Vor dem Finale
Die Stunde der „Deutschmänner“
Von Rainer Seele, Köln
04. Februar 2007 Einige Finger von Oliver Roggisch sind mit einem Verband umwickelt, wenn er sich auf dem Handballfeld ins Getümmel stürzt. Er scheint die Hände eines Boxers zu haben. Nach einem Spiel ist Roggisch erst einmal damit beschäftigt, sich von den klebrigen Hüllen zu befreien. Es ist eine mühselige Arbeit. Aber er ist ja an so etwas gewöhnt, an das Schuften überhaupt, an das energische Zupacken.
Roggisch teilt dabei gehörig aus, der Magdeburger ist nicht zimperlich. Aber er muss auch einstecken können, Nehmerqualitäten beweisen, Schlag auf Schlag. Das gehört zum Wesen seines Sports, eines Kampfsports mit Ball, in dem Roggisch eine spezielle Aufgabe zufällt. Er ist ein Zerstörer, er muss versuchen, die Gegner zu stoppen, ihnen in das Handwerk zu pfuschen.
Lieblinge des Landes
In der deutschen Nationalmannschaft steht der Magdeburger im Zentrum der Verteidigung, das ist sein Stammplatz. Im Angriff taucht er fast nie auf; Tore von ihm sind eine Seltenheit. Das scheint ihn nicht zu stören. Er ist auch so, mit harter Hand, zu einem Symbol des deutschen Aufschwungs bei der Weltmeisterschaft geworden. Dass Deutschland an diesem Sonntag in Köln im Finale gegen Polen (Siehe auch: Liveticker Handball-WM) steht, dass es vom großen, vom goldenen Wurf träumen kann, ist nicht zuletzt das Verdienst eines Mannes wie Oliver Roggisch. Er ist ein prägnantes Beispiel für die deutschen Tugenden, für Behauptungswillen, für nimmermüden Einsatz. Für die Grundlage mithin des Spiels, mit dem das Team des schnauzbärtigen Bundestrainers Heiner Brand die Nation in diesen Tagen in ihren Bann zieht. Die Handballer sind, vorübergehend auf alle Fälle, zu Lieblingen des Landes geworden – als widerstandsfähige Athleten, als wahre „Deutschmänner“.
Der Mief örtlicher Turnhallen
Sie scheinen in besonderer Weise für die Werte zu stehen, die hierzulande hochgeschrieben werden. Für Disziplin beispielsweise, für Ordnung. Die Deutschen stürmten, vermeintlich schmerzresistent, mit bodenständiger Vehemenz, die auch der Bundestrainer verkörpert, in das Finale der WM. Dass Roggisch und Co. in den vergangenen Tagen eine beträchtliche Popularität erlangten, hat wesentlich mit diesen Charakterzügen zu tun. Mit der bedingungslosen Hingabe in einem Sport, der – anders als beim Fußball etwa – kaum Ruhepausen kennt. Der ständig höchste Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert, der sich als ein kurzatmiges Hin und Her präsentiert, der „60 Minuten Action“ bietet. So beschrieb Brand unlängst, selbst mitgerissen von der leidenschaftlichen Anteilnahme der Öffentlichkeit, die Faszination des Handballs. Manchmal, zu sehen beispielsweise im denkwürdigen Halbfinale gegen Frankreich, dauert das Spektakel auch länger.
Handball, ein „deutsches Spiel“ also. Ein Handwerk, das Konjunktur hat. Manchem im Lande mag es bis vor kurzem noch ein wenig bieder erschienen sein – zumal dem Handball lange der Mief örtlicher Turnhallen anhaftete und in diesem Sport einst Mittelständler wie ein Bäcker oder ein Metzgermeister als Mäzene das Sagen hatten. Noch immer setzt der Handball auch auf kleinere Sponsoren; ohne sie kommt er weiterhin nicht aus. Doch die Branche befindet sich in einem Wandel. Sie „verkauft“ ihr Produkt zunehmend als Event. Sie bemüht sich, Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Köln zu erobern. Im Liga-Alltag zeigte sich schon, dass dies möglich ist; während der Weltmeisterschaft waren sämtliche Hallen, auch die größeren, vollbesetzt. Die gestiegene Akzeptanz soll nun auch helfen, finanzstärkere Unternehmen zu gewinnen, um die Zukunft des deutschen Handballs und seiner Vereine wirtschaftlich zu sichern. Die Verantwortlichen des Deutschen Handball-Bundes glauben, dass die WM – sie war das längste Championat dieser Art aller Zeiten – wie ein Türöffner wirken werde.
Autogrammsammler im WM-Quartier
So möchte der Handball, der sich in der deutschen Sportlandschaft direkt hinter dem Fußball ansiedelt, in neue Dimensionen vorstoßen. Er rückt dem Fußball mit dem Feuer, das während der WM entfacht wurde, vielleicht sogar ein kleines Stückchen näher. Doch er ist natürlich weit davon entfernt, jemals die Bedeutung des Fußballs zu erreichen – oder ein überhitztes Klima zu erzeugen, wie das beim „großen Bruder“ häufig der Fall ist. Die Welt des Handballs wird überschaubar bleiben. Seine Protagonisten sind auch nicht Allgemeingut wie die Stars des Fußballs; sie werden auch jetzt, trotz des enormen Erfolges, volksverbunden bleiben. Ihr Privatleben bleibt in der Regel geschützt, das öffentliche Interesse daran ist ohnehin gering. Nur selten bringt der Handball wirklich schillernde Figuren hervor; der extrovertierte Magdeburger Stefan Kretzschmar bildete eine Ausnahme. Das Metier kennt kein Feilschen um Millionengehälter oder hohe Prämien, kaum aufsehenerregende Transfers ins Ausland; dafür ist es zu klein. Nur einer der gebürtigen Deutschen im Team 2007, Christian Schwarzer, zog einmal vorübergehend in die Fremde: Der robuste Lemgoer Kreisläufer, der mit seinem Comeback gleich wieder zu einer Galionsfigur in Brands Gemeinschaft aufstieg, war einst für den FC Barcelona am Ball.
Handballer offenbaren Erdennähe, das ist eines ihren speziellen Merkmale. Sie können sich das, da sie immer noch eine Art Jedermänner sind, auch leisten. Sie werden geschätzt, derzeit sogar verehrt, aber schließlich nicht vereinnahmt. Auch wenn nach Länderspielen häufig jugendliche Fans kreischend auf sie zueilen und sie umringen. Mancher Autogrammsammler gelangte auch in ihr WM-Quartier in Wiehl im Oberbergischen Kreis, ohne von Bodyguards behelligt zu werden. Man kann sich ja auch ohne große Umstände beim Bundestrainer melden. Sein Name steht im Gummersbacher Telefonbuch: Brand, Heiner, Diplomkaufmann. Vermutlich wird sich daran auch nichts ändern, wenn er und seine Gefolgsleute in Köln nun den Gipfel erklimmen. Und Deutschland wird dann aus dem Häuschen sein – und ein Team feiern, in dem es sich offenbar, ein wenig zumindest, wiedererkennt.