Hallo Ihr Lieben,
Als ich 1993 meine Ausbildung zur Pferdewirtin in Deutschland begann, war ich hin und weg von meinem Ausbilder. Niemand konnte so reiten wie er, niemand konnte so unterrichten wie er. Heute sehe ich den Mann mit ganz anderen Augen. Sein Charakter, seine Methoden Pferde auszubilden, und sein Umgang mit Personal, waren die Hauptgründe warum ich das Handtuch schmiss und meine Ausbildung nach fast 2 Jahren nicht mehr zu Ende gemacht habe.
Meine Art der Ausbildung harmonierte keineswegs mit seiner Art. Seine Art der Ausbildung war von Verkaufsdruck, schnell Geld kassieren und die Macht zu Beherrschen beeinflusst. Meine Art der Ausbildung benötigte Zeit, viel Geduld und eine Menge Arbeit an die Basis, sehr oft für das Pferd aber auf jeden Fall mit dem Pferd.
Wie oft musste ich in seinem Auftrag Pferde während des Reitens verprügeln, wie oft musste ich ein schon erschöpftes junges Pferd noch eine Runde in Galopp scheuchen oder ein völlig spring-ungeeignetes Pferd durch den Parcours jagen. Meine Ausrüstung: Sporen, Gerte, Schlaufzügel. Oft wusste ich nicht dass „meine“ Pferde unter Wasserentzug standen um gefügiger zu sein, oft wusste ich nicht wohin ich mit meiner Wut und Trauer hinsollte.
Ich konnte aber wenigstens die Behandlung einige Pferde steuern, wenn ich oben saß zum Beispiel, oder wenn ER unterwegs war. Klar konnte er befehlen die Sporen noch stärker einzusetzen, aber ich konnte mir die Sporen aussuchen, und ich wusste dass immer nur eine Seite des Pferdes für IHN sichtbar war. Daher konnte ich auch eine geringfügig sanftere Art und Weise wählen…
Am Schlimmsten war es jedoch wenn abends alle Kunden weg waren. Wir, die Azubis, freuten uns schon auf den wohlverdienten Feierabend, und dann kam der Anruf: Tina, bitte Pferd xy satteln, bin in 5 Minuten unten. Da wusste ich schon was passieren würde. Und ich hatte immer Recht. Dieses Pferd wovon ich rede war einmalig in Schönheit, Temperament, Ehrgeiz und Wille. Dennoch hielt ER es für notwendig die Stute bei der Piaffe dermaßen zu schlagen dass ich hinterher die Plastikfaser-Stücke aus ihrer Bauchdecke herausziehen konnte, während ich mit kaltem Wasser die offenen Wunden abkühlte. Und bei einem anderem Pferd konnte ich nicht genug schwarze Schuhcreme finden um die von Sporen durchlöcherte Haut abzudecken damit der Besitzer es nicht sieht…. Ich erwähne auch gar nicht wie oft ich Gamaschen von umgedrehten Bierkappen sauber gemacht habe. Sein Sohn hat die beim Springunterricht benutzt….. Beim Turnier waren die Zuschauer immer von dem „heissen“ Auftritt des Ausbilders begeistert…. Keiner hatte aber zugesehen wie er mit dem Pferd 10 Minuten vorm Einreiten im Wald war…..
Ein schwerer Unfall brachte das Fass zum Überlaufen, und ich war weg. Ich habe gekündigt und kehrte den Ausbildungsbetrieben den Rücken. Bis heute habe ich meine Ausbildung aufgrund des Erlebten nicht zu Ende gemacht. Aber die Leidenschaft zu den Pferden ist noch da, und meine Art und Weise der Ausbildung eines Pferdes auch. Klar, ich werde auch manchmal wütend, und ja ich setze mich auch ab und zu verstärkt durch. Aber heute habe ich Zeit und ich stehe nicht unter Erfolgsdruck und somit muss ich nicht quälend sein, das lasse ich nicht zu. Ich würde schon gern wieder „professionell“ mit Pferden arbeiten, nebenberuflich, aber ich wüsste nicht ob die Pferdebesitzer so viel Zeit und Geduld haben wie ich.
Tja, ein kleiner Auszug aus meinen Erfahrungen mit Frack und Zylinder….