Quelle: SHZ-Online
Waren THW-Gesellschafter von Ex-Manager Schwenker eingeweiht?
Handball-Skandal: Sportrechtler Thomas Summerer sieht ausreichend Indizien für Zulassung der Anklage / Hoffnung für SG Flensburg-Handewitt
MÜNCHEN/Kiel
Der renommierte Sportrechtler Dr. Thomas Summerer räumt der SG Flensburg-Handewitt gute Chancen auf Schadensersatz als Geschädigter im Handball-Manipulations-Skandal ein. Summerer sieht in den von der Staatsanwaltschaft Kiel eingereichten Anklagepunkten Untreue, Betrug und Erstellung einer falschen Bilanz ausreichendes Beweismaterial für die Zulassung des Hauptverfahrens. „Da werden wir uns wohl im Sommer vor dem Kieler Landgericht treffen“, sagte Summerer im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Münchner Anwalt hält es sogar für möglich, dass der SG nachträglich der Champions League-Titel zugesprochen wird.
„Die Anklage gibt genug Rückenwind, den Schaden einzuklagen“, fasst Thomas Summerer (Foto) seine Erkenntnisse zusammen. Hierbei gehe es um eine „beträchtliche sechsstellige Summe“. Nach Angaben aus Flensburger SG-Kreisen steht ein Betrag von 500 000 Euro im Raum. „Ein Triumph in der Königsklasse bringt Sponsorengelder in dieser Höhe ein. Außerdem kommen noch eine Reihe weiterer Vorteile nach einem solchen Erfolg hinzu“, misst Summerer dem Champions-League-Sieg eine hohe sportliche und wirtschaftliche Bedeutung zu.
Dem THW wird vorgeworfen, während der Amtszeit von Ex-Manager Uwe Schwenker und Ex-Trainer Noka Serdarusic mindestens zehn Champions-League-Partien manipuliert zu haben, darunter das Finale 2007 gegen die SG. „Wir sind so gut wie sicher, dass die Vorwürfe zutreffen“, führt Summerer aus. Mittlerweile sei das Gesamtbild auf dem Tisch, so dass man die Mosaiksteine aus den Akten zusammen gebaut habe. „Es ist schon sehr dubios zugegangen“, hat Summerer festgestellt.
Der von der SG Flensburg-Handewitt engagierte Rechtsanwalt ist bestrebt, die SG als Nebenkläger auftreten zu lassen. „Somit könnten wir einige sehr interessante Zeugen benennen und laden lassen“, merkt Summerer an. Der Anwalt zählt zu diesen Zeugen auch damalige Gesellschafter des THW, die, so Summerer, „von den Vorgängen gewusst haben müssen“. Darauf gibt es auch deutliche Hinweise aus Kieler Kreisen, wie unsere Zeitung erfahren hat. So soll dann auch Ex-Olympiasieger Willi Holdorf vor Gericht erscheinen. Bislang ging Holdorf einer Aussage vor der Staatsanwaltschaft aus dem Weg, indem er Krankenmeldungen vorlegte.
Ein weiteres Faustpfand glaubt Summerer mit zwei Analysen von international anerkannten ehemaligen Schiedsrichtern in der Hand zu haben. Danach sei der THW im Champions-League-Endspiel gegen Flensburg „in erheblichem Maße in entscheidenden Situationen“ bevorteilt worden, weiß der Sportrechtler.
Als „Unverschämtheit“ bezeichnet Summerer den Vorwurf des Anwalts von Ex-Manager Schwenker, die Staatsanwaltschaft habe das Verfahren nicht eingestellt, weil sie sich nicht dem „Vorwurf eines Kieler Klüngels“ habe aussetzen wollen. „Das ist eine Missachtung der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsarbeit, die 65-seitige Anklageschrift hat sehr viel Substanz“, fügt Summerer hinzu.
Auch eine Aberkennung des vom THW in dem Champions-League-Endspiel gewonnenen Titels hält Summerer für möglich. „Die Regularien der EHF sehen dieses sehr wohl vor, wenn ausreichend Beweise vorliegen. Die Aussage vom THW-Aufsichtsratschef Klaus-Hinrich Vater, dass der Titel auf alle Fälle in Kiel bleibe, bezeichnet Summerer als „Verkennung der Realität“. Herr Vater sollte sich insbesondere in seiner Funktion als Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Kiel nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, rät Summerer.
Möglicherweise, so Thomas Summerer, könne auch der Titel nachträglich der SG Flensburg-Handewitt zuerkannt werden. Dies sei zwar Neuland, „aber auch dafür werden wir kämpfen“, gibt sich der Münchner Sport- und Medienrechtler zuversichtlich.
JÜRGEN MUHL