Patti kuriert sich erst einmal aus. Somit wird er im Dezember wohl fehlen...
ZitatAlles anzeigenJohanneson: "Komme erst zurück, wenn ich fit bin!"
Wir treffen uns im Hotel "Exquisit", jener Stätte, an der Patrekur Johannesson seine ersten "Zelte" aufschlug, als er bei seinem neuen Arbeitgeber vorstellig wurde. Der sympathische Isländer hat sich in den hinteren Bereich des Restaurants, an einen kleinen Tisch gesetzt. Ein Tisch, der nicht vielen Personen Platz bietet, was mir sofort klar macht: wir sind unter uns. Und kaum habe ich mich zu ihm gesetzt, da lässt er mich auch sofort sein Anliegen wissen: "Ich werde erst wieder auf die Bundesliga-Bühne zurückkehren, wenn ich fit bin. Mit 50 oder 60 Prozent meines Leistungsvermögens wird man mich in Minden nicht mehr sehen." So wie er das sagt, schwingt sehr viel Wehmut in seiner Stimme. Es ist eine Entscheidung der Vernunft, wahrlich keine des Herzens.
Patrekur hat für sich eine klare Regelung getroffen: erst wieder gesund werden - alles andere bringt ihn nicht weiter. Und das heutige Gespräch schiebt der 32-Jährige schon seit einiger Zeit vor sich her. Doch zunächst wollte er mit dem Manager sprechen, sollte der Mannschaftsarzt seine Informationen an die Öffentlichkeit geben. Und das verschob sich um ein paar Tage, weshalb "Patti" sich bis dahin in Zurückhaltung übte. Denn er ist ein loyaler Mitarbeiter seines Klubs. Und daran soll und wird sich auch nichts ändern. Aber jetzt, da musste es einfach raus aus ihm. Das war er sich schuldig, aber auch der Mannschaft und den Fans. "Und ich muss ehrlich zu allen sein, genauso wie ich hoffe, dass man trotz der augenblicklichen Situation erkennt, dass ich gar keine andere Entscheidung für mich treffen kann."
Zu unterschiedlich waren in den zurückliegenden Tagen und Wochen die Aussagen, die sich um seine Person, dabei in erster Linie der Zeitpunkt seiner Rückkehr ins Team, drehten. Während Manager Horst Bredemeier fast unisono mit Johannesson-Berater Wolfgang Gütschow nach der Meniskus-Operation am 16. November bei Dr. Pieper in Bremen von einer Zwangspause von drei bis sechs bzw. vier Wochen sprach, klang die Information von Mannschaftsarzt Dr. Jörg Pöhlmann schon ganz anders. Er ging in seiner Mitteilung zwar auch auf die Meniskus-OP und die Entfernung eines freien Gelenkkörpers ein, nannte als schwerwiegenderen Befund aber die Bestätigung seiner Diagnose, dass es sich bei "Pattis" Verletzung um einen "deutlichen Knorpelschaden sowie eine Reinstabilität des Kniegelenks handelt". Nur durch eine intensive Rehabilitations-Maßnahme könne eine baldige Aussage zur Belastbarkeit des Knies von Patrekur Johannesson möglich sein.
Das ganze Hin und Her will der Isländer so aber nicht im Raum stehen lassen. Daher erklärte er sich auch jetzt: "Ich habe in den letzten Wochen stets zu spielen versucht, habe mich spritzen lassen, um dabei zu sein. Und das war ich - auch mit Schmerzen. Nur irgendwann kommt der Kopf damit nicht mehr klar. Inzwischen hatte ich durch die Medikamente nicht nur Probleme mit dem Knie, sondern auch mit dem Magen. Und da wir durch den Eingriff in Bremen nun sehr viel mehr wissen, habe ich mich für mich, meine Familie, aber auch im Sinne des Vereins und der vielen Fans dazu entschlossen, die ganze Sache auszukurieren. Wie schnell das geht, kann ich nicht sagen. Aber ich werde bis zum Schwerin-Spiel nicht mehr fit werden. Da verrate ich nicht zu viel."
Patrekur Johannesson fühlt sich in Minden herzlich aufgenommen. Und das macht das Ganze umso schwerer. "Aber ich kann der Mannschaft trotz der prekären Situation angesichts meiner Verletzung derzeit einfach nicht helfen. Da wären 50, höchstens 60 Prozent möglich." Er habe für sich daher beschlossen, so lange zu warten, bis er wieder richtig helfen kann. "Ich bin als Führungsspieler geholt worden. Und da erwartet man auch die Leistung eines Führungsspielers. Die aber kann ich derzeit nicht erbringen. Und ich würde sie auch nicht erbringen, wenn ich so weiter mache wie bisher." Nach einer vernünftigen Reha - und die absolviert er mit drei bis fünf Stunden pro Tag in Bielefeld glaubt der 233-malige isländischer Nationalspieler jedoch fest daran, "wieder zu kommen und dann meinen Beitrag zu leisten, damit wir da unten raus kommen."
Der Entschluss sei lange gereift. "Allerdings habe ich in den letzten Wochen gesehen, dass meine Leistung immer mehr stagniert. Ich konnte überhaupt nicht mehr trainieren, weil ich ausschließlich für die Spiele geschont wurde. Dadurch hat sich auch meine gesamte Muskulatur zurückgebildet. Ich weiß dass es hart für die treuen GWD-Fans ist. Aber glaubt mir, für mich ist das als Profi noch schlimmer!"
Natürlich ist ihm die Situation bewusst. "Im Dezember haben wir jetzt die Spiele der Wahrheit. Da müssen wir punkten. Es tut mir einfach wahnsinnig leid. Ich habe meine Familie aus Spanien nach Deutschland geholt, weil wir uns hier etwas aufbauen wollten. Und wir fühlen uns auch pudelwohl hier. Für mich kam das auch alles wie ein Blitz aus heiterem Himmel." In der zurückliegenden Saison habe er noch alle Spiel mitgemacht, bis auf einen kurzen Zeitraum nach einer Arthroskopie im November 2003. "Aber ich hatte keine Ahnung, dass mein Knie geschädigt war." Klar, im November 1998 hatte er einen Kreuzbandriss erlitten, "doch ich habe mir acht Monate mit der Reha Zeit genommen, so dass es daran nicht gelegen haben kann. Dass etwas nicht in Ordnung ist, wussten wir auch nicht, wie fälschlicherweise immer angenommen wird, schon im Juni, sondern erst nach dem Gummersbach-Spiel. Erst da kam das ganze Dilemma raus."
Johannesson ist im Augenblick völlig niedergeschlagen. "Schließlich war ich heiß auf die Aufgabe hier in Minden, insbesondere angesichts der besonderen Rolle, die mir zukam." Er weiß ganz genau, wie wichtig der Handball in Minden genommen wird. "Als ich in Essen war, war die Begeisterung bei weitem nicht so groß." Unterkriegen lässt sich "Patti" allerdings nicht. Und von Aufhören will er erst recht nichts hören. "Damit befasse ich mich überhaupt nicht. Man muss immer nach vorn schauen. Das gilt für mich, das gilt jetzt aber auch für die Mannschaft. Und mit den Fans zusammen wird das schon klappen. Wir müssen jetzt eben alle noch enger zusammenrücken." Und noch eines möchte der Kapitän loswerden: "Die Leute sollen wissen, woran sie bei mir sind. Daher liegt mir auch so viel daran, dass man mich in dieser Situation zu verstehen versucht."
Volker Krusche (30.11.2004) - Westfalen-Blatt
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