Handball
"Haken dran" - aus dem Rückraum führt der Aufsichtsrat Regie
Von Richard Leipold
Es dauerte eine ganze Weile, bis Richard Ratka auch etwas sagen durfte. Als die Granden des einst weltberühmten VfL Gummersbach im Kölner Sport- und Olympiamuseum die Perspektiven für die neue Spielzeit ausleuchteten, blieb der neue Trainer zunächst am Rande, nicht nur weil die Regie ihm einen Platz an der Außenseite des Podiums zugewiesen hatte. In der Rückraummitte, da, wo das Spiel gemacht wird, führte der Aufsichtsrat das Wort. "Wir wollen ganz klar besser sein als im vorigen Jahr und die da oben ärgern", sagte der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Gerd Rosendahl, eine Ikone aus glorreichen VfL-Zeiten.
In der vergangenen Saison belegten die Oberbergischen in der Handball-Bundesliga den sechsten Platz und qualifizierten sich zum ersten Mal nach mehr als einem Jahrzehnt wieder für einen europäischen Wettbewerb. Als die Richtung vorgegeben war, stellte Rosendahl neue Spieler wie den französischen Rückraumstar Daniel Narcisse und den dänischen Kreisläufer Ian Marko Fog vor. Am Ende philosophierte er über taktische Formationen wie die "französische Achse" mit Narcisse, Francois-Xavier Houlet und Cedric Burdet. Der neue Trainer habe nun den Auftrag, aus Individualisten mit mehr als tausend Länderspielen eine Mannschaft mit Teamgeist zu machen.
Hoch hinaus
Da fragte sich mancher, was Ratka solch profunden Aus- und Einblicken noch hinzufügen würde. Der Trainer teilte zunächst mit, er habe sich "gut eingelebt". Das mag ihm helfen, im Mikrokosmos der VfL Handball Gummersbach GmbH zurechtzukommen, in der die bei Kapitalgesellschaften übliche Trennung zwischen dem Kontrollorgan Aufsichtsrat und der Geschäftsführung ein wenig unscharf wirkt.
Der als starker Charakter geltende Ratka wiederholte zunächst, was Rosendahl vorgegeben hat, und ging sogar in die Offensive. "Ob es der fünfte, vierte, dritte Platz wird oder noch weiter nach oben geht, ist schwer einzuschätzen." Der Trainer hat begriffen, daß sein Ensemble um den notorischen Torschützenkönig Yoon hoch hinaus will und muß - schon um seine "Premiumsponsoren" bei Laune zu halten, deren Zuwendungen mehr als achtzig Prozent der Einnahmen ausmachen.
"Haken dran"
Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Hans Peter Krämer, der den Verein faktisch führt, hat sich vorgenommen, den Traditionsklub wieder an die nationale und internationale Spitze zu bringen. Gemeinsam mit Geschäftsführer Carsten Sauer hat der handballbegeisterte Chef der Kölner Kreissparkasse den VfL saniert und für den Angriff auf die Spitze gerüstet.
Für die neue Saison kalkulieren die Gummersbacher mit einem Budget von fast vier Millionen Euro, das ist der höchste Etat der Vereinsgeschichte. Beim Blick in die Zukunft kommt Krämer gern auf die bisher erreichten Zwischenziele zu sprechen - ähnlich einem Politiker, der voller Stolz verkündet, sämtliche Wahlversprechen eingehalten zu haben: erst den Abstieg verhindert, dann einen einstelligen Tabellenplatz belegt und zuletzt den Europapokal erreicht. "Haken dran", sagt Krämer.
"Glücksfall mit drei Ausrufezeichen"
Offenbar beeindruckt von dieser Story, faßt auch Ratka Mut. Ihm scheint bewußt, daß er die Erfolgsgeschichte weiterschreiben muß, ob er kann oder nicht. Im Europapokal sollte die Mannschaft "das Halbfinale oder gar das Finale erreichen, je nach Auslosung und Glück", sagt er. Die Führungskräfte versprechen sich viel von ihm. Intern wird er beim VfL schon vor seiner Premiere an diesem Samstag bei Aufsteiger HSG Düsseldorf als "Glücksfall mit drei Ausrufezeichen" gehandelt.
Da aller Anfang für Gummersbach in dieser Saison besonders schwer ist, haben die Verantwortlichen Ratka für die erste Zeit eine Art Garantie ausgestellt - die braucht er möglicherweise auch. Im September trifft man auf die Spitzenteams aus Lemgo, Kiel und Flensburg. "Aber Ratka steht überhaupt nicht unter Druck", behauptet Krämer, "er weiß, wie Handball geht, er hat unser absolutes Vertrauen." Eine Trainerdiskussion werde der Verein nicht führen, unabhängig vom Ausgang der ersten Spiele.
Der Geschäftsführer geht
Schwergefallen sind die vergangenen Monate auch Carsten Sauer, dem Geschäftsführer, der als letzter zu Wort kam. Mit einem Lächeln wartete er geduldig, bis Krämer zu jenem Thema überleitete, das nicht ganz zu der forschen Zuversicht im Klub paßte. Denn Sanierer Sauer reichte seinen Rücktritt ein. "Das Tor nach Europa steht offen, das ist der richtige Zeitpunkt zu gehen." Er sei ausgebrannt und brauche eine Pause, sagte der Manager, obwohl er gar nicht so aussah.
Der Wunsch nach einer Vertragsauflösung kam für den Aufsichtsrat überraschend, wie Krämer sagt. Aber beide Seiten können mit der Trennung offenbar gut leben. Sauer sagt, er wolle "so schnell wie möglich gehen", und Krämer, der noch keinen Nachfolger berufen hat, spricht von einer "völlig undramatischen Veränderung". Was immer hinter den Kulissen geschehen sein mag: Diese Äußerungen deuten an, wie sehr der Geschäftsführer und der Aufsichtsrat einander vermissen werden.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.9.2004
Bildmaterial: PRESSENS BILD