Machtspiele fordern das nächste Opfer
Die Trennung von Trainer Fitzek offenbart erneut interne Probleme beim HSV Handball - Schwalb soll kommen
von Julien Wolff
Anstelle von Christian Fitzek leitete gestern Thomas Knorr die Trainingseinheit der HSV-Handballer. Der Chef-Trainer der Hamburger war am Montag entlassen worden. Nach einer Präsidiumssitzung hatte Präsident Andreas Rudolph, sein Vize Dieter O. Jost und Manager Dierk Schmäschke Mannschaft und Trainer über die Entscheidung informiert. Daß kurioserweise der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Grollmann im Gegensatz zu seinen Kollegen Thomas Poullain und Fritz Bahrdt bei der Sitzung nicht zugegen war, sei "ein Zufall" gewesen. Die beiden hätten den Präsidiumsmitgliedern lediglich über eine Sitzung der vergangenen Woche berichten wollen. Fitzek selbst wollte sich "aus Selbstschutz" auch am Dienstag nicht zu seiner Entlassung äußern.
Nach der Trennung von Bob Hanning ist es die zweite Trainerentlassung innerhalb von nur fünf Monaten. "Es mußte etwas passieren, zuletzt hat der letzte Kick gefehlt. Wir mußten ein Zeichen setzten", sagte Jost bei der Sendung "Rasant" auf Hamburg 1. Fitzek sei wohl zu kameradschaftlich gewesen. "Und das", so Jost weiter, "nutzt jede Mannschaft für sich aus." Im Gegensatz zur Situation im Mai, als die Profis Hanning gestürzt hatten, scheint die Mannschaft diesmal lediglich durch ihre zuletzt schwachen Leistungen für den Trainerwechsel verantwortlich zu sein. "Wir hätten nicht zugelassen, daß die Mannschaft den Trainer killt", so Jost.
Nun sollen vielmehr auch die Spieler für ihr Versagen büßen. Das Gehalt der Profis soll zunächst um einen zweistelligen Prozentsatz gekürzt werden. Nur wenn man sich am Saisonende für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert, wird das Geld doch noch ausgezahlt. Nun werde sich der Charakter der Mannschaft zeigen, meinen die Verantwortlichen.
Dabei bleibt zu bedenken: Wenn das Präsidium von den Spielern Charakter fordert, sollte es diesen auch selbst vorleben. Der Umgang der Clubführung mit Fitzek war indes von Beginn an fragwürdig. Seine Autorität wurde durch Präsident Rudolph schon vor seinem Amtsantritt untergraben, als der Vorsitzende seine Inthronisierung lang hinauszögerte und Gespräche mit anderen Kandidaten führte. Am Tag seiner Entlassung hatte Rudolph nachmittags noch betont, daß nichts passieren werde, was eine Pressekonferenz nötig mache.
Zudem stellte die Vereinsführung erneut unter Beweis, daß sie in kritischen Situationen kaum in der Lage ist, sich professionell zu verhalten, Krisenmanagement war kaum zu erkennen. Ohne alle Spieler vorher informiert geschweige die rechtliche Grundlage abschließend geprüft zu haben, verkündete Vize-Präsident Jost bei "Rasant", daß ein Teil der Spielergehälter eingefroren werden soll. Vor allem den Sponsoren wird diese Außendarstellung ein Dorn im Auge sein.
Dabei hätte es der HSV dringend nötig, ein gutes Bild abzugeben, lassen doch die Besucherzahlen stark zu wünschen übrig. Die bisherigen fünf Heimspiele besuchten im Schnitt nur 5889 Zuschauer. Kalkuliert hat der Verein mit einem Schnitt von knapp 6500. "Wir sehen uns das noch zwei Jahre an", hatte Jost nach der Partie gegen den deutschen Meister THW Kiel Anfang September im kleinen Kreis verlauten lassen. Obwohl zu dem Nord-Derby rund 6000 Kieler Fans angereist waren, blieben selbst bei dieser Begegnung 2000 Plätze in der Color Line Arena leer.
Spätestens in zwei bis drei Wochen will man einen neuen Chef-Trainer präsentieren. "Wir erwarten, daß sich jetzt Trainer bei uns melden", meint Jost und setzt sich so dem Verdacht aus, die Angelegenheit recht blauäugig zu betreiben. Andererseits aber sickerte bereits durch, daß Martin Schwalb künftig für die Mannschaft verantwortlich sein soll. Der 42 Jahre alte Trainer steht derzeit bei der HSG Wetzlar unter Vertrag. Gegen eine vermutlich sechsstellige Ablösesumme könnte er den Verein, der Geld für neue Spieler benötigt, wohl verlassen. "Hamburg hat sich mit ihm in Verbindung gesetzt", sagte am Dienstag HSG-Manager Rainer Dotzauer.
Heute tritt der HSV in der Köln-Arena beim Tabellenzweiten VfL Gummersbach an, gemeinsam mit Schmäschke wird Rudolph die Mannschaft betreuen.