Ich werfe mal ein meiner Meinung nach recht interessantes Inerview mit Hertha Manager Deiter Hoeneß in die Runde. Ich hab den Teil zur Jugendarbeit mal kursiv gestellt.
EDIT: quelle Frankfurter Sonntagszeitung (nicht online verfügbar)
ZitatAlles anzeigen"Als ich kam, schimpfte man ja nicht mal über Hertha"
Manager Dieter Hoeneß über den Wert der Nachwuchsarbeit, den Grund der Verbindlichkeiten und mögliche Partnerschaften
Sie haben bei der Mitgliederversammlung gesagt, es sei gesellschaftspolitische Aufgabe, zu Hertha BSC zu gehen. Ist Fußball in Berlin patriotische Pflicht?Das war ein bißchen provokant. Ich will deutlich machen, daß Hertha BSC, im Verhältnis zu dem, was hier vor neun Jahren war, Erwartungen ausgesetzt ist wie kein anderer Verein. Hertha ist in dieser Stadt wieder ein wichtiges Thema. Man freut sich über Erfolge und ärgert sich über Niederlagen. Als ich kam, schimpfte man ja nicht einmal mehr über Hertha. Der Zuschauerschnitt lag bei 5000.
Aber man kommt nicht zu Hertha.
Na ja, zumindest zehnmal mehr als vor neun Jahren, aber das ist noch nicht zufriedenstellend. Auch für die Gutbetuchten ist es noch keine Selbstverständlichkeit, sich eine VIP-Karte zu kaufen. Durch die Mauer verschwanden der Mittelstand und mittelständische Unternehmen. Berlin ist wie Hertha im Werden, auch in dieser Hinsicht. Wir hatten gehofft, die 15 Millionen Euro Mindereinnahmen durch den Umbau des Olympiastadions mit den deutlich verbesserten Vermarktungsmöglichkeiten der Business-Seats schnell zu refinanzieren. Das ist schwieriger als gedacht.
Würden mehr Zuschauer kommen, wenn Sie mehr Brasilianer hätten wie Marcelinho und Gilberto? Oder setzen Sie auf Berliner Integrationsfiguren wie Boateng, der beim Europapokalspiel in Genua seinen zweiten Einsatz in der Startelf hatte?
Das eine tun, ohne das andere zu lassen, ist unser Konzept, das wir seit der Kirch-Krise umsetzen. Wir beginnen die Früchte der Nachwuchsarbeit zu ernten, die wir vor acht Jahren begonnen haben.
Zwingt nicht immer erst wirtschaftliche Not Bundesligavereine dazu, Nachwuchs einzusetzen?
Das ist bei uns anders. Als wir diesen Weg eingeschlagen haben, konnte man von wirtschaftlicher Not nicht reden. Hertha war im Aufbruch, und wir haben schnell die Champions League erreicht. Wir haben in ein Konzept investiert, anstatt für die drei, vier Millionen, die das im Jahr kostet, einen neuen Spieler zu holen. Wir haben 37 Nachwuchs-Nationalspieler ausgebildet. Das ist ein außergewöhnliches Ergebnis. Noch wichtiger: 13 davon sind im aktuellen Profikader; damit sind wir in der Bundesliga mit großem Abstand vorn.
Wie viele Spieler müssen aufsteigen, damit sich das Projekt rechnet?
Das ist nicht zu quantifizieren. Es wäre gar nicht möglich, Personalkosten zu reduzieren, wenn wir nicht starke Nachwuchsspieler ausbilden würden. Wir könnten uns die Friedrich und Bastürk, die Simunic, Gilberto und Marcelinho nicht leisten, wenn wir nicht die Fathi und Madlung, Marx und Boateng hätten. Auch Nando Rafael kann man dazuzählen.
Er kommt von Ajax Amsterdam.
Aber er war gerade 18, als er vor vier Jahren zu uns kam. Er hat nicht vier Millionen, sondern 200 000 Euro Ausbildungsentschädigung gekostet.
Besteht der Wert des Nachwuchses in seiner Einsatzfähigkeit für Hertha, oder streben Sie Transfererlöse an?
Zunächst geht es um Einsätze für Hertha. Transfererlöse sind dann die logische Konsequenz. Selbst zu unseren Amateurspielen kommt eine Reihe von Spähern aus ganz Europa. Langfristig wollen wir das, was man als Ajax-Schule bezeichnet hat oder wofür man Nantes in Frankreich rühmte, hier erreichen.
Wird das Rendite bringen? Ich spiele auf Ihr Zitat von Bernd Hoffmann an, dem Präsidenten des HSV: "Es geht nur darum, maximalen sportlichen Erfolg zu haben bei gleichzeitiger Vermeidung der Insolvenz."
Dieses Zitat habe ich benutzt, um den Spagat darzustellen, in dem sich fast alle Bundesligavereine befinden. Das ist sicher überspitzt formuliert, allerdings langfristig haben wir nicht nur das Ziel, maximalen sportlichen Erfolg zu haben, sondern auch ein Festgeldkonto aufzubauen. Das wird allerdings noch eine Weile dauern.
Inwieweit ist die Risikobereitschaft des Managers ein Faktor in der Bundesliga-Konkurrenz?
Ich unterstelle, daß jeder Manager in der Bundesliga Erfolg haben will. Da geht es nicht um Risikobereitschaft, sondern um die Frage, wie weit das alles noch von Vernunft geprägt ist. Die Rechnung erscheint einfach: Soviel Geld man bekommen kann, wird in einen Stürmer investiert, und wenn er - ich sag' mal - im letzten Spiel der Saison gegen Hannover 96 das entscheidende Tor schießt, ist der Verein in der Champions League und kann alles zurückzahlen. Wenn man nur den Stürmer holen muß und er das Tor schießt, geht die Rechnung auf.Bei Ihnen war es im letzten Spiel der letzten Saison nicht so: Der Treffer blieb aus.
Wir wollen uns nicht auf diesen einen sprichwörtlichen Stürmer verlassen. Deshalb investieren wir parallel in Substanz. Natürlich müssen wir sportliche Qualität schaffen, um die Wahrscheinlichkeit eines Erfolgs zu erhöhen. Aber wir müssen auch Risiken vorbeugen. Das hat uns das meiste Geld gekostet, in Verbindung mit Kirch-Krise und Stadionumbau.
Andere haben auch Stadien gebaut.
Sie haben investiert. Wir haben zeitweise auf einer Baustelle gespielt, die Einnahmen sind weggebrochen, aber sie sind nicht in Werte geflossen.
Bezahlt hat den Umbau die öffentliche Hand.
Das Stadion gehört dem Land Berlin. Wir bezahlen aber weitgehend den Betrieb. Ich will keine emotionale Diskussion. Wir sind der einzige stabile Mieter. Ohne die Einnahmen von Hertha könnte die Betreibergesellschaft nicht überleben.
Sie beklagen, daß Veröffentlichungen die Verhandlungen mit einem kommenden Hauptsponsor gestört hätten. Ist Transparenz ein Nachteil?
Sowieso. Wir Bundesligavereine sind gläsern wie kein anderes Wirtschaftsunternehmen in Deutschland.
Beklagen Sie das?
Ich konstatiere das. Was ich in letzter Zeit gehört habe, war nur ein Teil der Transparenz. Da ging es einseitig nur um Verbindlichkeiten und nicht um die geschaffenen Werte. Und zum Thema Transparenz: Alle Zahlen, die in den letzten zwei Wochen diskutiert wurden, haben wir vor elf Monaten bereits veröffentlicht.
Heißt konservativ zu wirtschaften, im Fußball Chancen auszulassen? Es gibt Vereine, die stolz darauf sind, schuldenfrei zu sein. Sie spielen in der zweiten Liga. Besteht da ein Zusammenhang?
Mich ärgert, wenn nicht zur Kenntnis genommen wird, daß Hertha BSC nicht seit dreißig Jahren ununterbrochen in der Bundesliga spielt. Wir mußten all das aufbauen, was unsere Wettbewerber hatten: Infrastruktur, ein Vereinsgelände, Nachwuchsarbeit. Daher kommt ein Großteil unserer Verbindlichkeiten. Wir wären schuldenfrei, wenn es nur um den Profibereich ginge; der ist kostendeckend und sehr erfolgreich. Wir sind zusammen mit Schalke 04 der erfolgreichste Aufsteiger der letzten 25 Jahre.
Wie geht es weiter?
Wir werden in den nächsten Monaten mit einem oder mehreren Partnern ein Finanzierungskonzept entwickeln mit dem Ziel, eine Umschuldung vorzunehmen. In den kommenden Jahren werden wir die Verbindlichkeiten sukzessive reduzieren. Es ist denkbar, daß wir einen strategischen Partner aufnehmen werden. Dafür gibt es Anzeichen, aber das ist kein kurzfristiges Ziel.
Das Gespräch führte
Michael Reinsch.
Kastentext:
"Wir sind zusammen mit Schalke 04 der erfolgreichste Bundesliga-Aufsteiger in den letzten 25 Jahren."
"Langfristig wollen wir beim Nachwuchs das erreichen, was man als Ajax-Schule bezeichnet hat."