Interview
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"Wenn Heiner Brand laut wird, ziehen Sie den Kopf ein"
Der Regisseur Winfried Oelsner dreht bei der Handball-WM einen Film über die deutsche Nationalmannschaft
Herr Oelsner, Sie drehen bei der Handball-Weltmeisterschaft, die in zweieinhalb Wochen beginnt, einen Film über die deutsche Mannschaft. Ist der Fußball-Film "Deutschland - ein Sommermärchen" von Sönke Wortmann Ihr Vorbild?
Ich finde Wortmanns Film erstmal gelungen, denn es hat mir Spaß gemacht, ihn anzuschauen. Die Stimmung kam gut rüber, er war schon ganz nett.
Aber?
Aber aus dokumentarischer Sicht war ich enttäuscht, denn mir hat so ein bisschen die inhaltliche Tiefe gefehlt. Ich habe weder die Spieler näher kennengelernt noch den Trainer, noch habe ich ein Gefühl dafür bekommen, wie so eine Weltmeisterschaft eigentlich funktioniert. Was da so vor sich geht. Das ist genau das, was ich bei meinem Film anders machen will.
Wie wollen Sie vorgehen?
Es geht in dem Film nicht darum, ob die Mannschaft eine 6:0- oder eine 5:1-Abwehr spielt. Diese Details interessieren mich nicht. Ich bin auch kein Handball-Experte. Ich möchte viel mehr in die inhaltliche Tiefe gehen. Ich möchte Fragen nachgehen: Wie funktioniert ein Team? Wie kann man den inneren Schweinehund überwinden? Wie geht man mit dem äußeren Druck um? Wie ist das Verhältnis von Konkurrenten innerhalb der Mannschaft, wie funktioniert dabei gleichzeitig das Teambuilding?
Es soll also hauptsächlich um die Psyche der Handballer gehen?
Ich will auch das ganze Umfeld beleuchten. Die Handballer haben einen Motivationstrainer, sie haben Physiotherapeuten und Ärzte. Die ganze Maschine, die da bei einer WM ins Rollen gebracht wird, ist das, was mich interessiert und was den Profisport ausmacht. Davon soll mein Film handeln.
Wie zeigt man all das am besten?
Man kann es zeigen, indem man es einfach beobachtet. Wir gehen natürlich auch Fragen nach, die jeden Tag in der Sportpresse gestellt werden: Warum können Spieler ihre Leistung abrufen, warum können sie nicht ihre Leistung abrufen? Wie funktioniert eine Hierarchie in der Mannschaft? Aber unser Vorteil ist, dass wir die ganze Zeit dabei sein werden. Es gibt keine Tabuzonen.
Sie dürfen überall filmen?
Ja, und wir sind zu zweit. Ich werde eine Kamera führen, und es gibt noch einen Kameramann. Dadurch haben wir die Möglichkeit, visuell anspruchsvoller zu arbeiten als Wortmann. Er hat die Kamera ja hier und da mal weglegen müssen. Das wird bei uns nicht der Fall sein. Wir haben da schon mehr dokumentarische Ansprüche. Ich hoffe, dass wir viele Situationen abbilden können, die man sonst nur aus Interviews kennt. So soll beim Zuschauer das Gefühl entstehen, er wäre selbst dabei, er wäre selbst Spieler und würde den Tross durch die Weltmeisterschaft begleiten.
Sie bleiben immer nah an der deutschen Mannschaft?
Wir wollen einen Blick von außen auf das Geschehen haben und gleichzeitig von innen dabei sein. Auch da wollen wir dramaturgisch ein bisschen weiter gehen und nicht nur die Mannschaft begleiten. Wir wollen uns lösen von der klassischen TV-Berichterstattung, wie man sie kennt. Wir wollen eine dritte Kamera haben, die das Geschehen von außen begleitet. Wir wollen das Phänomen des Handballs in der Halle zeigen. Das finde ich faszinierend: Dadurch, dass in der Halle gespielt wird, ist alles wesentlich enger und lauter und dichter und dramatischer. Diese Energie, die da herrscht, die ist schon unglaublich.
Hat der Deutsche Handball-Bund anfangs nicht gezögert, Sie nah an die Mannschaft zu lassen?
Stephan Limbach, der Produzent des Films, hat zuerst mich angesprochen. Er hat gesagt, ich plane da einen Film und ich suche einen Regisseur, der sportinteressiert ist, der auch einen Blick von außen auf die Sache hat. Hättest du Lust, so was zu machen? Da habe ich spontan Ja gesagt. Dann hat Stephan Limbach beim DHB angerufen, und danach waren wir sehr schnell beim Bundestrainer Heiner Brand.
Bei ihm zu Hause?
Ja, genau. Der meinte: Kommt mal vorbei, kommt nach Gummersbach! Da sehen Sie schon, im Handball sind die Verhältnisse ein bisschen anders als im Fußball. Wir sind dann hingefahren und waren auch gleich eine Stunde zu spät, weil wir im Stau standen. Es war uns entsetzlich peinlich. Aber er meinte: Kommt Jungs, kein Problem.
Und dann?
Wir haben ihm dann unser Projekt vorgestellt. Wir haben ihm gesagt: Es soll kein Imagefilm werden, wir wollen natürlich eine inhaltliche Unabhängigkeit haben. Er hat gesagt, das findet er spannend, aber er hat natürlich das Problem, dass die Mannschaft sich auf keinen Fall gestört fühlen darf und dass die Konzentration nicht leiden darf. Daraufhin haben wir vereinbart, dass wir eine Testphase machen.
Das hat funktioniert?
Diese Testphase war ein Trainingslehrgang im Sommer. Und im Oktober der World Cup in Norddeutschland und Schweden. Da waren wir dabei. Dann wurde beratschlagt, und die Mannschaft und der Trainer haben gesagt: Okay, ihr stört uns nicht. Wir würden das Projekt gerne machen.
Was ist Ihnen in der Testphase an der Mannschaft aufgefallen?
Ich habe gemerkt, dass der Druck steigt. Im Sommer war da noch eine viel entspanntere Stimmung in der Mannschaft. Im Oktober, beim World Cup, hat man gemerkt, dass der Adrenalinpegel steigt. Wenn Sie den Spielern ins Gesicht schauen, merken Sie: Vorher ist die Weltmeisterschaft noch weit weg gewesen, aber jetzt steht sie immer mehr im Vordergrund. Jetzt wird der Level hoch gefahren.
Schreit Heiner Brand in der Kabine so wie Jürgen Klinsmann?
Nein. Heiner Brand, das merkt man ganz deutlich, ist ein erfahrener Trainer, der immer die richtigen Worte findet, der sehr ruhig, sehr sachlich ist. Aber er ist nicht nur ruhig und besonnen. Er kann auch laut werden. Und wenn Heiner Brand laut wird, ziehen Sie den Kopf ein. Er reagiert immer der Situation gemäß. Er hat nicht ein Schema, eine Motivationsmethode, die er immer durchzieht. Er achtet sehr auf das jeweilige Spiel und auf die jeweilige Stimmung und gibt den Spielern dann den entsprechenden Impuls, den sie brauchen: ob das mehr Konzentration ist, mehr Energie oder mehr Aggressivität. Das ist für mich ja das Interessante: Wie kann ein Trainer die Spieler erreichen? Welche Möglichkeiten hat er, ein Spiel dann doch noch in der Kabine zu beeinflussen?
Haben Sie schon das Gefühl, die Mannschaft zu kennen?
Ja und Nein. Das Problem war, dass die Mannschaft in der Vorbereitung ja oft durcheinander gewirbelt wurde wegen der vielen Verletzungen. Es kam ja nie die Stammbesetzung zum Zuge, die man jetzt in der Aufstellung findet. Aber ich habe gemerkt, dass die alten Hasen Führungsspieler sind, besonders Markus Baur als Kapitän. Da laufen die Fäden zusammen, da herrscht eine enge Verbindung zum Trainer. Die jüngeren Spieler wie Lars Kaufmann, die müssen ihren Platz noch ein bisschen finden. Sie haben noch nicht diese Lockerheit und Entspanntheit wie die, die schon ein paar Jahre dabei sind. Aber es gibt keinen Wasserträger und keinen Ballträger, da legt die Mannschaft auch Wert drauf. Es gibt keine klassischen, klaren Hierarchien.
Gibt es einen Mannschaftsclown?
Clown würde ich nicht sagen. Aber es gibt schon lustige Leute: Florian Kehrmann und Pascal Hens fallen mir da ein, die haben immer einen Spruch auf den Lippen, die sind die Stimmungsmacher.
Wie hat sich die Mannschaft vor der Kamera bewegt?
Eigentlich relativ ungezwungen. Die Mannschaft hat natürlich erstmal geguckt: Was macht der da? Wie sieht das aus? Was dürfen wir? Was dürfen wir nicht? Und ich habe gesagt: Leute, es geht nicht darum, dass ihr irgendwas dürft. Ihr müsst einfach so sein, wie ihr immer seid. Genau das interessiert die Leute: Wie funktioniert eine Mannschaft, wenn die Türen zugehen?
Hat die Mannschaft schnell vergessen, dass sie gefilmt wird?
Man gewöhnt sich relativ schnell an die Kamera, nach ein paar Tagen. Dann ist es so, als wäre ich unsichtbar. Ich bin aber auch nicht wie ein TV-Journalist losgegangen und habe ständig Fragen gestellt. Ich war einfach nur dabei und habe beobachtet, sozusagen wie die Fliege an der Wand. Das hat die Mannschaft sehr gut gefunden. Sie meinte: Wir merken dich gar nicht. Es ist also nicht eine Schlüssellochperspektive, ich lauere nicht immer irgendwo hinter einer Ecke. Ich bin dabei, ich stehe neben denen.
Führen Sie keine Interviews mit den Spielern, Trainern, Betreuern?
Doch. Aber wo, das weiß ich noch nicht. Natürlich bieten sich die Zimmer an, weil das der Platz ist, wo man für sich alleine ist. Von daher kann es sein, dass diese Szenen vom Bild her dem Wortmann-Film ähneln. Trotzdem hoffe ich, dass meine Interviews tiefer gehen. Aber so, wie ich die Jungs kennengelernt habe, bin ich mir da auch ziemlich sicher. Die haben einfach mehr zu sagen als die Fußballer.
Gibt es weitere Unterschiede?
Die Mannschaft kenne ich ja mittlerweile gut. Das sind sehr nette Jungs. Ich glaube, dass sie wesentlich bodenständiger sind als die Fußballer, nicht so unnahbar. Da ist einfach eine größere Offenheit da. Es ist noch nicht dieses Kleinunternehmertum, sie haben noch nicht diesen Imagegedanken im Kopf.
Das kann Ihrem Film nur helfen.
Wortmann hat natürlich mit ganz anderen Vorgaben gearbeitet als ich: Bei ihm kennt man die Leute. Bei mir muss man sie erstmal kennenlernen, was ich viel spannender finde. Es ist nicht so, dass wir jetzt einen Abklatsch machen nach dem Motto: Was der Fußball vorgemacht hat, macht der Handball nach, nur eine Nummer kleiner. Wir haben mit unserem Vorhaben lange vor der Fußball-WM begonnen. Als Vorbild nehme ich mir sowieso eher den Film Höllentour von Pepe Danquart. Der macht genau das, was ich auch möchte: Er stellt den Sport dar und kommt gleichzeitig auch den Protagonisten nahe.
Filmen Sie die deutschen Handballer auch in der Zeit bis zur WM?
Am 3. Januar gehe ich mit der Mannschaft ins Trainingslager.
Und nach der Weltmeisterschaft kommt der Film ins Kino?
Wir sind mit verschiedenen Fernsehsendern im Gespräch. Wir wünschen uns natürlich, dass der Film auch ins Kino kommt. Aber da muss man erstmal abwarten, wie die WM verläuft. Natürlich wird der Film nie die Massenwirkung haben wie der Fußball-Film.
Wissen Sie schon, wie Ihr Film heißen wird?
Nein. Titel bewahre ich mir immer bis zum Schluss auf.
Interview: Andreas Lesch