Mit einiger Verwunderung habe ich die Facebook-Kommentarspalte zum Ergebnispost vom Spiel gegen Lübbecke zur Kenntnis genommen. Glänzt das Ferndorfer Publikum doch sonst oft mit der pietistisch anmutenden Zurückhaltung, ja nicht irgendwie negativ aufzufallen, kam da doch schon einiges an polemischen Angriffen, die ich nicht unkommentiert lassen möchte. Die Liste der vorgetragenen Unmutsbekundungen ist recht lang: Nicht nachvollziehbare Wechselpolitik, einfallslose Angriffe ohne klare Struktur, eine "immer schlechter werdende" Mannschaft - manche Hirnakrobaten schlagen schon irrwitzige Bögen von der "rosaroten Ferndorfer Brille" zur "verkorksten Entwicklung der letzten 20 Jahre in Deutschland"...
Leute, Leute, Leute. Alle haben viel Meinung, packen tolle Metaphern aus und beten in bester Doppelpass-Manier das Phrasen-1x1 des Mannschaftssports herunter. Aber ich lese recht wenig über die Essenz des Ganzen: Über Handball.
Daher möchte ich folgend erläutern, was meiner Meinung nach das "strukturelle Problem" unserer Mannschaft ist und warum wir gerade wegen dieses Problems nur noch geschlossener hinter dem Team stehen sollten.
Waren die Offensivabläufe in der ersten Saisonphase oftmals noch wie aus einem Guss, haben sich die gegnerischen Deckungsreihen mittlerweile besser daran angepasst. Es kam vor, dass wir in einem Spiel 15-16-17 Angriffe hatten, wo unser Team die gesamte Spielszene, von der Auslösehandlung über die Kleingruppe bis zur finalen Handlungsentscheidung und dem Abschluss graziös-fehlerfrei; perfekt durchexerziert hat. Sowas zu sehen konnte damals kaum einer glauben. „Ist das da wirklich der TuS Ferndorf, ein Aufsteiger mit Mini-Etat?“ Und warum hat dieser Ball funktioniert? Weil die raumschaffenden Bewegungen und das Zurechtlegen der Gegenspieler-Positionen aus den langen Kreuzbewegungen und mit den schnellen Verlagerungen immer wieder auf den Zentimeter genau, ja wirklich makellos dahingespielt waren. Das war und ist Kevics Handschrift. Er ist wie der Fußballer Thomas Müller eine Art "Raumdeuter" und kann das Spiel in den Raum lenken, „der sich gleich öffnen wird“. Unser zusammenhängendes Spiel im ersten Saisondrittel war in manchen Phasen dadurch beinah ästhetisch. Das meine ich ganz ernst. Es war eine Art choreographiertes Rückraum-Ballett, in dem den drei Spielern auf der höheren Linie nur die konditorische Aufgabe der finalen Dekoration zukam, sei es via Sperre oder Abschluss. Die Beweglichkeit im Rückraum und das Zurechtlegen – das haben die Gegner jetzt besser im Griff und lösen viel gegen den TuS-Angriff mit videogeschultem Stellungsspiel. Daher sind es mittlerweile nur noch so 7-9 Angriffe pro Spiel, die nach diesem "Schema F" der choreographierten Raumöffnung verlaufen. Wir sind immer noch sehr viel in langen Kreuzbewegungen und agieren unheimlich betriebsam in der Seitwärtsbewegung zum Tor. Aber die Mannschaft kann daraus nicht mehr so systematisch die Positionsvorteile erzeugen wie im ersten Saisonteil. Weil wir hier wirklich nicht gegen den SC Pusemuckl spielen! Das heißt im Umkehrschluss: Es müssen anteilsmäßig mehr Tore aus Einzelaktionen, aufreibender Kleingruppe und Kontern erzielt werden. Dafür braucht es eine hohe individuelle Qualität und die haben wir zum Glück auch, aber nicht in dem Maße wie andere Teams – da zeigt sich dann doch ganz deutlich der Etat. Der Ferndorfer Handballstil diese Saison lebt davon, dass die Zahnräder des Mannschaftsgefüges genau ineinandergreifen. Greifen sie das nicht (mehr), weil die Gegner auf hohem Niveau adaptieren können, verliert das Zusammenspiel von Fanger und Kevic sein Funkensprühen und wird Normalsterblich.
Es bleibt uns nichts anderes, als dieses evolutionsähnliche Faktum zu akzeptieren und so gut wie möglich zu versuchen, die Mannschaft bis zur letzten Sekunde der Saison zu unterstützen. In der ersten Saisonhälfte haben wir uns die Punkte teilweise erzaubert, jetzt müssen wir den Großteil der Tore hart erarbeiten. Dafür braucht das Team unsere Hilfe, nur wenn wir alle die Reihen geschlossen halten, geht uns bis zum Ende nicht der Saft aus. Es werden bestimmt noch weitere ruckelige Spiele kommen. Aber die individuelle Qualität ist eben doch hoch genug, dass wir die nötigen Punkte zum Klassenerhalt holen. Das ganze Gepöbel bei Facebook macht den Anschein, als begriffen die Leute die Dynamik nicht, die ich hier zu skizzieren versucht habe. Weil wenn man sie begreift – welche Kritik will man da bitte äußern? Guckt auf unsere Gehaltsstruktur, guckt auf die Gehaltsstrukturen der Gegner. Guckt auf Klatts Handball und darauf, wie blendend er funktioniert hat, aber die Gegner sind eben sau stark und wir haben nicht "mal eben so" ein komplettes Konzept B in der Tasche. Aber da heißt es dann einfach plump „Sie werden immer schlechter“ oder „Einfach 20% weniger Fehler machen“. Ah ja, danke Coach.