aus "mittelhessen":
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Standpunkt23.10.2005
Sie träumten von goldenen Zeiten. Sie wollten raus dem Loch als graue Maus der Liga. Sie hofften darauf, den Ruf des potenziellen Abstiegskandidaten loszuwerden - mit einer neuen Halle und einem renommierten Trainer. Nach dem Sensationssieg gegen Magdeburg zum Saisonauftakt war sogar Wolke sieben in Sicht. Doch seit Freitagabend sind bei der HSG Wetzlar wieder schwere Zeiten angebrochen. Nicht nur, dass die Mittelhessen-Arena der Mannschaft um Torwart Axel Geerken bislang gerade mal zwei Siege in elf Heimspielen beschert hat. Mit Martin Schwalb ist nach nur drei Monaten ein Mann von Bord gegangen, der für die Fans - und nicht nur für die - als Erfolgsgarant Nummer eins galt.
Vier Tage nach dem Angebot - ob nun moralisch in Ordnung oder nicht - des HSV Hamburg hat Schwalb die Reißleine gezogen. Bei allen Lippenbekenntnissen pro HSG tat er dies in erster Linie zum eigenen Vorteil. Der Ex-Nationalspieler betonte zwar, dass er bislang in seiner Karriere noch vor keiner Herausforderung davongelaufen wäre und dass er sich in Wetzlar sehr wohl gefühlt habe. Die Niederlagenserie und Peronalmisere der vergangenen Wochen hat den 42 Jahre alten Handball-Trainer aber zum Nachdenken und möglicherweise auch zu seiner Entscheidung contra Wetzlar verleitet.
Denn was wäre passiert, wenn nach der einkalkulierten Niederlage in Lemgo auch die machbaren Aufgaben gegen Kronau/Östringen, Delitzsch und N-Lübbecke in den Sand gesetzt worden wären? Wäre der Trainer vom Heilsbringer zum Sündenbock abgestempelt worden und hätte trotz laufenden Dreijahresvertrages gehen müssen?
Schwalb zog für sich ganz persönlich - und nur das - die beste Option und wechselt nach Hamburg, wo er wohlwissend eine ähnlich schwere Aufgabe übernimmt. Mit dem feinen Unterschied, dass der HSV nach dem Fast-Bankrott inzwischen wieder auf finanziellen Rosen gebettet zu sein scheint - Präsident Andreas Rudolph sei Dank.
Zurück bleibt eine HSG Wetzlar, die den Mechanismen der Bundesliga erlegen ist. Geld bestimmt das Geschäft. Zurück bleibt ein Manager Rainer Dotzauer, der natürlich betont, dass er bei den Verhandlungen mit den Hamburgern hart geblieben sei und das Bestmögliche herausgeholt habe. Und der auch weiß, einen abwanderungswilligen Trainer kaum aufhalten zu können.
Aber es wird schwierig sein, den geeigneten Mann für die Bank zu finden, der es dann noch schwieriger haben dürfte. Denn der unerfahrene Holger Schneider schaffte es in der vergangenen Saison nicht, die HSG auf den Erfolgspfad zu führen. Auch der bei der SG Wallau/Massenheim zum Startrainer gewordene Schwalb scheiterte beim Versuch, aus durchaus guten, leider aber auch verletzungsanfälligen Einzelspielern in Wetzlar eine gewinnbringende Einheit zu formen.
Die HSG muss aber bald bessere Zeiten erleben. Sonst droht das, was Rainer Dotzauer in seiner Zeit bei der HSG nie erleben wollte: Abstieg.