Endzeitstimmung in Wallau
Endzeitstimmung in Wallau
Der Handball-Bundesligist gerät immer ärger in Bedrängnis / Jens Tiedtke wechselt zum TV Großwallstadt
VON JÜRGEN HEIDE
Heute (19.30 Uhr, Euregium) steht für den Handball-Bundesligisten SG Wallau/Massenheim in dem Pokalviertelfinale bei der HSG Nordhorn das bisher wichtigste Spiel der Saison an. Mit einer Überraschung beim heimstarken Tabellenvierten könnte der Erstligazehnte seine Träume vom europäischen Wettbewerb aufrechterhalten und seine Finanzen aufbessern, obwohl der Einzug in die Pokalendrunde in Hamburg (16./17.April) laut SG-Manager Bülent Aksen "definitiv nur mit einer fünfstelligen Summe" verbunden ist. Ein sportlicher Erfolg würde aber auch das stark angekratzte Image des Clubs wenigstens etwas aufbessern, was in diesen Tagen dringender denn je erscheint. Denn über Wallau sind dunkle Wolken aufgezogen: durch den gestern Nachmittag bekannt gewordenen Wechsel von Nationalmannschafts-Kreisläufer Jens Tiedtke zum Erzrivalen TV Großwallstadt, durch den bevorstehenden Abgang von Trainer Martin Schwalb zu Tusem Essen, durch die unwürdige Behandlung von Jan-Olaf Immel seitens des Vereins sowie durch die finanzielle Schieflage.
"Aksens Behauptungen skandalös"
So musste Aksen gestern Mittag bei der von der SG einberufenen Pressekonferenz die Meldung vom Dienstag, wonach Wallau per Option den Vertrag von Jan-Olaf Immel um ein Jahr verkürzt hat, bestätigen. "Wegen der gesundheitlichen Situation" des Europameisters, der sich nach seiner Schulteroperation im Rehatraining befindet, sei dies geschehen, so Aksen. Er sei "erschrocken", dass sich die Situation bei Immel "wegen Verklebungen an seiner Schulter eher noch verschlimmert hat. Niemand gibt uns die Garantie, dass Eike wieder da hinkommt, wo er einmal war. Wir können aber keinen kranken Spieler verpflichten." Frühestens Ende statt Anfang März rechne er wieder mit dem Nationalspieler, fügte Aksen an, wobei sein Zeitplan verwundert, da Schwalb schon im Dezember davon ausging, "dass Immel frühestens Ende März wieder spielen kann". Erst auf Nachfrage gab Aksen zu, dass die Kündigung für Immel einen Tag vor dem Fristende "auch eine wirtschaftliche Komponente" hat.
Immel zeigte sich "sehr enttäuscht, denn ich habe seit 1996 hier alle Hochs und Tiefs mitgemacht. Dabei habe ich mich dem Verein gegenüber immer loyal verhalten und auf Geld verzichtet." Deutlicher wurde sein Berater Wolfgang Gütschow: "Immels gesundheitliche Situation ist vorgeschoben. Ausschließlich finanzielle Gründe waren für die Kündigung ausschlaggebend. Deshalb sind Aksens Behauptungen in der Öffentlichkeit skandalös. Hier geht es lediglich darum, den Preis und den Marktwert des Spielers zu drücken." Ausdrücklich verwahrten sich Gütschow und Immel dagegen, dass sich seit der Operation im Dezember die Schulterverletzung des Rückraumakteurs verschlimmert habe. Dass Aksen über ein neues Angebot, mit dem er Immel über dessen Karriere hinaus binden will, keine Details nennen konnte, war bezeichnend für den Auftritt des überfordert wirkenden Managers. "Ich weiß von dem Angebot nichts", so Immel, der Anfragen einiger Clubs hat.
Schwalb erfuhr von Immels Kündigung erst vergangene Woche, wobei der Coach in die Entscheidung "nicht eingebunden war". Wert legt der Trainer darauf, "dass es nicht heißt, Schwalbe trägt diese Entscheidung mit." Schwalb bestätigte, "dass mir interessante Angebote vorliegen, ich aber definitiv noch keinen Vertrag woanders unterschrieben habe". Das dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, weil dem Trainer auch gestern bei Aksens Ausführungen der Frust deutlich anzumerken war. So ist nicht auszuschließen, dass Schwalb seinen Abschied bekannt gibt, ohne bei einem neuen Club unterschrieben zu haben. Dies hat Jens Tiedtke in Großwallstadt bereits für drei Jahre getan. "Ich gehe dorthin, weil der Verein mir ein gutes Konzept vorgelegt hat, auf wirtschaftlich sicheren Beinen steht, das Management gut arbeitet und die Halle immer voll ist", so der 25-Jährige.