Mal ein etwas anderer Spielbericht aus der Süddeutschen Zeitung
07.09.2005 16:40 Uhr
HSV-Handballer
Kein Eintritt in die bessere Gesellschaft
Bei den ambitionierten Handballern des Hamburger SV ist die Aufbruchstimmung schon wieder dahin.
Von Jörg Marwedel
Kein guter Saisonstart für Pascal Hens.
Foto: dpa
Die Herren vom Hamburger Business Club hatten es sich nett gemacht in den Logen und den für sie reservierten Restaurants der ColorLine Arena. Die Krawatten hatten sie gelockert oder gleich zu Hause gelassen. Es gab Bier, dazu zünftig Würstchen und Kartoffelsalat. Und unten auf dem Parkett wurde beim Spiel zwischen dem HSV Hamburg und dem deutschen Meister THW Kiel richtig harter Sport geboten. Rund 300 Vertreter der Hamburger Wirtschaft waren am Dienstagabend der Einladung gefolgt, um sich ein Bild vom runderneuerten Hamburger Handball-Bundesligaklub zu machen. Sie sollten, so wünschte sich HSV-Präsident Andreas Rudolph, „einen guten Eindruck“ mitnehmen und sehen, dass sie „in ein professionelles Umfeld einsteigen“, falls sie sich engagieren wollen.
Ob die potenziellen Partner unter den 11073 Zuschauern so zahlreich wiederkommen, muss abgewartet werden. Während es sich die Herren des Geldes, liebevoll umsorgt von Vorstand und Aufsichtsräten des HSV, in den oberen Rängen gut gehen ließen, erlitten die Hamburger Handballer einen Dämpfer. 20:23 (12:12) unterlagen sie dem THW Kiel trotz großen Kampfes. Und weil sie schon am Samstag zum Saisonstart bei Frisch Auf Göppingen nach einem unerwartet schwachen Auftritt 26:33 verloren hatten, sind sie erst einmal Tabellenletzter.
Die schöne Aufbruchstimmung, geschürt durch vollmundige Werbespots („Wer ist die Macht im Norden?“) und ehrgeizige Ziele (Kapitän Guillaume Gille: „Mindestens Platz vier“) ist somit vorerst dahin. „Egal, wie unsere Leistung gegen den THW war, es ist ein Fehlstart“, bilanzierte HSV-Boss Rudolph später schonungslos und nannte zwei Gründe für den verlorenen Vergleich mit dem Meister: „Fehlende Kraft am Schluss“ sowie „Unvermögen“.
Ordentliche Bringschuld
Rudolph, ein Unternehmer in der Medizin-Technologie, war früher selbst Handballer, weiß also, wovon er redet. Und es klingt nicht so, als werde er besonders viel Geduld aufbringen, falls es nicht schnell genug vorangeht mit dem „Projekt“ (Rudolph), was nicht unbedingt eine beruhigende Nachricht für Trainer Christian Fitzek ist. Womöglich fürchtet der Präsident, dass man nicht allzu viel Zeit hat, um doch noch den Durchbruch zu schaffen in Hamburgs bessere Gesellschaft und die Spitzengruppe des deutschen Handballs.
» Am Ende habe auch ich den Kopf verloren. «
Pascal Hens
Unter seinem zwischenzeitlich in Untersuchungshaft sitzenden Vorgänger Winfried Klimek war der HSV ja Skandalklub Nummer eins der Liga und vergangene Saison nur knapp an Insolvenz und Lizenzentzug vorbeigeschrammt. Da hat man eine ordentliche Bringschuld, um den ramponierten Ruf zu polieren. Auch deshalb hat Rudolph die Miete für die Arena schon für ein Jahr im Voraus bezahlt und bekräftigt, der Etat von 4,7 Millionen Euro sei selbst dann gesichert, wenn weniger Sponsoren als erhofft dazu stoßen. Notfalls, so heißt es im Umfeld, würden Rudolph und Gönner wie Jürgen Hunke die Löcher stopfen, um den Klub vor neuem Gerede zu bewahren.
Immerhin kalkuliert nur Branchenführer THW Kiel (5,3 Millionen) in größerem Rahmen als die Hamburger. Doch anders als die Kieler, die in internationales Spitzenpersonal wie den rustikalen Franzosen Nikola Karabatic, den filigranen slowenischen Rechtsaußen Vid Kavticnik oder den dynamischen Schweden Kim Andersson investierten und selbst in der Gewöhnungsphase schon einen stabilen Eindruck hinterließen, sucht HSV-Trainer Fitzek noch nach der richtigen Balance in seinem mit sechs Neuen ergänzten Team. Der starke Torhüter Goran Stojanovic, der rabiater Zerstörer Bertrand Gille und der am Anfang brillante Schütze Pascal Hens (neun Tore) reichten da nicht, um dieser „Weltklasse-Mannschaft“ (HSV-Manager Dierk Schmäschke) 60 Minuten auf Augenhöhe zu begegnen. Es waren nur 55 Minuten, dann zog der zunächst 0:4 in Rückstand geratene und erst kurz nach der Pause erstmals durch Christian Zeitz in Führung gegangene THW davon, während die HSV-Angreifer ein ums andere Mal an dem nun ebenfalls überragenden Torhüter Henning Fritz scheiterten.
Zu dumm am Schluss
Pascal Hens verriet jedenfalls Anzeichen der Resignation, als er feststellte, man habe in der Schlussphase „zu dumm“ gespielt, um gegen die „viel clevereren Kieler“ zu bestehen. „Am Ende“, sinnierte er, „habe auch ich den Kopf verloren und zu viel und zu früh geschossen. Henning Fritz hat mir den Zahn gezogen.“ Manager Schmäschke und Trainer Fitzek bemühten sich derweil, einen Rest von Aufbruchstimmung zu retten. „So wenig Tore“, lobte Fitzek seine „sehr gut zusammen arbeitende Deckung“, habe Kiel „sicher lange nicht gemacht.“ Er habe „eine tolle Mannschaft und tolle Spieler“. Schmäschke wiederum befand, es seien „genug Ansätze da, dass wir nach vorn gucken können“. Ob Boss Rudolph das auch so sieht? Vielleicht sollte er den Rat von Uwe Schwenker befolgen. „Ruhig bleiben und ein Stück Souveränität und Gelassenheit“ hat der THW-Geschäftsführer den Hamburgern zum Abschied als Erfolgsrezept empfohlen. Er selbst hat die Kieler in seiner Amtszeit damit zu immerhin acht Meistertiteln geführt.