In Gedanken groß
Das Handballteam HSV Hamburg hat seine Bundesligapremiere erlebt – und lobt sich heftig dafür
Hamburg – Es gibt da dieses Foto, das hätte sich bestimmt hübsch gemacht auf den Litfaßsäulen der Stadt. Es zeigt Bertrand Gille, 24, Handball-Weltmeister aus Frankreich. Der Blick richtet sich auf ein smartes Jungengesicht und einen muskelbepackten, nackten Oberkörper. Leider ist das Bild nur in Hamburger Tageszeitungen abgedruckt worden, weil das Kleingeld für eine ausgedehnte Werbekampagne fehlt. Das wurde, außer in Bertrand Gille, in zwei weitere namhafte Verstärkungen gesteckt – Gilles Bruder Guillaume (ebenfalls Weltmeister) und den schwedischen Torhüter Tomas Svensson (dito). So aber haben die meisten weiblichen Fans, die womöglich in Scharen herbei geströmt wären, noch nichts vom schönen Bertrand erfahren, und aus der Bundesliga-Premiere der vermeintlichen neuen Handballmacht HSV Hamburg wurde eine eher mühselige Angelegenheit.
Sieg über Minden
Sportlich reichte es zu einem 22:20-Sieg über GWD Minden, wobei der Gegner nach Auskunft seines Trainers Aleksandr Rymanow mit einer „sehr schlechten Leistung“ nachhalf und zudem ein Sieben-Tore-Vorsprung fast verspielt wurde. Und bei der Suche nach einem neuen Publikum sind die aus dem kleinen Bad Schwartau in die 60 Kilometer entfernte Metropole delegierten Neu- Hamburger, die mit der gemieteten HSV-Raute auflaufen und von nun an ein Spitzenteam sein sollen, erst einen kleinen Schritt voran gekommen – die laut Veranstalter 3700 Zuschauer, die vermutlich nur 2800 waren, von denen wiederum an die 1000 mit Freikarten ausgestattet waren, taten sich noch schwer mit dem Enthusiasmus für das fremde Team, das sich dauerhaft allenfalls mit 6000 regelmäßigen Kunden finanziert. Dabei hatte man zur Förderung der Stimmung aufgeboten: Einen Moderator des zum neuen Sponsorenpool zählenden NDR, der sich als Experte dröhnender Animation erwies („Freunde, wir brauchen einen Schlachtruf: HSV“); einen Clown mit HSV-blauer Perücke; jede Menge Pauken; zwei Dutzend Cheergirls mit goldenen Wuscheln; Damen vom Striptease-Lokal Dollhouse; und für die Herrschaften der Vip-Abteilung einen Alleinunterhalter am elektrischen Klavier. Auch eine Reise nach Mallorca und ein VW Polo standen zur Verlosung in der alten Hamburger Sporthalle, die das provisorische Domizil ist bis zur Fertigstellung der funkelnden ColorLine-Arena am Volkspark im November.
Dann, ja dann soll es wirklich losgehen mit dem Handball-Boom in in der kühlen Hansestadt Hamburg, wo die Bundesliga seit 26 Jahren nicht mehr zuhause war. Bis dahin gilt es, die kleinen Zeichen der Hoffnung ein bisschen größer darzustellen als sie vielleicht sind. Anders Fältnäs, der freundliche Schwede auf der HSV-Bank, hat auch gleich ungewohnte Superlative bemüht. Rückraumspieler Guillaume Gille, der in seinem ersten Spiel immerhin acht Tore warf, wurde prompt „der beste Neuzugang der Bundesliga“. Die Leistung der Hamburger Deckung in der ersten Halbzeit (nur sechs Gegentore) inspirierte den Coach zu der kühnen Aussage: „Ich habe in meinem Leben keine bessere Abwehr gesehen.“ Die vier Paraden, mit denen Keeper Svensson am Schluss den Sieg rettete, wertete Fältnäs als Beleg, „dass ich jetzt zwei Weltklasse-Torhüter habe“. Und weil man gerade bei der PR war, meldete sich auch noch Manager Werner Nowak zu Wort. „Ich“, sagte Nowak, „fand die Stimmung in der Halle großartig. Die Leute haben eine gute Show gesehen.“