Armstrong: Leblanc ist hirnverbrannt
Berlin/Hamburg/Washington (dpa) - Der in eine weit reichende Doping-Affäre verwickelte Radprofi Lance Armstrong geht zum Gegenangriff über und reagiert offensiv auf die neuerlichen Anschuldigungen.
Der siebenmalige Tour-de-France-Sieger bezeichnete die Vorwürfe von Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc in einer Telefon-Pressekonferenz mit ausgewählten Journalisten aus einem Hotelzimmer in Washington als «absurd». Der Franzose hatte dem erfolgreichsten Radprofi der Gegenwart nach Bekanntwerden der positiven Urinprobe aus dem Jahr 1999 vorgeworfen, die Sportwelt betrogen und zum Narren gehalten zu haben.
«Es gibt nicht nur eine B-Probe. Es gibt sieben A- und B- Proben, die alle negativ sind. Alle Proben, die ich während meiner Tour-Jahre abgegeben habe, enthielten definitiv kein EPO», sagte Armstrong, der als nächstes in der Sendung des Talkmasters Larry King Stellung beziehen will. «Ich habe mindestens ein halbe Stunde mit Leblanc telefoniert. Dabei hat er nicht einen einzigen Vorwurf geäußert, mit dem ihn die `L`Équipe` zitiert hat», meinte er weiter. Der «L`Equipe» warf er vor, die Veröffentlichungen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten lanciert zu haben: «Das verkauft sich sehr gut». Vorher war die Ehrung des Texaners für seine sieben Toursiege bei seinem Sponsor Discovery Channel in Silver Springs zu einer Solidaritäts-Kundgebung geworden.
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De Ceaurriz hatte in Zusammenarbeit mit der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) in einem neuen Epo-Erkennungsverfahren die 150 Proben der Frankreich-Rundfahrten analysiert. Sechs positive Proben aus dem Jahr seines ersten Toursieges 1999 wurden laut «L`Equipe» Armstrong zugeordnet. Von den meisten Urinproben sei noch eine genügend große Menge vorhanden, um DNA-Tests vorzunehmen und nötigenfalls in einem Gerichtsverfahren zu beweisen, von welchem Fahrer welche Proben stammen, sagte de Ceaurriz.
Der französische Sportminister Jean-Francois Lamour bekräftigte die Ansicht vieler Experten, dass eine Bestrafung Armstrongs oder Sanktionen gegen ihn unmöglich erscheinen, weil die Gegenkontrolle durch eine zweite Probe nicht stattfinden kann. «Ich habe die in `L`Équipe` abgedruckten Laborprotokolle nicht im Original gesehen. Aber, wenn es stimmt, was in der Zeitung steht, ist das ein schwerer Schlag gegen den Radsport», sagte Lamour. Bundesinnenminister Otto Schily sprach sich im Anti-Doping-Kampf für schärfere Kontrollen aus.
Rudolf Scharping, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), sagte der «Bild»-Zeitung: «Wenn das stimmt, ist Jan Ullrich für mich der moralische Sieger der Tour de France.» Der frühere Verteidigungsminister sieht es als zulässig an, Urinproben erst Jahre später mit neuen Methoden noch einmal zu testen. «Niemand darf sich hinter der Wand noch nicht entdeckter Nachweisverfahren verstecken können.»
Armstrong selbst sieht sich wegen der fehlenden Möglichkeit einer Gegenprobe schutzlos an den Pranger gestellt. «Allein aus moralischen Gesichtspunkten: Wie kann man einen Mann derart öffentlich verfolgen, wenn dieser nicht einmal die Möglichkeit hat, sich zu verteidigen?» Dabei bezichtigte er das Labor Chatenay-Malabry der doppelten Verletzung des Codes der WADA. Im Falle nur noch einer verbleibenden Urinprobe müsse diese anonym bleiben und dürfe selbst zu Forschungszwecken nur mit Einverständnis des Athleten geöffnet werden.
Die Vereinigung der Profiradsportler, CPA, mahnt in diesem Kontext die Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht an. CPA- Sprecherin Arlette Dumas forderte den Weltverband UCI auf, den Standard in Zukunft sicherzustellen. Die CPA unterstütze ohne Wenn und Aber den Kampf gegen Doping, könne aber den Bruch der Anonymität der untersuchten Proben von 1999 im Fall Armstrong nicht hinnehmen. Die französische Sporttageszeitung «L`Équipe» hatte die Ergebnisse des Pariser Doping-Labors Chantenay-Malabry dem siebenfachen Toursieger zugeordnet.
Klage gegen L´Equipe angekündigt
Armstrong: Es war kein EPO in meinem Körper
(sid/ra) - In der Debatte um den mutmaßlichen Dopingsünder Lance Armstrong ist der siebenmalige Tour-de-France-Sieger in die Offensive gegangen und hat sich auf einer Pressekonferenz in Washington den amerikanischen Medien gestellt. Dabei bezog der Texaner zu den neuen Dopinganschuldigungen Stellung. Der 33-Jährige bestritt dabei erneut jegliche Einnahme verbotener Mittel und kündigte rechtliche Schritte gegen die französische Sportzeitung L´Equipe und möglicherweise auch das Pariser Labor an.
Armstrong vermutet Manipulation
Der Tour-Rekordsieger sprach den positiven Epo-Befunden jede rechtliche wie auch medizinische Gültigkeit ab und stellte sogar den Verdacht der Manipulation in den Raum: "Es gab sieben Jahre lang A-Proben und B-Proben. Und alle waren sie negativ. Ich garantiere, dass auch im Jahre 1999 kein Epo in meinem Körper war - bei Abgabe der Proben." Niemand wüsste, wie sie in der Zwischenzeit behandelt worden wären. Das Pariser Labor hätte sich zudem nicht an die vorgeschriebene Geheimhaltung der B-Proben gewährleistet und damit gegen die Richtlinien der Welt-Antidoping-Agentur WADA verstoßen.
Eigentlich war der längst geplante Auftritt als Präsentation für Armstrongs amerikanische Sponsoren gedacht, ehe der Artikel in L´Equipe die Tagesordnung über den Haufen warf. "Wo soll ich beginnen", eröffnete Armstrong mit einem Seufzer sein Plädoyer, in dessen Verlauf er schnell zum Gegenangriff überging: "Überrascht bin ich eigentlich nicht. Schließlich besteht zwischen mir und den Franzosen eine lange, innige Hassliebe."
Attacke gegen L´Equipe
Unerwartet kam für ihn nur der Zeitpunkt der neuen Attacken: "Ich glaube, L´Equipe hat die Sache lange geplant. Wahrscheinlich wären sie damit lieber zu Beginn oder während der letzten Tour auf den Markt gekommen, aber aus irgendeinem Grund wurde die Sache verzögert." Armstrong unterstellt dem Fachblatt ausschließlich geschäftliche Interessen: "Am Ende dreht es sich nur darum, mehr Zeitungen zu verkaufen. Das ist ihnen gelungen. Leider stecke ich mitten drin und kann mich kaum wehren."
In die Riege der Zweifler an der Aussagekraft der Tests reihte sich inzwischen Dr. Christiane Ayotte ein, Direktorin des nationalen Dopinglabors Montreal: "Ich bin erstaunt darüber, dass man Epo nach fünf Jahren nachweisen kann. Nach unseren bisherigen Erfahrungen ist dies nur über wenige Monate möglich." Sie wolle allerdings die Kompetenz des Pariser Labors nicht in Frage stellen: "In jedem Fall gibt es für mich ein ethisches Problem. Proben, die im Sinne der Forschung anonym untersucht werden, müssen auch anonym bleiben."
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Positive Proben auch 1998
Nicht nur Armstrong - EPO-Skandal weitet sich aus
(sid) - Die in der Sportzeitung L´Equipe erhobenen EPO-Dopingvorwürfe gegen den siebenmaligen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong scheinen nur der Anfang eines großen Doping-Skandals zu sein. Der französische Anti-Doping-Experte Jacques de Ceaurriz, der das französische Anti-Doping-Labor in Chatenay-Malabry leitet, bestätigte in einem Interview der Süddeutschen Zeitung (Freitag-Ausgabe) die Equipe-Angabe über die Anzahl der positiven Dopingproben bei der Tour 1999 und gab darüber hinaus weitere Befunde bekannt.
Über alle Untersuchungen wurde die Welt-Anti-Doping-Behörde Wada informiert. Armstrongs Vorwurf, dass das Pariser Labor gegen die Bestimmungen der Geheimhaltung von Namen verstoßen habe, wies er zurück.
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Doping-Kriterien müssten geändert werden
"Die Wada wollte wissen, ob die Sportler ihre Dopingmethoden in den vergangenen Jahren verändert haben. Sie vermutete auch, dass die Fahrer im Training stärkere Dosen nehmen und diese dann im Rennen nur noch auffrischen. Wir sollten herausfinden, ob diese geringen Dosen während des Rennens noch zu entdecken sind. Die Überlegung, die dahinter steckt, ist die: Wenn die Dosen während des Rennens wirklich so gering sind, muss man dann nicht die Kriterien, ab wann ein Fahrer gedopt ist, verändern", sagte der 56-Jährige.
Der Mediziner wünscht sich nicht, wie bislang üblich, punktuelle, sondern im größerem juristischen Rahmen abschreckende Strafen. Urinproben seien zur Beweisführung jedenfalls noch in ausreichendem Maße vorhanden. Rechtliche Schritte von Seiten Armstrongs, die der Texaner am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Washington angedroht hatte, fürchtet de Ceaurriz nicht: "Ein eindeutiger Fall mit klaren Fakten. Wir haben Informationen an die Behörden weitergeben, nicht an die Presse. Das Labor hat die Anonymität der Proben respektiert. Wir haben niemals die Kontrollprotokolle mit Namen versehen".
Auftritt in Larry-King-Show
Armstrong: Die Franzosen mögen keine Gewinner
Washington (dpa) - Der deutsche Verbands-Präsident Rudolf Scharping sieht keine Gefahr, dass die Doping-Affäre Armstrong den eigenen Kompetenz-Bereich berühren könnte.
«Ich habe keinen Grund zu Spekulationen», sagte der ehemalige Verteidigungs-Minister vor dem Hintergrund, dass noch 40 positive Proben der Tour de France 1998 auf namentliche Zuordnung warten. Die Tour vor sieben Jahren, die durch den «Festina-Skandal» erschüttert worden war, hatte der inzwischen an einer Überdosis Kokain verstorbene Italiener Marco Pantani vor Jan Ullrich und Bobby Julich (USA) gewonnen.
Von 1999 seien in 80 nachuntersuchten Proben 12 positive Ergebnisse festgestellt worden, von 1998 wiesen 40 von 70 Analysen das Blutdoping-Mittel EPO auf, erklärte der Pariser Laborchef Jacques de Ceaurriz der «Süddeutschen Zeitung». «Das wird jetzt Sache der Juristen sein, ob die Namen bekannt werden. Hinter den Kulissen hat wahrscheinlich längst ein mächtiges Gerangel eingesetzt», vermutete Hans-Michael Holczer, der Manager des Teams Gerolsteiner.
Die Proben liegen inzwischen der Welt-Antidoping-Agentur (WADA) vor, sagte de Ceaurriz, der die Nachanalysen der eingefrorenen Urinproben aus den Jahren 1998 und 1999 im Auftrag der WADA vorgenommen hatte. Holczer gewann der Affäre einen positiven Aspekt ab: «Wir haben eine neue Dimension der Abschreckung erreicht. Aus Sicht eines Rennstall-Chefs, der jeden Tag auf Vertrauen angewiesen ist, ist das eher von Vorteil.»
Lance Armstrong hat die neuen Dopingvorwürfe erneut vehement zurückgewiesen. In einem Interview mit dem US-Senders CNN sagte Armstrong: «Ich habe noch nie gedopt. Die Anschuldigungen sind absurd. Ich schlafe gut und kann jeden Morgen in den Spiegel schauen». Der siebenfache Toursieger stellte den Test, mit dem in Urinproben Armstrongs von 1999 nach eigenen Angaben das Blutdopingmittel EPO nachgewiesen hat, in Frage. Er sei bis heute nicht zuverlässig. Zudem seien sämtliche Testrichtlinien in dem französischen Institut verletzt worden, niemand habe die Tests überwacht. Es gebe keine Kontrollproben. Unklar sei auch, ob die Urinproben fachgerecht aufbewahrt worden seien.
Unterstützung findet Armstrong durch den deutschen Experten Professor Dr. Fritz Sörgel. Nur wenn «das Pariser Labor im Jahr 1999 tatsächlich auch EPO-Proben selbst hergestellt und die Stabilität über Jahre zuverlässig überprüft hat», könnten solche Forschungsergebnisse überhaupt verwendet werden, sagte der Institutsleiter für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg. Dies bezweifele er. Bei derartigen Analysen seien «Lagerung und optimaler Transport von entscheidender Bedeutung». Dies müsse dokumentiert werden. Immerhin werde durch die nun bekannt gewordenen Ergebnisse «ein Lebenswerk in Frage gestellt».
«Kein Athlet kann in so ein Verfahren Vertrauen haben», sagte Armstrong in der Larry King-Talkshow. Während seiner Tourstarts sei er rund 100 Mal kontrolliert worden - immer mit negativem Ergebnis. «Unmittelbar vor der vergangenen Tour klopften Vertreter des französischen Gesundheits-Ministeriums an meine Zimmertür und ich musste zwei Urin- und Blutproben geben. Kein anderer Fahrer wurde an diesem Tag kontrolliert. Also kann ich es noch lauter sagen: Es ist eine Hexenjagd».
Armstrong verwies auf die abgekühlten Beziehungen zwischen den USA und Frankreich als möglichen Hintergrund für den Enthüllungsbericht der Zeitung «L`Equipe». Außerdem sei der französische Radsport noch nie so schwach gewesen wie heute. «Sie mögen keine Gewinner», sagte Armstrong, betonte aber, dass er viele Freunde in Frankreich habe. Klagen schloss Armstrong zwar nicht aus, unter anderem gegen die Zeitung, das Labor, den französischen Sportminister und die WADA.
«Das ist jedoch kostspielig und langwierig und es hält eine negative Geschichte lange am Leben», sagte der 33-jährige Armstrong, der seinen Fernseh-Auftritt in der für ihn heiklen Thematik cool und selbstsicher absolvierte. Wegen anderer Doping-Anschuldigungen ist Armstrong zur Zeit in acht Rechts-Streitigkeiten verwickelt.
Amerikaner glauben an seine Unschuld
USA wittern Verschwörung gegen Armstrong
(sid) - Die USA stehen zu ihrem Superstar und vermuten eine französische Verschwörung im Fall Lance Armstrong, die Diskussionen unter Experten und Radsportfans um den siebenmaligen Tour-Sieger reißen nicht ab. Zumindest in Armstrongs Heimat Texas glauben viele an dessen Unschuld.
Abstimmung über mögliche Reaktion
"Schaut euch doch die Fakten an. Die Franzosen stört es nicht, wenn wir ihren Wein kaufen. Aber abgesehen davon scheren sie sich keinen Deut um uns", schreibt die Tageszeitung USA Today: "Sie konnten nie akzeptieren, dass ihr Juwel, die Tour de France, von einem Amerikaner dominiert wird." Das Blatt startete sogar eine Abstimmung darüber, wie Armstrong auf die Vorwürfe reagieren solle. Die Vorschläge reichen von "Komm wieder zurück und gewinn die Tour noch einmal" bis "Schicke ihnen eine Ladung saure Weintrauben".
Die französische Sporttageszeitung L´Equipe hatte den Zusammenhang zwischen den positiven Epo-Proben aus dem Jahr von Armstrongs erstem Toursieg 1999 in einem Pariser Labor und dem Rekordfahrer anhand offizieller Unterlagen hergestellt. Auch Armstrong selbst hatte sein ohnehin schlechtes Ansehen bei den Franzosen in der populären US-Talkshow Larry King für die "Hexenjagd" gegen ihn mitverantwortlich gemacht.
Holczer: "Neue Dimension der Abschreckung"
Als "Bruch im goldenen Sockel" Armstrongs bezeichnete Hans-Michael Holczer, Teamchef beim deutschen Gerolsteiner-Rennstall, die Enthüllungen um eine positive Epo-Probe Armstrongs aus dem Jahr seines ersten Tour-Sieges 1999. "Die Aufdeckungen sprechen für den Radsport und gegen die Theorie, es gebe bei uns eine Verbrüderung von Dopingvertuschern. Wir haben eine neue Dimension der Abschreckung erreicht", sagte Holczer der Stuttgarter Zeitung.