Wichtig ist hier auch, zu verstehen, dass die Schiedsrichter nicht das Ergebnis des Fouls zu bewerten haben, sondern die Aktion an sich.
Gerade in den unteren Klassen finden sich einige Spieler und Spielerinnen, die Neymar in Sachen Überdramatisierung durchaus Konkurrenz machen können. Da wird teilweise schon vor dem Körperkontakt geschrien. Leider habe ich in über 35 aktiven Jahren nur ein paar Mal erlebt, dass Schiedsrichter da auf unsportliches Verhalten seitens des Angreifers entschieden. Es ist halt ein sehr schmaler Grat. Viel häufiger jedoch lassen sich in den unteren Klassen Schiedsrichter durch das Ergebnis eines vermeintlichen Fouls beeindrucken. Anfang des Jahres habe ich da eine richtig krasse Fehlentscheidung gesehen. Eine Spielerin läuft in die Abwehr und bricht nach leichtem Kontakt schreiend zusammen. Es folgen mehrere Minuten Erstversorgung auf dem Platz, gefolgt von Abtransport per Trage. Danach geben die Schiedsrichter der Abwehrspielerin die Rote Karte. Sie haben sich hier sichtlich vom Geschehen beeindrucken lassen, denn bei der Aktion war nichts, was auch nur ansatzweise eine Hinausstellung gerechtfertigt hätte. Eigentlicher Grund war, dass die Angreiferin sich wenige Monate vorher schwer am Knie verletzte und viel zu früh und ohne Aufbautraining wieder aufs Spielfeld zurückkehrte. Da reichte dann ein leichter Kontakt für die nächste Verletzung am selben Körperteil.
Und selbst bei etwas Offensichtlichem, wie einer blutenden Nase oder einer Platzwunde haben die Schiedsrichter ihre Entscheidung nicht danach zu treffen, dass da Blut tropft.
Den Begriff der Tätlichkeit gibt es in den Regeln ja so nicht mehr. Und selbst "früher" wären bei dieser Aktion die Bedingungen dafür nicht erfüllt gewesen. Eine Tätlichkeit hätte zum Ausschluss geführt. Das Analogon heute wäre Rot + Blau (Regel 8:6).
Wenn du mit Tätlichkeit "nur" Rot meinst, also eine Disqualifikation nach Regel 8:5, dann sind die Bewertungskriterien "besonders aggressive Aktion" und Rücksichtslosigkeit. Und hier tue ich mich sehr schwer damit, das anzuwenden. Zumal es deutlich schlimmere Aktionen geben kann, zu denen dann die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben sollte.