Weltrekord beim Eiertanz
Wie interviewt man einen Dopingsünder?
von André Mielke
Es gab Beschwerden. Nun hat ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender reagiert. Möglich, sagt er, dass einige Mitarbeiter "von der Enttäuschung über nicht erfüllte Erwartungen überwältigt" gewesen seien. Aber er finde nicht, dass seine Fernsehreporter mit deutschen Sportlern in Athen unangemessen umgesprungen wären.
Wie zur Illustration führte am Donnerstag ein ARD-Kollege musterhaft vor, wie man taktvoll, zurückhaltend, höflich bis höfisch mit Sportlern umgehen kann, beziehungsweise mit einem ehemaligen amerikanischen Hochleistungsmenschen. Und wer kurz zuvor im ZDF noch "Berlin-Mitte" hatte verfolgen können, war zum Schluss doppelt fröhlich.
Bei Maybrit Illner ging es irgendwann auch um Doping. Sie erinnerte daran, dass Supersaubermann Carl Lewis bei den Ausscheidungsrennen für die Spiele 1988 gleich auf drei Aufputschmittel positiv getestet worden war. Diese Ergebnisse hatten bis zum vergangenen Jahr vertuscht werden können. Nun fragte die Moderatorin ausgerechnet Katrin Krabbe, ob man denn Lewis nicht seine Geldmedaillen nachträglich wegnehmen müsste. Nicht schlecht. Aber das war noch nicht der eigentliche Witz.
Der begann erst eine Viertelstunde später im Ersten mit "Beckmanns Olympia Nacht", dem heimtückischsten Anschlag auf die christliche Seefahrt seit Klaus Störtebeker. Und wer war zufällig zu Besuch auf dem Kreuzfahrtschiff? Klar, Carl Lewis. Genau der, der noch mit 27 eine Zahnspange tragen musste, weil sein Kiefer wuchs und wuchs und wucherte und überhaupt nicht mehr damit aufhören wollte.
Gemeinsam erinnerten sich Beckmann und sein Gast an das 100-Meter-Olympiafinale 1988 in Seoul. Das heißt, an den Lauf, an dem Lewis eigentlich hätte nicht teilnehmen dürfen, weil, wie gesagt, bei der Qualifikation etwas vorgefallen war. Aber so schroff mochte Beckmann das nicht ausdrücken: "Ben Johnson gewinnt, bekommt aber die Goldmedaille aberkannt, weil er gedopt war. Gibt es eigentlich noch Kontakt zu Ben Johnson?" Raffiniert. Beckmann wusste bestimmt, dass sich die beiden noch nie ausstehen konnten. Logisch, es gibt keinen Kontakt.
Nächster Versuch: "Ein verrückter Geschäftsmann will jetzt das Finale 1988 wiederholen lassen. Sie wollen nicht mitmachen. Warum?" Natürlich konnte Beckmann jetzt nicht erklären, dass jener "verrückte Geschäftsmann" ein irreguläres Rennen vielleicht nur unter regulären Bedingungen wiederholen lassen will. Lewis sagte es auch nicht, sondern, dass er kein Spitzensportler mehr sei, sondern neuerdings Schauspieler. Und was für einer. Aber an Beckmann kam er nicht heran.
Noch ein Anlauf: "Könnte der Fall der beiden griechischen Sprinter das Image der Leichtathletik beschädigen?" Nein, sagte der frühere US-Sprinter. Die Kontrollen seien doch erstklassig.
Beckmann schien schon entschlossen, die Kriechspur nimmermehr zu verlassen. Aber jetzt griff er an: "Wir begrüßen, dass in Amerika ein aktiverer Umgang mit Doping da ist. Wie sehr begrüßen Sie das selbst?" - O ja, super, wunderbar, Carl Lewis war "sehr stolz" darauf.
"Aber Sie gestehen ein, dass dies eine neue Entwicklung in Amerika ist, die es vorher in der Form nicht gegeben hat? - "Richtig. Das hat erst im letzten Jahr begonnen." Auch richtig. Deshalb war Carl Lewis ja im letzten Jahr aufgeflogen. Aber weil dieser Sachverhalt unaussprechlich ist, wechselte Beckmann lieber das Thema. Perfekt. An diesem Abend dürfte er seine persönliche Bestleistung übertroffen haben. Aber in welcher Disziplin? Wettschwiemeln? Spiegelfechten? Gibt es da vielleicht schon einen Weltrekord? Und warum ist Eiertanz eigentlich nicht olympisch? Eistanz ist es doch auch.