Berliner Zeitung
Hampelmann auf Höhenflug
Torwart Johannes Bitter steht stellvertretend für das Modell der jungen Magdeburger Handballer, die jetzt schon viel besser sind als geplant
Markus Völker
Handballtorhüter sind leicht zu erkennen. Sie tragen graue Schlabberanzüge und machen vor dem Spiel komische Bewegungen. Die Knie und die Arme schnippen nach oben und in der Luft herum, als zöge eine unsichtbare Hand hektisch an den Fäden einer Gelenkpuppe. Das sieht aus wie ein Hampelmann auf Speed. Oder wie ein Aerobiclehrer, der im Video-Schnelldurchlauf die Zeit überholt. Dabei weckt der Torwart nur seine Reflexe. Die ausgetretenen Pfade zwischen den Synapsen sind sein Kapital, wenn Bälle mit einer Geschwindigkeit von 150 Sachen auf ihn zufliegen.
Wenn Johannes Bitter, 21, sich aufwärmt, sieht das besonders komisch aus, weil der Torwart des SC Magdeburg 2,03 Meter groß ist und sein schlaksiger Körper die Reflexe verborgen hält. Umso überraschender ist es, wenn Bitter plötzlich in einem Tempo loslegt, dass man glaubt, seine Extremitäten hielten den Fliehkräften nicht Stand. Bitter, das sollte sich im Verlauf der Partie gegen die SG Flensburg-Handewitt herausstellen, hatte sich bestens aufgewärmt in der Bördelandhalle. Gleich die ersten zwei Würfe parierte der Abwehrkünstler - und so ging es weiter. Insgesamt wehrte er 24 Bälle ab. Magdeburg gewann 32:26, die Meisterschaft ist wieder offen. Flensburg liegt noch vorn, aber betrachtet man die Minuspunkte, hat sich Magdeburg einen kleinen Vorteil im Titelrennen verschafft.
Im Hinspiel hatte Bitter schon sein Potenzial angedeutet, als er 27 Schüsse hielt und seinem Team zum 30:19-Auswärtserfolg verhalf. Nun wurde der Rückspielsieg enthusiastisch gefeiert. Die Spieler tanzten Ringelreihen, und 7 600 Zuschauer skandierten: "Deutscher Meister wird nur der SCM."
Auch Johannes Bitter ließ sich feiern. Danach sagte er, er sehe sich nicht als Matchwinner; er verwies auf die geschlossene Leistung der Mannschaft. "Wir haben die Big Points gemacht", sagte er, "wir haben gezeigt, dass wir zu Hause eine Macht sind." Stefan Kretzschmar pries Bitters Auftritt: "Er hat eine Superpartie geboten, aber wir sollten ihn nicht zu sehr loben, sonst kriegt er noch einen Höhenflug."
Johannes Bitter steht für das Magdeburger Modell. Manager Bernd-Uwe Hildebrandt vertraut jungen Spielern. In dieser Saison wachsen diese über sich hinaus. "Das ist gar nicht nachzuvollziehen", wundert sich Hildebrandt. "In diesem Jahr ist alles nur Zugabe, wir können nur gewinnen." Trotz der Verletzungen von Leistungsträgern wie Kuleschow und Perunicic bleibt Magdeburg stabil. Das Team liegt noch in drei Wettbewerben aussichtsreich im Rennen: Pokal, Meisterschaft, Champions League. Dort treffen Flensburg und Magdeburg im Halbfinale wieder aufeinander.
Gewachsene Hochburgen
"Das wird hart für uns", glaubt Kent-Harry Andersson, Coach der Flensburger. Hildebrandt weist der SG die Favoritenrolle für die Spiele (13./21. März) zu: "Wir müssen nicht erfolgreich sein, die anderen sind in der Pflicht. Wir sind in einer Phase des Übergangs, deshalb bin ich gelassen bei wichtigen Spielen - was soll schon passieren?" Trainer Alfred Gislason hätte freilich nichts gegen einen Titel. Der Isländer ist seit 1999 Coach in Magdeburg, einer Region, die mit dem Handball lebt. Unweit gibt es mit Bernburg und Dessau traditionell gewachsene Hochburgen, in denen eine ähnlich gute Nachwuchsarbeit wie beim SCM betrieben wird.
Wächst im Umland kein Talent heran, zieht Hildebrandt größere Kreise. Zu Bitter baute er schon vor vier Jahren Kontakte auf. Damals spielte er noch bei einem Verein namens Varel/Altjührden; im Juli 2003 wechselte er an die Elbe. "In der Vorrunde waren seine Leistungen nicht so okay, aber wir wussten, dass er im März top ist", sagt Hildebrandt. Von Bitters ansteigender Formkurve profitiert das Team, und auch von der Dynamik, die sich im Lauf dieser Saison entwickelt hat, in der der SCM ohne den nach Spanien abgewanderten Olafur Stefansson auskommen muss. "Früher haben alle Stefansson gesucht, jetzt sind wir auf allen Positionen gefährlich." Kretzschmar, sagt Gislason, spiele die Saison seines Lebens, Joel Abati sei zum Leader gereift und auch Grzegorz Tkaczyk, der beste Schütze, absolviere "eine Riesensaison".
All das findet Gilason "ein bisschen komisch". Aber eigentlich ist es ganz einfach: Magdeburg hat den Weg zum Ziel erkoren. Und auf diesem Spaziergang fühlt sich das Team ausgesprochen wohl.