30 Minuten für die Ewigkeit
Bernd-Uwe Hildebrand gibt sich gönnerhaft. Eine 30-minütige Audienz hat er einer Delegation des HSV Hamburg, bestehend aus Manager Dierk Schmäschke, Vizepräsident Fritz Bahrdt, Wirtschaftsprüfer Jens Lingthaler und Traberpräsident Jürgen Hunke, für heute gewährt, um zu erfahren, wie sich der vor der Zahlungsunfähigkeit stehende Klub seine Zukunft vorstellt.
"Ich bin gespannt, was wir hören werden. Der HSV muß beantworten, ob es zu einer Insolvenz kommt und wie die Zukunftsprognose des Vereins aussieht", sagte Hildebrandt am Dienstag der Zeitung "Die Welt". Mehr will der Präsident der HBL und Manager des SC Magdeburg nicht hören. Der Vorstand der Liga beginnt seine Zusammenkunft heute um 13.00 Uhr in Magdeburg, ab 13.30 Uhr erhalten die Emissäre des HSV Gelegenheit, ihr Anliegen vorzutragen. Schon um 14.00 Uhr will der Vorstand wieder intern über das Strafmaß für den HSV wegen der Nichterfüllung von Lizenzauflagen debattieren. Zwei Möglichkeiten der Strafe sehen die HBL-Richtlinien vor: Abzug von bis zu acht Punkten in der laufenden Saison oder die Lizenzverweigerung für die nächste Saison. Eine Geldstrafe in Höhe von bis zu 5.000 Euro (pro fehlender Unterlage, die im Lizenzverfahren einzureichen ist), dürfte nicht mehr zum Zuge kommen, da trotz mehrmaliger Nachfrist der HSV keine Bilanz abgegeben hat. Zudem steht neben weiteren Themen auch das Gnadengesuch der SG Wallau/Massenheim wegen der Disqualifikation im DHB-Pokal auf dem Programm.
"Die allgemeingültige und einheitliche Anwendung der Regelungen soll die Voraussetzung dafür schaffen, dass innerhalb des eigenständigen Ligaverbandes alle Mitglieder nach einheitlichen Regularien beurteilt werden, Tatsachen und Unterlagen nach einheitlichen Maßstäben ausgewertet werden, ein fairer Wettbewerb gesichert wird, eine positive öffentliche Wahrnehmung unterstützt und erreicht wird und durch eine betriebswirtschaftlich begründete Unternehmensführung wirtschaftlicher Schaden für Körperschaften und Personen verhindert wird." Dieser hehre Anspruch steht geschrieben in der Präambel der "Richtlinien zur Erteilung von Lizenzen am Spielbetrieb der Bundesligen Männer" der HBL. Im Fall des HSV Hamburg, da ist sich die Mehrzahl der Ligavertreter einig, sind die meisten Punkte der Präambel durch das Geschäftsgebaren der Hamburger nicht erfüllt.
Was auch immer die Hamburger Delegation heute in Magdeburg vortragen wird, mindestens ein Punktabzug in der laufenden Saison wird unumgänglich sein. Dagegen wollen die Hamburger auch gar nicht argumentieren. Vielmehr geht es um die drohende Insolvenz des wirtschaftlichen Trägers Omni Sport GmbH, dessen Geschäftsführer Winfried Klimek seit dem 3. Dezember in Untersuchungshaft sitzt. "Wir wollen der HBL deutlich machen, in welch besonderer Lage wir uns durch die Inhaftierung von Herrn Klimek befinden", sagt Dierk Schmäschke. Der HSV wird der HBL wohl darlegen, dass der Verein aufgrund der ominösen Tätigkeiten der hochverschuldeten Omni Sport GmbH & Co. KG weitestgehend unverschuldet in die Krise geraten ist. "Wir hoffen, daß wir für die Probleme eine konstruktive Lösung finden. Wenn wir nicht optimistisch wären, bräuchten wir zu dem Gespräch gar nicht hinzufahren", so der ehemalige Flensburger Geschäftsführer.
Immerhin hat man laut Hamburger Presseberichten von Sponsoren eine Summe von zwei Millionen Euro zugesagt bekommen, wenn sich der HSV e.V. neu aufstellen kann. Dieses Geld soll aber nicht zur Entschuldung des wirtschaftlichen Trägers verwendet werden, sondern für einen Neuanfang zur Verfügung stehen. Dummerweise erlauben aber die Richtlinien der HBL den Wechsel des Trägers während des laufenden Spielbetriebes nicht.
Würde gegen die Omni Sport GmbH & Co KG ein Insolvenzverfahren eröffnet oder die Eröffnung mangels Masse abgelehnt, stünde der HSV als erster Absteiger der Saison fest. Dies gilt auch, wenn der wirtschaftliche Träger selber die Einleitung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Dies schreiben die Lizenz-Richtlinien zwingend vor.
Allerdings enthalten die Statuten eine kleine aber feine Ausnahme. Der Zwangsabstieg bei Stellung eines Insolvenzantrages ist dann nicht gegeben, "wenn der Verein bzw. sein wirtschaftlicher Träger die Einleitung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit beantragt hat und der Insolvenzverwalter nicht die Insolvenzgründe Überschuldung und/oder Zahlungsunfähigkeit feststellt, d.h. dass bis zum Zeitpunkt des Antrages alle fälligen Zahlungsverpflichtungen erfüllt wurden."
Davon kann derzeit beim HSV aber nicht die Rede sein. Die Mietschulden bei der ColorLine-Arena sind unbeglichen, die nächsten Heimspiele wurden lediglich durch Vorkasse von Gönnern gesichert, die Spielergehälter für den Monat November wurden nicht pünktlich ausgezahlt und auch das Finanzamt erwartet noch eine größere Summe. Möglicherweise wird also die von Sponsoren zugesagte Summe zur Begleichung der Zahlungsverpflichtungen verwendet, um danach einen Antrag auf Insolvenz für die Omni Sport GmbH zu stellen.
Um den laufenden Spielbetrieb zu sichern, sind jedoch weitere Millionen nötig. Mit der Zusage der HBL, in der Folge der Insolvenz keinen Zwangsabstieg festzustellen, wären Hamburger Sponsoren aber sicherlich bereit, den laufenden Spielbetrieb zu sichern. Dazu müssten u.a. die Spieler an der Omni Sport GmbH vorbei bezahlt werden, etwa direkt von Sponsoren.
Die Handball-Nation schaut heute jedenfalls höchst interessiert nach Magdeburg. Eine Ausnahmegregelung für den HSV, eine "Lex Hamburg", wird sich der Vorstand der HBL nicht erlauben können, zu groß ist die öffentliche Aufmerksamkeit und der Widerstand innerhalb der Liga. "Wir sind bis zum letzten Tage zuversichtlich und hoffen, eine Lösung zu finden, um das Produkt in Hamburg zu halten. Die Stadt hat es verdient. Sollte es nicht so kommen, wäre es ein großer Verlust für die Bundesliga", sagte Klub-Präsident Heinz am Dienstag der "Welt". Zumindest wäre es ein Verlust für die Journalisten?
Olaf Nolden - http://www.handball-world.com</a>