Zehn Minuten vor der Abstimmung kamen plötzlich noch zwei Delegierte aus den Mitgliedsländern Syrien und Palästina in den Kongress-Saal. Die hatten drei Tage nicht am Kongress teilgenommen, nun wurden sie plötzlich nachgemeldet. Man braucht sicher wenig Fantasie, um zu erraten, für welche Bewerbung diese beiden Verbände gestimmt haben.
Hier ein Interview mit H. Jacobsen aus der Berliner Zeitung:
Die Überraschung war groß: Am Wochenende, beim Kongress des Handball-Weltverbandes IHF in St. Petersburg, wurde die Männer-WM 2005 nach Tunesien vergeben. Für das afrikanische Land stimmten 46 Delegierte, für Deutschland 44. Bundesliga-Chef Heinz Jacobsen (62), der zur Delegation des Deutschen Handball-Bundes (DHB) gehörte, über die Abstimmung.
Frage: Herr Jacobsen, wie erklären Sie sich die Entscheidung?
Heinz Jacobsen: Das ist schwer zu erklären. Das ist ähnlich wie in der Politik, in der Uno oder anderen Institutionen. Da geht es manchmal nicht um sachliche Entscheidungen, sondern um Machtspiele. In St. Petersburg haben sich Blöcke gebildet, Asien und Afrika zusammen, und die haben sich dann durchgesetzt.
Frage: Das muss Sie ärgern, angesichts der klar besseren Rahmenbedingungen für Handball in Deutschland.
Jacobsen: Dass wir hervorragende Rahmenbedingungen zu bieten haben, bestreitet keiner. Dem hält Tunesien nicht mal im Ansatz stand. Und die Präsentation der Tunesier war ein Touristenvideo. Von Kompetenz für die Austragung eines solchen Großereignisses konnte man da wenig sehen. Schon im Vorfeld haben alle gesagt: Die WM kann nur nach Deutschland gehen.
Frage: Und dann?
Jacobsen: Zehn Minuten vor der Abstimmung kamen plötzlich noch zwei Delegierte aus den Mitgliedsländern Syrien und Palästina in den Kongress-Saal. Die hatten drei Tage nicht am Kongress teilgenommen, nun wurden sie plötzlich nachgemeldet. Man braucht sicher wenig Fantasie, um zu erraten, für welche Bewerbung diese beiden Verbände gestimmt haben.
Frage: Wie lief das genau ab?
Jacobsen: Kurz bevor die genaue Stimmenzahl für die Abstimmung festgestellt wurde, ging die Tür im Kongress-Saal auf, und es erschienen die zwei Delegierten. Das lief alles hinter meinem Rücken ab - ich saß ganz vorn und konnte es nicht genau sehen. Dann wurde in den Saal reingerufen: Hier sind noch zwei Delegierte dazugekommen.
Frage: Was haben Sie da gedacht?
Jacobsen: Ich fand das sehr merkwürdig. Da tauchen plötzlich zwei Leute auf, die offensichtlich mit Handball nicht viel am Hut haben. Wieso kommen die sonst am Sonnabendnachmittag, kurz vor dieser Abstimmung, zum Kongress - wo der doch fast zu Ende ist?
Frage: Welche Rolle spielte IHF-Präsident Hassan Mustafa aus Ägypten in dieser Angelegenheit?
Jacobsen: Das ist für mich schwer durchschaubar. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er sich vorher für uns eingesetzt hat. Wenn er das getan hätte, hätten wir die Abstimmung nicht verloren.
Frage: Nicht einmal alle Europäer sollen für Deutschland gestimmt haben.
Jacobsen: Das macht mich nachdenklich und hat mich sehr enttäuscht, denn die Zusagen sind vorher gegeben worden. Am besten lässt sich das an der Vergabe des nächsten IHF-Kongresses dokumentieren, die ist ähnlich abgelaufen: Luxemburg hatte sich, neben drei oder vier anderen Ländern, beworben. Die Europäer hatten gesagt, wir werden uns alle für Luxemburg aussprechen. Sie waren mit 41 Nationen vertreten - und Luxemburg hat 29 Stimmen bekommen. Das sagt alles.
Frage: Es sollte doch eigentlich eine neue Satzung, die unter anderem vorsah, künftig nicht mehr den Kongress, sondern den Rat über die WM-Vergabe entscheiden zu lassen, verabschiedet werden.
Jacobsen: Auch so eine unprofessionelle Geschichte. Der Rat hatte einer Arbeitsgruppe unter dem Vorsitz von Karl Güntzel den Auftrag erteilt, eine neue und moderne Satzung für den Weltverband zu erarbeiten. Auch das Procedere der WM-Vergabe war ein wichtiger Punkt. Als sich aber andeutete, dass die Mehrheit des Kongresses offenbar gegen die neue Satzung sein wird, hat sich seitens des Rates keiner mehr entsprechend engagiert. Die Mitglieder des Rates haben sich in kollektives Schweigern gehüllt. Was sie sich dabei gedacht haben, wissen sie allein.
Frage: Wer ist Ihnen Ihrer Einschätzung nach in den Rücken gefallen?
Jacobsen: Da kann ich nur spekulieren, und das will ich nicht machen. Da könnte ich den Falschen treffen.
Frage: Welche Motive vermuten Sie bei den Umfallern?
Jacobsen: Zum einen Taktik, mancher erhofft sich vielleicht eigene Vorteile; zum anderen auch ein bisschen Missgunst gegenüber Deutschland.
Frage: Glauben Sie, dass Stimmen gekauft wurden?
Jacobsen: Es sind einige Beobachtungen gemacht worden, aber die will ich nicht kommentieren. Mit rechten Dingen, das sage ich aber ganz klar, ist sicher nicht alles zugegangen.
Frage: Lässt sich das für den gesamten Kongress sagen?
Jacobsen: IHF-Präsident Mustafa hat keine gute Figur bei der Abhaltung des Kongresses insgesamt abgegeben. Da sind einfache demokratische Spielregeln nicht beachtet worden. Anträge wurden nicht behandelt oder ignoriert und sind erst auf Zuruf aus dem Plenum wieder aufgegriffen worden. Es war alles ziemlich chaotisch. Eines Weltverbandes war das absolut unwürdig, wie dieser Kongress abgelaufen ist. Von Sachkompetenz war wenig zu spüren. Es ging ständig nur darum, Macht auszuspielen und Macht an sich zu reißen.
Frage: Welche Konsequenzen zieht die deutsche Delegation?
Jacobsen: Wir werden das in Ruhe analysieren mit dem Team, das in St. Petersburg anwesend war, dann werden wir uns positionieren. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass wir bestimmte Hilfen in Handball-Entwicklungsländern vorerst deutlich reduzieren werden.
Interview: Andreas Lesch
Quelle: Berliner Zeitung