Handball-Bundesligist HSG Wetzlar holt Marcus Hock vom Liga-Rivalen MT Melsungen. Wie Rainer Dotzauer, der Manager der Truppe aus Dutenhofen und Münchholzhausen, gestern auf Nachfrage dieser Zeitung bestätigte, liegt dem 24-Jährigen ein Vertrag vor. "Ich erwarte seine Unterschrift bis zum Wochenende", erklärte der starke Mann der Grün-Weißen, der am Montag in der Augenklinik in Gießen an der rechten Netzhaut operiert wurde und sich inzwischen auf dem Wege der Besserung befindet.
Hock, der im linken Rückraum der HSG zusammen mit Lars Kaufmann für Akzente sorgen soll, kam am Samstag beim 36:32-Erfolg der Nordhessen gegen Wetzlar nur wenige Minuten zum Einsatz. Rastislav Trtik, tschechischer Coach des Neulings, ließ den am Sonntag 24 Jahre alt gewordenen Hock weitgehend auf der Bank schmoren, da er vom Wetzlarer Interesse Wind bekommen hatte.
Der in Aschaffenburg geborene und vor seinem Wechsel zur MT Melsungen für den Regionalligisten TV Kirchzell auflaufende Hock warf in dieser Saison 40 Tore, ist auf der "Königsposition" des Aufsteigers jedoch nur die Nummer zwei hinter dem Griechen Grigorios Sanikis. Der zehnfache Junioren-Nationalspieler, 1,98 m groß und 94 kg schwer, ist bei dem Team aus dem Wetzlarer Osten Neuzugang Nummer drei nach Linksaußen Michael Allendorf von der SG Wallau/Massenheim und Spielmacher Timo Salzer vom Süd-Zweitligisten TV Kornwestheim.
Dass die nach zuletzt nur mit einem Sieg aus neun Partien aufwartende und inzwischen in den Abstiegskampf verstrickte HSG Wetzlar weiter auf die Jugend setzt, verdeutlicht die Tatsache, dass Dotzauer auch ein Auge auf Tim Schneider (17) vom Oberligisten HSG Pohlheim, A-Jugend-Nationalspieler Steffen Fäth (16) vom Landesligisten VfL Goldstein sowie Stefan Lex aus der eigenen B-Jugend geworfen hat. "Sie alle könnten uns langfristig weiterhelfen", erläutert Dotzauer, der an seinem Personalkonzept, junge Spieler, wenn möglich aus der Region, in die Bundesliga-Mannschaft zu integrieren, trotz aller zuletzt aufkeimenden Kritik an seiner Person festhält: "Bei uns im Verein herrscht diesbezüglich Einigkeit. Da sind wir kompromisslos, denn wir werden weiter nur das Geld ausgeben, das wir auch zur Verfügung haben."
"Wir wollen nicht so enden wie Niederwürzbach, Wallau, Eitra oder Essen"
Denn: "Wir wollen nicht so enden wie die SG Wallau/Massenheim, TuSEM Essen, der TV Niederwürzbach, der OSC Rheinhausen, der TSV Milbertshofen oder der TV Eitra." Zur Erinnerung: Sie alle gingen pleite und sind heute von der bundesdeutschen Handball-Landkarte verschwunden.
Der 58-Jährige erinnert daran, dass "uns Eigengewächse, Risiko-Verpflichtungen und ungewöhnliche Personalentscheidungen jahrelang am Leben gehalten haben." Den Aufstieg von der Kreis- bis in die Bundesliga vergleicht Dotzauer mit einem Marathon, "bei dem wir kurz vor dem Ziel nicht ohnmächtig werden dürfen."
Zehn Prozent an Einnahmen durch Sponsoren fehlen gegenüber der letzten Saison
Damit dies nicht passiert, damit der HSG weder finanziell noch sportlich die Puste ausgeht, haben die Verantwortlichen der Grün-Weißen Vorkehrungen getroffen. "Uns fehlen trotz der guten Vermarktung unseres Partners EFM gegenüber der vergangenen Saison rund zehn Prozent an Sponsoren-Einnahmen. Der Umzug in die Arenabedeutet für uns inklusive der VIP-Betreuung, der Hallenmiete und der Mehrkosten für den Ticket-Verkauf einen Mehraufwand zwischen 200 000 und 300 000 Euro pro Spielzeit", erklärt Dotzauer, der damit auch die Rückholaktionen von Damir Radoncic ("Mit ihm haben wir 8:8-Punkte geholt") und von Gennadij Chalepo vom Zweitligisten TV Hüttenberg rechtfertigt: "Alleine die Differenz, die wir in den Monaten Januar bis Juni eingespart haben, da wir Christian Caillat nach Kronau abgegeben und Chalepo geholt haben, ist größer als die Summe, die unser neuer Sponsor Rittal bezahlt." Der gebürtige Weißrusse wird nur noch in dieser Runde als Spieler zur Verfügung stehen und sich ab Sommer zusammen mit Co-Trainer Axel Spandau ganz der Jugendarbeit des Klubs widmen.
Doch Dotzauer weiß auch, dass Männer wie Marcus Hock, Timo Salzer und Michael Allendorf der HSG Wetzlar noch lange kein Bundesliga-Bestehen garantieren. "Wir brauchen Schlüsselpieler und werden diese auch nicht abgeben", stellt der Manager klar, dass neben Trainer Dragan Markovic (Dotzauer: "Er ist der Richtige für uns") auch Torwart Valter Matosevic, Regisseur Nebojsa Golic, Lars Kaufmann, Robert Sighvatsson und Savas Karipidis in jedem Fall in Dutenhofen bleiben werden. "Sie sind das Korsett der Mannschaft und werden unsere jungen Leute wie Mario Clößner und Andreas Lex führen."
Dagegen wird ein Abschied des griechischen Linkshänders Alexis Alvanos immer wahrscheinlicher. Hinter dem 25-Jährigen ist inzwischen nicht nur die halbe Bundesliga her, sondern auch namhafte Klubs aus Spanien haben dem vor zwei Jahren von Panellinios Athen gekommenen Nationalspieler der Hellenen inzwischen den Kopf verdreht. "Wir hören uns an, wer was bezahlen will", stellt Dotzauer klar, dass noch keine Entscheidung gefallen ist.
Doch der Macher der HSG weiß auch: "Wenn internationale Klassemannschaften wie der VfL Gummersbach, die SG Flensburg-Handewitt, der SC Magdeburg oder die Spanier von Ademar Leon mitbieten, dann können wir Alvanos nicht halten." Der begehrte Linkshänder selbst scheint nicht abgeneigt, seinen noch bis 30. Juni 2007 datierten Vertrag vorzeitig aufzulösen: "Ein Wechsel zu einem großen Klub wäre super für mich. Jeder Profi möchte eine solche Chance wahrnehmen. Ich glaube, wir müssen uns unterhalten."
Alexander Fischer