Original aus "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Teil 2" von Bastian Sick
Irgendein finsteres Wesen aus Mittelerde muss vor langer Zeit das Gerücht in Umlauf gebracht haben, dass im E-Mail-Verkehr sämtliche Regeln der deutschen Orthographie außer Kraft gesetzt seien. Die Überzeugung, man könne in E-Mails so schreien, wie es einem gerade passt, hat sich jedenfalls weit verbreitet und hält sich hartnäckig.
Wenn jemand aus der Schweiz schreibt und auf das >>ß<< verzichtet, so ist das sein verbrieftes Recht. Wenn jemand mit einer amerikanischen Tastatur schreibt und deshalb keine Umlaute erzeugen kann, so ist das auch verzeihlich. Allerdings verfügt auch die amerikanische Tastatur über eine Shift-Taste, die man herunterdrücken kann, um Großbuchstaben zu erzeugen. Der vollständige Verzicht auf Großschreibung lässt sich also nicht mit einem Auslandsaufenthalt entschuldigen. Eigentlich lässt es sich überhaupt nicht entschuldigen. Mit Coolness oder einem >>irgendwie trendigen grafischen Innovationsanspruch<< schon gar nicht. Ein Text, in dem alles kleingeschrieben wurde, ist nämlich weder optisch ansprechend, noch ist er leichter zu lesen als ein Text in herkömmlicher Orthographie, im Gegenteil, es bereitet dem deutschen Auge deutlich mehr mühe, einen kleingeschriebenen Text zu entziffern.
In seien privaten E-Mails kann selbstverständlich jeder so schreiben, wie es ihm beliebt, sofern er sicher ist, dass es dem Empfänger genauso beliebt. Etwas anderes ist es mit den vielen hunderttausend Mails, die jeden Tag in offizieller Mission verschickt werden: von Geschäftsleuten an ihre Partner, von Kunden an Anbieter, von Ratsuchenden an Auskunftsstellen, von zufriedenen oder unzufriedenen Wählern an Politiker, von Lesern an Redaktionen und Verlage.
Wer glaubt, dass bei dieser Form der Kommunikation die Rechtschreibung keine Rolle spielt, der befindet sich im Irrtum. E-Mail ist nicht dasselbe wie SMS!