Handball
Schwalb wird beim HSV als „letzte Patrone” eingesetzt
Von Frank Heike, Hamburg
07. November 2005 Auf der Fahrt durch die große Stadt schaltet Martin Schwalb lieber das Navigationssystem ein, es ist doch etwas anders hier als in Wallau oder Wetzlar. "Man entdeckt immer wieder neue Seiten von Hamburg", sagt Schwalb, "ich fühle mich pudelwohl. Daß ich jetzt wieder in einer Großstadt leben kann, war sicher kein Hinderungsgrund auf dem Weg zum HSV."
Der 42 Jahre alte Handball-Lehrer trainiert seit drei Wochen den HSV Hamburg; es ist einer der schwierigsten Jobs, den die Handball-Bundesliga zu vergeben hat. Und einer der reizvollsten. Schwalb sagt: "Ich sehe die Aufgabe hier als Riesen-Chance für mich. Der Reiz liegt darin, daß der HSV zu den Top-Adressen in der Bundesliga gehört." Wie chaotisch und immer wieder überraschend es bei diesem Retortenklub zugeht, zeigt die Tatsache, daß Schwalbs Vorgänger inzwischen sein Kollege ist: Christian Fitzek, am 17. Oktober als Cheftrainer beurlaubt, arbeitet nun als Sportdirektor bei den Hamburgern, Schwerpunkt Talentsichtung. Schwalb sagt fröhlich: "Wir haben keine Berührungsängste. Christian war mein Wunschkandidat für den Posten." Sie kennen sich seit 20 Jahren.
Mannschaft „in ein Loch gerannt”
Daß es mit den beiden so verschiedenen Männern an der Spitze des Klubs klappen kann, zeigte sich zum ersten Mal am Samstag abend: Vor knapp 5.000 Zuschauern in der Color Line Arena besiegte der HSV den VfL Pfullingen 26:20. Es war der dritte Pflichtspielsieg unter Schwalb, und die zarte Pflanze Hoffnung blüht, daß dem HSV nach dem Fehlstart unter Fitzek nun mit Schwalb doch noch eine vernünftige Saison gelingen könnte.
Schwalb will keine Erwartungen schüren. Er weiß, daß ihm zuversichtliche Prognosen in der Medienstadt Hamburg, die jede Regung des Handball-HSV registriert, im Mißerfolg sofort um die Ohren gehauen wird. Er sagt: "Wir können uns nichts vornehmen. Die Mannschaft ist durch die Erwartungen an sie in etwas hineingeraten, wo sie nicht hingehört. Sie ist dann in ein Loch gerannt. Da werde ich doch nicht der nächste sein, der Ziele setzt."
Was wollte er in Wetzlar?
Der erste, der die Ziele setzte, war der allmächtige Präsident Andreas Rudolph. Der erfolgreiche Medizintechnik-Unternehmer sagte im Sommer, dieser verstärkte HSV wolle einen Europapokalplatz und bald um die Meisterschaft mitspielen. Die Profis staunten und glaubten wohl selbst nicht dran: Nach 7:11 Punkten mußte der nüchterne Coach Fitzek gehen. Sofort wurden Rufe nach Schwalb laut; den charismatischen Nationalspieler von einst hatte Rudolph schon im Mai in der Nachfolge Bob Hannings haben wollen. Damals aber kämpfte Schwalb mit der SG Wallau/Massenheim verzweifelt um den Verbleib im Oberhaus, letztlich vergeblich, denn Wallau war pleite. Schwalb wechselte zum Provinzklub nach Wetzlar. Seine hoffnungsvolle Trainerkarriere schien zu versanden.
Schwalb war mit den jungen Wilden aus Wallau im Jahr 2001 Vierter der Bundesliga; er wurde zum "Trainer des Jahres" gewählt. Immer, wenn ein lukrativer Job zu vergeben war (wie 2003 bei der SG Flensburg-Handewitt), fiel sein Name - was wollte er nun in Wetzlar? Er sagt: "Ich möchte nichts vergleichen. Wallau war klasse, auch in Wetzlar habe ich mich wohl gefühlt. Alle Stationen waren und sind reizvoll." Und doch ist es mehr als nur der Reiz Hamburgs. Denn Schwalb ist "die letzte Patrone" des HSV, wie Präsident Rudolph gewohnt martialisch sagt.
„Man kann die Pferde nicht immer wieder im Galopp wechseln”
Das heißt: mit Schwalb als Galionsfigur muß die sportliche und wirtschaftliche Konsolidierung gelingen. Auf dem Weg dahin hatte Hanning viel geleistet, doch verlor Rudolph damals im Frühjahr die Nerven und entließ ihn nach einer Niederlagenserie. Das Bild des nie zur Ruhe kommenden Skandalklubs HSV hatte sich da in den Köpfen der Betrachter längst festgesetzt. Nun soll Schwalb es richten, spürt er diesen Druck? "Ich empfinde den Druck als positiv. Ich bin doch schon durch einige Stahlbäder gegangen. Wir müssen unbedingt für Kontinuität sorgen", sagt er. "Es darf nicht mehr viel passieren beim HSV. Man kann die Pferde nicht immer wieder im Galopp wechseln. Aber es werden sicher schwierige Phasen kommen." Er selbst fühlt sich stark genug, dem oft selbstherrlichen Financier Rudolph ("wenn ich den Trainer bezahle, will ich auch bestimmen, wer es wird") die Stirn zu bieten. Schwalb sieht nichts Falsches an solchen Aussagen des Präsidenten, das sei sein gutes Recht. "Ich komme nicht als Duckmäuser daher und habe keine Probleme mit Rudolph." Er tausche sich täglich mit ihm aus, sagt aber auch ganz klar: "Für die Mannschaft bin ich verantwortlich." Schwalb ist offen, zugänglich, ein moderner Mensch mit Verständnis für die Sorgen und Nöte der Profis. Doch er kann sie auch hart anfassen, und das wird er auch müssen, denn ein Problem des HSV ist seit langem der mangelnde Einsatz gegen schwache Gegner.
Martin Schwalb weiß, wie anspruchsvoll der neue Job in der Metropole ist, doch schocken lassen will er sich nicht mehr. "Ich war zuletzt in Wallau für alles zuständig. Wenn der Mannschaftsbus drei Minuten zu spät kam, haben mich alle bös angeschaut." Nun soll es nur um Handball gehen.