Fan-Probleme beim Handball - Hausverbot in Ostwestfalen
Düsseldorf – Am Samstag standen die Problemfans im Oberrang, Empore Süd, Block M. 25 junge Männer, die ihre Mindener Handballer zum Auswärtsspiel nach Düsseldorf begleitet hatten, trommelten, klatschten, sangen und schwenkten gewaltige Fahnen. Sonst machten sie nichts. „Die machen ja auch sonst nichts”, sagte unten am Spielfeld Horst Bredemeier. Der Mindener Klubmanager, zugleich Vizepräsident des Deutschen Handballbunds, schaute kurz hinauf, als wolle er auch wirklich sicher gehen. „Die sind nicht gefährlich, die sind einfach nur laut.” Nach einer kleinen Pause fügte Bredemeier hinzu: „Und ab und zu machen Sie leider was Dummes.”
Zuletzt vor drei Wochen. Da haben sie sich in Lübbecke mit den dortigen Ultras geprügelt. Ultras sind besonders extrovertierte Fans. Der TuS Nettelstedt-Lübbecke hat nach dieser Prügelei seinen eigenen Fans und denen aus dem benachbarten Minden bis auf weiteres Hallenverbot erteilt. Zum zweiten Mal in diesem Jahr hat es in der Handball-Bundesliga ein Hallenverbot gegeben. Im Februar hatte die SG Flensburg-Handewitt ihre Ultras verbannt. „Die Fangewalt wächst”, sagt TuS-Geschäftsführer Uwe Kölling, „dem muss man Einhalt gebieten.” Bredemeier hat in Minden nicht mitgezogen. Noch nicht. „Die haben bis jetzt nichts gemacht, was uns zu einem Hallenverbot veranlasst hätte”, sagt er.
Unterstützung aus Flensburg
Minden und Lübbecke liegen nur 20 Kilometer auseinander, entsprechend energisch wird bisweilen die Rivalität ausgelebt. Als die Fangruppen „Suptras Nettelstedt” und „Commando 1924” aus Minden sich vor ein paar Jahren mit Eiern bewarfen, fanden die Leute das noch lustig. Doch die Konfrontationen wurden radikaler. Zuletzt flogen Flaschen und Fäuste. Vermummte Fans demolierten Fahrzeuge. Es gab Körperverletzungen und Festnahmen. Während eines Turniers vor drei Wochen wurde ein Kind auf der Tribüne von einem fliegenden Stuhl getroffen. Die jeweils 30 bis 40 Ultras, die während des Spiels durch Gesänge und Schlachtrufe, aber auch durch zur Gewalt aufrufende Banner auffallen, schließen sich neuerdings mit anderen Gruppen zusammen. Die Nettelstedter bekommen Unterstützung aus Flensburg, die Mindener durch Fußballfans vom FC Gütersloh. Die Frequenz des Ärgers steigt. Die Randale wird heftiger. „Diese wachsende Gewaltbereitschaft erschreckt mich”, sagt Kölling.
Seit Monaten diskutiert das Publikum im Kreis Minden-Lübbecke darüber, ob es sich bei den Auswüchsen der „Suptras” und des „Commandos” nur um Entgleisungen betrunkener Jugendlicher handelt oder um organisierte Fangewalt. „Wenn man mit denen spricht, klingen sie ganz vernünftig”, sagt Kölling, „aber wenn sie Bier getrunken haben, sieht die Sache plötzlich anders aus.” Normalerweise ist beim Handball keine Polizei nötig. „Auch die Spiele in Lübbecke und Minden verlaufen meistens störungsfrei”, sagt Ralf Steinmeyer von der Kreispolizei in Minden, „nur bei den Derbys wird der Polizeieinsatz angehoben.” Am 27. September spielt Nettelstedt wieder gegen Minden. Auch deswegen wurde das Hallenverbot ausgesprochen. „Wir haben jetzt noch die Chance, dem Irrsinn Einhalt zu gebieten”, sagt Kölling. „Bevor es zu spät ist.”
Entwarnung von der Polizei
Fangewalt beim Handball ist bislang ein lokales Problem. „Wir haben in Flensburg, Minden und Nettelstedt genau drei Problempunkte in Deutschland”, sagt Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga. „Deshalb haben wir bislang auch keine Gesamtstrategie, weil wir das Problem für vergleichsweise gering halten.” Von Verhältnissen wie beim Fußball sei man „meilenweit entfernt”. Das sehen sie bei der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze” ähnlich. Diese Polizeiabteilung in Neuss, die bundesweit die Gewaltprävention beim Fußball koordiniert und eine Kartei mit 10 000 registrierten Gewalttätern führt, wittert beim Handball keine Gefahr: „Zuschauerausschreitungen im Handball sind Einzelfälle, die in der lokalen Rivalität begründet sind, eine bundesweite Entwicklung von Fangewalt wie beim Fußball ist nicht erkennbar.”
Am Samstag war in Lübbecke das erste Spiel nach dem Hausverbot. Die Handballer besiegten Dormagen 33:23. Die Stimmung war gut. Die verbannten Ultras ließen sich nicht blicken, obwohl sie nach dem Hallenverbot auf der Internetseite eine drohende Parole veröffentlicht hatten: „Wir geben nicht auf, Ihr kriegt uns nicht klein, es geht weiter, immer weiter!” Ostwestfalens Handball bleibt in Alarmbereitschaft.
Ulrich Hartmann