ich 63. Ich weiß
nicht, ob ich dann noch etwas in Gummersbach mache. Ich habe aber
immer, wenn jemand hier mal einen Tipp haben wollte, zur Verfügung
gestanden, und das wird auch in Zukunft so sein.
Als der VfL vor wenigen Wochen vor dem
Aus stand, haben Sie bei einem Sponsorentreffen eine flammende Rede für
den Fortbestand Ihres Vereins gehalten. Was bedeutet Ihnen dieser
Handballklub?
Ich bin hier jetzt 52 Jahre Mitglied. Klar habe ich in meiner Funktion
als Bundestrainer eine Distanz finden müssen. Doch gerade als Spieler
und Trainer war der VfL immer mehr für mich als ein normaler Verein und
daran hat sich nichts geändert.
(Quelle:OVZ-Druckausgabe vom 02.07.2011)