Fußball-WM 2010
Gastgeber mit Kamikaze-Mentalität
Von Thomas Scheen, Johannesburg
04. Oktober 2006 Joseph Blatter, der gestrenge Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), irrte, als er den Südafrikanern unterstellte, noch keinen Spatenstich für die Weltmeisterschaft 2010 getan zu haben. Es gibt ihn nämlich, den ersten Spatenstich: Versteckt hinter Sichtblenden im Johannesburger Nobelviertel Rosebank buddeln sich seit rund zwei Monaten Arbeiter in die Erde. Sie bauen den ersten unterirdischen Bahnhof des Landes, der dereinst Knotenpunkt für die Schnellzugverbindung vom Johannesburger Flughafen über die Innenstadt und weiter nach Pretoria sein soll.
Der nach der Provinz Gauteng benannte „Gautrain” gilt als das Prestigeobjekt schlechthin der kommenden WM. Nur leider wird bis 2010 lediglich die erste Trasse vom Flughafen in die Stadt fertig werden. Und auch das könnte - nach Eingeständnis der Baufirma - äußerst knapp werden (Siehe auch: WM 2010 in Südafrika: „Es wird noch viel Ärger geben”).
Stadien aus Gips
Südafrika geht das Thema WM so gelassen an, daß Umfragen zufolge ein Drittel der Bevölkerung nicht mehr an die Ausrichtung glaubt. Die vier neu zu bauenden Stadien (Kapstadt, Port Elizabeth, Durban und Nelspruit) existieren bislang nur als Gipsmodelle. In den sechs umbaubedürftigen Arenen (Rustenburg, Bloemfontein, Pretoria, Polokwane sowie Soccer-City-Stadion und Ellis-Park-Stadion in Johannesburg) hat sich ebenfalls noch nichts getan. Womit die südafrikanische Regierung abermals ihrem Ruf gerecht wird, heimlicher Weltmeister in der Kategorie folgenloser Power-Point-Präsentationen zu sein.
Auf die zunehmende Kritik des Weltverbandes aber reagiert Südafrika wie gewohnt - nämlich beleidigt. Der Generalmanager des FNB-Stadions in Johannesburg, Dennis Mumble, verbat sich in einem Interview mit dem deutschen Fernsehen jede Kritik. Der Vorsitzende des südafrikanischen Organisationskomitees, Danny Jordaan, hat Franz Beckenbauer in einem Brief gefragt, wie er dazu komme, den künftigen Ausrichter zu kritisieren. Beckenbauer hat sich indes entschuldigt. „Es tut mir leid, daß meine Aussagen falsch dargestellt worden sind. Ich werde alles mir Mögliche tun, um die WM 2010 in Südafrika zu unterstützen”, schrieb Beckenbauer an Jordaan.
Finanzierung? Folgekosten? Spätere Auslastung?
Die neue Kapstädter Bürgermeisterin Hellen Zille hat den Neubau eines Stadions in Greenpoint zunächst auf Eis gelegt, weil die Regierung der Stadt per Federstrich den Löwenanteil der Kosten von geschätzten 200 Millionen Euro überantworten wollte. Mittlerweile sei ein Kompromiß gefunden worden. Nicht zufällig versucht die Regierungspartei ANC seither, die oppositionelle Politikerin Zille per Verfassungsänderung zur Frühstücksdirektorin zu degradieren.
Der Streit um die Finanzierung des Greenpoint-Stadions zeigt exemplarisch das gegenwärtige Dilemma Südafrikas. Auf dem Papier sieht alles wunderbar aus. Nur um solche Kleinigkeiten wie Finanzierung, Folgekosten und spätere Auslastung der neuen Arenen scheint sich keiner gekümmert zu haben. Während Deutschland vier Jahre vor WM-Beginn sämtliche Finanzierungs- und Baupläne vorlegen konnte, ergeht sich Südafrika drei Jahre vor seiner WM in Diskussionen. Dabei hat die Regierung ihren Baukostenzuschuß mittlerweile auf rund 630 Millionen Euro verdoppelt. Hinzu kommt der Beitrag der Fifa, der für die WM in Deutschland bei 170 Millionen Euro lag - von denen der Weltverband jedoch 40,8 Millionen Euro zurückbekam. Das wird für Südafrika nicht reichen. Die Rede ist vielmehr von knapp einer Milliarde Euro. Und von ihrer ursprünglichen Forderung, daß die Arenen bis 2008 fertiggestellt sein sollen, mußte die Fifa mittlerweile Abstand nehmen.
„Südafrika bekommt ein Kindermädchen”
Es wird eng, und insofern trafen die Johannesburger Zeitungen wohl den Nagel auf den Kopf, als sie die Entsendung des bisherigen Generalsekretärs des Deutschen Fußball-Bundes, Horst R. Schmidt, als Krisenmanager ans Kap folgendermaßen beschrieben: „Südafrika bekommt ein Kindermädchen” (Siehe auch: Fifa holt Schmidt als Berater für WM 2010). Die Liste der Baustellen ist tatsächlich ellenlang. Neben den Arenen müssen die Infrastruktur ausgebaut und Hotels errichtet werden. Die im Fifa-Katalog geforderten Straßenbahnen und U-Bahnen gibt es schlichtweg nicht, und es wird sie mit Ausnahme des „Gautrains” auch nie geben.
Das Eisenbahnnetz ist spärlich ausgebaut und der Service der Betreiberfirma so überzeugend, daß die aufgebrachte Kundschaft in regelmäßigen Abständen Waggons abfackelt. 14,6 Milliarden Rand (umgerechnet 1,6 Milliarden Euro) will die Regierung in Infrastrukturmaßnahmen investieren, zu denen auch der „Gautrain” zählt. Gleichwohl soll das Geld überwiegend in den Ausbau von Flughäfen und Straßen fließen.
Hohe Verbrechensraten
In seiner Not erwägt das Organisationskomitee, die Spiele einer Vorrundengruppe möglichst in einer Stadt austragen zu lassen, um die Bewegungen der erwarteten 500.000 Besucher auf ein Minimum zu reduzieren. Immerhin will die Regierung durch eine Rekapitalisierung der Taxibetriebe bis 2010 das innerstädtische Fortkommen garantieren und gleichzeitig die schrottreifen Minibusse von den Straßen holen. Auf das Bild aber, wenn 10.000 Minibusse versuchen, 80.000 Zuschauer vor dem Soccer-Stadion in Johannesburg abzuladen, darf man gespannt sein. Ohnehin stellt sich die Frage, was eigentlich gefährlicher ist: der technische Zustand der Fahrzeuge oder die Kamikaze-Mentalität ihrer Fahrer, an der auch ein brandneues Fahrzeug so schnell nichts ändern wird.
Als ob das nicht genug Probleme wären, leidet Südafrika zusätzlich unter einer der höchsten Verbrechensraten der Welt. Die jüngste Kriminalstatistik liest sich wie ein Dokument des Grauens: 18.793 Morde wurden im abgelaufenen Jahr zwischen Tafelberg und Limpopo verübt, das sind mehr als 50 Morde täglich. Dazu kamen 55.000 Vergewaltigungen und knapp 120.000 Raubüberfälle. Auf Johannesburger Autobahnen kann es passieren, daß ein vorausfahrender Geldtransporter unvermittelt gerammt wird und 20 Gangster mit Kriegswaffen auf alles schießen, was sich dem Fahrzeug nähert. Solche Zustände aber als generelles Handicap für einen WM-Ausrichter ins Feld zu führen, wie es der brasilianische Ewig-Fußballer Pelé tat, ist scheinheilig. São Paulo ist ein ähnlich gefährliches Pflaster wie Johannesburg, von den Städten in Kolumbien, die sich leise bereits als Ersatz für Südafrika empfehlen, ganz zu schweigen.
Mali als Vorbild?
Gleichwohl verbirgt sich hinter der südafrikanischen Kriminalitätsrate ein Dilemma, das Auswirkungen auf die WM haben könnte - nämlich die offensichtliche Inkompetenz der schlecht bezahlten und schlecht ausgerüsteten Polizei. Wie diese Truppe mit Hooligans aus dem Ausland fertig werden will, bleibt vorerst ihr Geheimnis; und an die gesellschaftspolitischen Folgen, die um sich schlagende Weiße auf das labile Rassengleichgewicht in Südafrika haben werden, mag man gar nicht denken.
Wer es gut meint mit dem Land, der vergleicht die derzeit niederprasselnde Kritik an den schleppenden WM-Vorbereitungen mit der Kritik an Mali, als dort 2002 der Cup der Afrikanischen Nationen (Can) ausgerichtet wurde. Nie und nimmer, tönte es damals aus dem Alternativstandort Tunesien, würden die Malier ihre Stadien fristgerecht gebaut sowie ihre Straßen repariert bekommen. Die Malier schafften es trotzdem, wenn auch auf den buchstäblich letzten Drücker und mit zuletzt massiver Unterstützung französischer Spezialisten. Richtig ist, daß der Can-Wettbewerb keine Weltmeisterschaft ist. Aber Südafrika ist auch nicht Mali.
Wirtschaftliche und politische Emanzipation
Die Kritiker verkennen den ungeheuren politischen Stellenwert, den die Ausrichtung der ersten WM in Schwarzafrika für das Land am Kap hat. Das Schwellenland Südafrika geriert sich gern als gleichwertiger Partner der entwickelten Länder, und die WM ist der Lackmustest. Für Präsident Thabo Mbeki, der 2010 nicht mehr im Amt sein wird, ist die Fußball-Weltmeisterschaft zudem so etwas wie ein politisches Vermächtnis. Nelson Mandela steht für das Ende der Apartheid und damit die Rückkehr des geächteten Südafrika in die Staatengemeinschaft.
Sein Nachfolger Mbeki arbeitet an seinem eigenen Denkmal, nämlich als Architekt der wirtschaftlichen und politischen Emanzipation des Landes in die Geschichtsbücher einzugehen. Sein Anspruch ist, daß Südafrika international ernstgenommen wird, und kein Symbol ist dafür besser geeignet als ein globales Ereignis wie die Fußball-WM.
200.000 Euro pro Monat für Parreira
Und da es in Südafrika zwar an allem mangelt, aber paradoxerweise nicht an Geld, wird die Regierung sich die nötige Expertise notfalls im Ausland einkaufen - wie sie es mit dem neuen Trainer der Nationalmannschaft gemacht hat, dem ehemaligen brasilianischen Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira (Siehe auch: Fußball-Trainer: Parreira zieht es nach Südafrika). 1,8 Millionen Rand (200.000 Euro) wird Parreira pro Monat verdienen. Das finden selbst die fußballverrückten schwarzen Südafrikaner ein bißchen zuviel des Guten. Die Zeitung „Daily Sun” rechnete vor, daß für dieses Salär jeden Monat 36 Sozialwohnungen errichtet werden könnten.
Doch wie gesagt: Die WM ist für Südafrika weniger ein sportliches als ein politisches Großereignis, und da spielt Geld keine Rolle. Ob Parreira aus den grottenschlechten Kickern der Bafana Bafana's aber eine wettbewerbsfähige Mannschaft formen kann, steht auf einem anderen Blatt.